Der Phantomschmerz

Der 15. Oktober in Rom und die Tage danach – eine Wochencollage

Schlagzeilen haben in Italien eine eigene Bedeutung. Die Orte, an denen sie an den Leser gebracht werden, sind nicht in Bahnhöfe oder Geschäftszeilen relegiert, sondern stehen mitten auf dem Bürgersteig, an einer Bushaltestelle, auf belebten Plätzen. Edicole, die Zeitungskioske sind omnipräsent und hängen ihre Produkte unparteilich aus, verleihen damit den Fotografien und den Textbalken die Strahlkraft, für die Aufmacher gestaltet sind: Schaut her! Fünf Tage wurden sie von Ereignissen vom vergangenen Samstag in Rom beherrscht, obwohl auch hier der Grundsatz gilt, dass nichts so alt ist wie eine Nachricht von gestern.

Das hat mit einer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit zu tun. 800 sogenannter Black Blocs haben einer friedlichen Demonstration von Hunderttausend im Zeichen von #occupy ihren Stempel aufgedrückt. Und damit eine weiche Stelle offenbart, von der wohl jeder gehofft hatte, sie würde allein durch Zeitablauf aushärten: Der G8-Gipfel in Genua 2001, die über 150 Attentate zwischen 1968 und Anfang der 1980er, Strategien der Spannung.

Bis hin zu einer nach ihm benannten Methode, die der ehemalige Innenminister Francesco Cossiga in seiner Amtszeit als Staatspräsident so umschrieben hatte: „Die Polizeikräfte von den Straßen und den Universitäten abziehen, die Bewegung mit Agents Provocateurs infiltrieren, die zu allem bereit sind und zulassen, dass die Demonstranten die Läden zerstören, Autos verbrennen und die Stadt in Schutt und Asche legen. Danach, stark der Zustimmung des Volkes, werden die Sirenen der Rettungsfahrzeuge die der Polizei überdecken müssen.“

Zum Glück hat es keinen Toten gegeben“ war ein erstes Common in den Zeitungen vom Sonntag, begleitet von der Fotografie eines jungen Mannes, der einen Feuerlöscher wirft. Er ist das Sinnbild für Carlo Giuliani, der am 20. Juli 2001 in Genua unter ähnlichen äußeren Umständen von der Polizei getötet worden war. Der Gipfel der 8 industrialisierten Mächte der Welt hatte unter der Präsidentschaft von dem auch damals amtierenden Silvio Berlusconi als Hauptthemenden Kampf gegen die Armut und die der Entwicklung“. Der Leitfaden im Argument, da Armut nicht mehr nur eines aus Entwicklungsländern ist, sondern in zehn Jahren den Kern von Wohlstandsstaaten erfasst hat, findet seine logische Fortsetzung: No global war in der Hinsicht nicht zu stoppen und ist nun das identitätsstiftende Wort occupy. Nur dass diesmal kein Innenminister wie in Genua befohlen hatte, auf Demonstranten „notfalls zu schießen.“

Aber Gewalt und Tote, das ist in Italien auch eine ganze Saison gewesen, „gli anni di piombo“, wie sie in Anlehnung an Margarethe von Trottas „Die bleiernen Jahre“ bezeichnet wird. Anders als im Narrativ, das einen Ausschnitt deutscher Geschichte liefert, ist die Reduktion auf wiedererkennbare Charaktere im Italien von heute weder dargestellt noch darstellbar.

Denn wenn die Roten Brigaden in Italien auch eine zentrale Rolle in dem gespielt haben, was als linker Terrorismus bezeichnet wird, so haben spezifische Ereignisse die Epoche, die Menschen und ihr Bewusstsein mitgeprägt, weil sie jeden treffen konnten und jeden betrafen – das Attentat vom 12. Dezember 1969, bei der eine Bombe in einer Bank  in Mailand explodierte (17 Tote, 88 Verletzte) bis zu jenem vom 2. August 1980 am Bahnhof von Bologna (85 Tote, 200 Verletzte) erfassten auf grauenvolle Weise indiskriminiert Pendler, Kunden, Männer, Frauen, Studenten, Arbeiter.

Trotz jahrzehntelanger Prozesse und einiger Verurteilungen sind zentrale Fragen zu Auftraggeber und Täter unbeantwortet geblieben. Ganz generell gingen die Fingerzeige entweder zu „anarchischen Kreisen“ oder zu rechtsextremen Gruppierungen wie den Nucleo Armato Rivoluzionario (NAR). Verurteilt wurden aber auch hohe Offiziere italienischer Geheimdienste, die Beweismittel gefälscht und falsche Fährten gelegt hatten. Mit ihnen kam der italienische Staat auf die Anklagebank:  Neben den Gefängnisstrafen für die Beteiligten mit dem unauslöschlichen Verdacht, selbst Protagonist einer Strategie der Spannung zu sein.

Warum die Polizei in Rom gezaudert“ habe, war dementsprechend die zweite Frage, die an den Zeitungskiosken einzusehen war. Denn tatsächlich waren die Ausschreitungen angekündigt gewesen.  In einem anonym geführten Interview mit der linksliberalen La Repubblica vom vergangenen Montag bekannte einer der „Schwarzen“: „Wir haben uns nicht versteckt. Die Bewegung tut nur so, als würde sie uns nicht kennen. Aber sie weiß ganz genau, wer wir sind. Und wusste, was wir tun würden, so wie es auch die Bullen wussten. Wir haben es öffentlich angekündigt, was unser 15. Oktober sein würde.“

Womit er die online-Veröffentlichungen unter anderem bei indymedia italia meinte, wo bereits ab Mitte September zur „Insurrektion“ aufgerufen worden war: „Die (europäische) Bewegung ist mit einem überraschend revolutionären Geist erwacht. Natürlich werden uns die Polizeikräfte angreifen, auch wenn es keinen Grund für Auseinandersetzungen geben sollte (den es aber geben wird und von unserer Seite aus geben muss)“.

Der Umstand, dass Ordnungskräfte erst zwei Stunden nach dem Beginn der Ausschreitungen begonnen hatten, einzugreifen, hat Kommentatoren jeglicher Couleur oder Provenienz zur Methode Cossiga geführt. Poliziotti.it, eine Plattform nicht gewerkschaftlich organisierter Polizeikräfte, versinnbildlicht aber den Spagat. Auch sie hat via Social Media die Ereignisse Minute für Minute verfolgt und zeitnah kommentiert. Auch sie hatte Kenntnis von den Ankündigungen auf indymedia. Auf die Frage, warum die Polizei nicht sofort gegen die Blocs vorgegangen sei, antwortet ein langjähriger Moderator: „Die Frage solltest du unseren Vorgesetzten stellen, die den Dienst koordinieren und leiten … den informationellen Diensten … und hier höre ich auf.“ Während ein anderer meint: „Nach Genua hat keiner mehr Lust, als böser Bulle durchzugehen, besser die Rolle des Nichtstuers einnehmen. Damit lebt man länger.“

Dabei sind die Extreme in den Positionen ihrerseits von unvereinbar anmutenden Gegensätzen gekennzeichnet. Denn wo die Polizeiplattform Stimmen wiedergibt, die Basiskomitees verlangen, aber kontrastiert werden von solchen, die ihre „Arbeit gründlich erledigen“ und dafür regelrechte Immunität wollen, findet sich eine Analogie in den Beiträgen bei indymedia: Wer sich auf die Prinzipien der offenen Versammlung auf der Plaza del Carmen in Granada vom 17. Mai („ungewerkschaftlich, unparteilich, areligiös“) berufen und dies in Rom realisiert sehen wollte, wurde mit Beschimpfung bedacht: „Du nervst mit deinen Versammlungsgeschichten und den Lektiönchen zur Straßendemokratie.“

Angesichts derartiger Spaltungen war es nur folgerichtig, dass ab Montag die ersten Seiten der Zeitungen abermals von den Fotografien des jungen Mannes beherrscht waren, der einen Feuerlöscher wirft. Die Frage lautete nun: Wer ist das und drückte die Aufforderung aus, zur Identifizierung beizutragen. Bereits während der Demonstrationen und den Ausschreitungen hatten sich Gruppen formiert, die zum Ruf „Faschisten, Faschisten“ und „Verschwindet von hier“ Front gegen die Vermummten gemacht, einige von ihnen gegriffen und der Polizei übergeben hatten. Die Empörung hatte sich in Furor gewandelt und sich in die eigene Mitte gekehrt.

Ein Riss, den insbesondere die Organisatoren der Demonstration zu spüren bekommen haben. Über 250 verschiedene Organisationen und Verbände hatten sich angemeldet gehabt und teilgenommen. Den Kern bildeten laut einem Interview das Projekt Vereint für die Alternative, gewerkschaftliche Organisationen und die Sozialzentren des ARCI (Vereinigung zur italienischen Erneuerung und Kultur). Ihre Stimme war in einem Artikel in der linken Tageszeitung Il Manifesto bereits im August veröffentlicht worden, in dem das Ziel des öffentlichen Protestes ausgegeben worden war. In einem Augenblick, da sich vermittels der Sparbeschlüsse der italienischen Regierung Ökonomie als Berechnung von Politik versinnbildlicht, hätten auch liberal-ökonomische Standpunkte ihre Identität verloren. Angesichts der geschichtlichen Dimension des „Tsunami“,  „des Angriffs auf die Demokratie, die Garantien und Rechte, auf die Sozialsysteme, ist auch die Gelegenheit geschichtsträchtig.“ Für Neuwahlen, zu denen die Kandidaten selbst sich einer Vorauswahl durch das Volk zu unterziehen hätten, so die Forderung der Autoren.

Dem wurde nicht nur durch die Taten am 15. Oktober widersprochen, sondern auch in der Rechtfertigung, die etwa das Sozialzentrum Askatsuna in Turin auf seinem Blog am Sonntag veröffentlicht hat: „Die Initiativen der letzten Tage wollten einer verbreiteten und nicht darstellbaren Wut die Spitze nehmen und sie kanalisieren. Sie hat sich heute in all ihrer Mannigfaltigkeit ausgedrückt. Sagen wir es ganz klar, wenn es je ein Land gegeben hat, in dem die Empörung in Stinkwut umgewandelt werden musste, dann ist es das Italien, das eine wirklich schmerzhafte Gegenwart durchlebt.“

Bemerkenswerte Aussagen angesichts dessen, was zeitgleich in über 900 anderen Städten weltweit passierte. Oder wozu sich im Zeitungsinterview ein Dreißigjähriger bekannt hat: „Wir befinden uns im Krieg. Unseren ‘Master‘ haben wir in Griechenland gemacht. Die Athener Genossen haben uns beigebracht, dass die urbane Guerilla eine Kunstform ist, in der Organisation Trumpf ist.“

Praktisch unwidersprochen dominierten Dienstag und Mittwoch zwei Themen die Schlagzeilen: Der junge Mann der Vortage wurde identifiziert, und die Regierung plant härtere Gesetze, um Vorfällen wie am Samstag vorzubeugen. Die innere Logik und der Zusammenhang stellen sich her, da die öffentliche Benennung des Studenten von den eigenen Eltern ausging. „Wir sind bestürzt, in völliger Verwirrung, wir wussten nicht einmal, dass er zur Demo gegangen ist“, werden sie zitiert. Geht es nach Politikern quer durch alle Fraktionen soll der Riss, der quer durch Familien und Generationen geht, mit paternalistischer Hand gekittet werden. Helfen sollen dabei die Einträge und Videos in den Social Media, um die Unruhestifter zu identifizieren. Eine besondere Spielart der Demokratisierung von Strafverfolgung.

Von dieser Seite her schließt sich der Kreis: Jene Gesetze, die auf dem Höhepunkt der anni di piombo erlassen worden waren und auch danach nie zurückgenommen wurden, sollen abermals verschärft werden. Ohnehin seit 1975 bestehende Schießbefugnisse, Vermummungsverbote und 96 Stunden richterlose Haft sollen um vorbeugende Haft und Schadenshaftung von Demonstrationsanmeldern erweitert werden. So wie der ganze Montag damit zugebracht worden war, hunderte von Wohnungen und Zentren so genannter „anarchischer Aufständische“ zu durchsuchen. Die Ereignisse vom Samstag haben weder die innere Logik noch die Gesetzmäßigkeit im Handeln des italienischen Staates tangiert. Sie dienen nun wiederum als Vorlage.

Was den Kreis auch bei den Organisatoren schließt. Denn ihre Alternativen und Visionen haben sie auf den öffentlichen Plätzen nicht mehr vortragen können. Sämtliche Mittel wurden abgeschnitten. Ein ehemaliger no global:  „Ihr wollt über die Polizeikette hinaus um zum Sitz des Ministerpräsidenten zu gelangen? Ich hätte gesagt, gut, machen wir das. Aber mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams, mit erhobenen Händen, ohne Schaufenster einzuwerfen oder Autos anzuzünden, dann hätten wir die Zustimmung halb Italiens gehabt.“

Was den Kreis bei den Indignati, den Empörten in ihrer Vielfalt schließt. Von #occupy wird für die meisten nur „Roma brucia“, Rom brennt bleiben, so wie Vandalismus als Mem zurückgeht auf einen als barbarisch bezeichneten Stamm, der einmal die Kapitale verwüstet haben soll. Die Freude, auf der Straße frei Gedanken zu äußern, ist einer Lähmung gewichen, die der Freudlosigkeit der Zeit nur eine dunklere Nuance hinzufügt. Ein Stück Möglichkeit ist amputiert worden.

Was den Kreis nicht bei denen schließt, die wegen und trotz allem versuchen, auch aus dieser Erfahrung zu lernen. Es schreibt einer der Organisatoren: „Die Antwort kann nicht sein, die Wirklichkeit in Abrede zu stellen. Die Jugendlichen, die alles zerstört haben und die zunächst den Protestzug und die Demonstration angegriffen haben, sind als politisches Problem zu begreifen. Entweder sind wir in der Lage, diese Krise unserer Bewegungen und Kämpfe anzugehen und zwar in einer offenen Auseinandersetzung und in wirklich demokratischer Praxis oder wir riskieren, dass unsere Kraft und unsere Gründe überwältigt werden. Sehr leicht ist es, dass angesichts dieser ökonomischen Krise, der Verzweiflung die sie produziert, des Ausschlusses und der demokratischen Krise, dass dadurch der Raum für Aktionen geöffnet wird für Taten, die den Charakter von Verzweiflung haben. Wollten wir das verhindern, müssen wir schnell heranreifen und ohne Heuchelei die Verantwortung für Fehlversuche übernehmen. Und der 15. Oktober in Italien ist ein solcher gewesen.“

Und wie beherrschen Schlagzeilen uns? e2m

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