Gefressen

Vor 100 Jahren starb Emilio Salgari. Der bekannteste italienische Romancier des Abenteuergenres wurde auch ins Deutsche übertragen. Eine nicht ganz freiwillige Wiederentdeckung

Verschlungen wurden von italienischen Kindern die ab 1969 erscheinenden Neufassungen der Romane von Emilio Salgari (1862-1911). Das lag nicht nur daran, dass Salgari fesselnde Abenteuergeschichten zu erzählen wusste. Mehr als 80 Romane fanden bei seinen Zeitgenossen eine bis dahin ungekannte Resonanz. Sandokan, eine seine populärsten Figuren, ist dank Übersetzungen früher und der Verfilmungen später auch hierzulande ein Begriff geworden.

Ausgabe 1969 SandokanDie erneute Faszination lag in der Bearbeitung durch den Schriftsteller Giuseppe Turcato unter Verantwortung des späteren Verlegers Mario Spagnol im Haus Mondadori. Das riesige Format von 23 x 28.5 cm, die Zusammenfassung der Erzählzyklen Salgaris in Kassetten weckten die Neugier auf den Inhalt. Und der war ein Novum, denn die Ausgaben waren kommentiert und illustriert. Neben Erklärungen zu Namen, Orten, Techniken, die enzyklopädisches Wissen rund 80 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers  wiedergaben, verbanden die Kommentatoren die Texte Salgaris mit seinen Quellen. Denn die Länder, über die er schrieb, hatte er nie gesehen. Der erste der italienischen Abenteuerromanciers bezog buchstäblich alles aus Narrationen Dritter, aus Reisetagebüchern und Journalen, die zu der Zeit europaweit Bestseller waren.

Salgari war in eine Zeit hineingeboren, da Gelehrtsein und Reisen mit Namen wie Charles Darwin oder Alexander von Humboldt in Verbindung gebracht wurden. Der Begriff Globetrotter war noch nicht erfunden, aber dessen Paten waren unterwegs – Sven Hedin, Heinrich Schliemann, Ruyard Kipling. Wie auch Salgaris Werk in einem Symposium zu seinem 100. Todestag so eingeordnet worden ist: „Der Autor war nicht nur der bekannteste in der Abenteuerliteratur, sondern stand an der Spitze einer breiten nationalen kulturellen Bewegung, die auf eine mysteriöse und exotische Welt im Orient schaute und dem Ehrgeiz einer jungen Nation  Ausdruck verlieh, Länder, Meere und Himmel kennen zu lernen und zu erforschen. Salgari suchte nicht die Tiefe, die Introspektion, die Wirklichkeit. Die Tat stand über dem Stillstand, die Wahrscheinlichkeit über der Wahrheit.“

Nach vielen Jahren diese Bände wieder in die Hand zu nehmen, die nachträglich eingefügten, aber zeitgenössischen Illustrationen zu betrachten, baut ein neues Narrativ auf: Das Wissen darum, dass im Abstand von 100 Jahren nach dem Tod des Schriftstellers der Blick auf die heutige Wirklichkeit immer noch und mehr mit Mythen zu tun hat als mit Wahrheit, wenn es um Länder außerhalb des unmittelbaren Blickhorizonts geht.

Legenden gestern und jetzt

Da wird etwa der gewaltsame Tod des Globetrotters Stefan R. nicht nur von einer deutschen Postille zu einer Geschichte um Kannibalismus gestrickt, die an die Legenden um das Ende des Entdeckers James Cook anknüpft: Segelboot, Südsee, Tahiti, Knochenreste. Sie bedient den ohnehin nicht stillbaren Hunger nach wohligem Schauer, wie das Bild von der Gefährlichkeit des Fremden, des Unbekannten, des Andersartigen.  Auch bei Salgari ist die Anthropophagie ein Erzählmotiv, einmal im Inneren Venezuelas, ein anderes Mal in australischen Gewässern: „Die Insel der Kannibalen“ lautet einer seiner Romantitel. Menschen, deren weitere Attribute „infidi e traditori“ von dem italienischen Schriftsteller zugeschrieben sind, unzuverlässig und verräterisch. Ganz in seinem Fahrwasser nimmt ein deutsches Blatt  diese urtümliche Konnotation auf, wandelt den Mord vom unhaltbar gewordenen Ritus des Menschenopfers zum Eifersuchtsdrama: „Das älteste Motiv der Menschheitsgeschichte“. Von Hunger will das Blatt offensichtlich nichts mehr wissen.

Zwischen dem Kannibalismus in der Wahrnehmung des Emilio Salgari und unserem Datum liegt nicht nur eine wissenschaftliche Kontroverse um die Einordnung des Phänomens. Dazwischen liegt auch die Entwicklung, dass Tahiti heute über eine eigene Presseagentur verfügt, die sehr selbstbewusst schreibt: „Auch wenn Tahitipresse generell die Rubrik Vermischtes nicht abdeckt, so verdient doch die Verbreitung, die diese Angelegenheit in der internationalen Presse erfahren hat, dass man ihr einen Dämpfer versetzt. Denn egal ob in Deutschland, England oder sogar in Frankreich, die Medien haben nicht gezögert, von ‘Kannibalismus‘ zu sprechen, nachdem verbrannte menschliche Reste gefunden wurden, die die von Stefan Ramin sein könnten.“ Und zitiert genüsslich Staatsanwalt José Thorel: „C’est du délire“, das ist das reinste Delirium. Nicht ohne den Titel des Magistrats voll auszuschreiben – Procureur de la République en Polynésie française.

Die Pflege von Vorurteilen, die gelegentlich verschönernd als Ressentiments bezeichnet werden, funktioniert so lange, bis Betroffene sich dazu äußern können. Das ist nun unbeschränkt möglich und schreibt seinerseits an der Geschichte mit, die Europäer unfähig erscheinen lässt, selbst aus dem Genre Abenteuer etwas zu lernen. Immerhin hatte Salgari dem britischen imperialen Streben einige karikierende Denkmale in Form von bigotten bis bizarren Gouverneuren gesetzt. Diese Ironie ist unseren Zeitgenossen fremd, wenn sie von Französisch-Polynesien, den dortigen Taten und Staatsdienern schreiben.

Was bleibt, ist Ignoranz. Zu ihr könnte Nikolaus Blome einmal befragt werden. Man sagt, auch er sei ein begnadeter Geschichtenerzähler. e2m

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