Der letzte Mohikaner

Berlusconis Rücktritt hat das Zeug zum literarischen Klassiker und politischen Menetekel

Jetzt ist er also tatsächlich zurück getreten, der italienische Ministerpräsident. Von nun an, und wenn nichts dazwischen kommt, hätte damit auch der Unternehmer Berlusconi wieder mehr Zeit für seine Firmen, die in den letzten Wochen um die 1,2 Milliarden Euro an Wert verloren haben sollen. Vor allem Silvio, der Mann, könnte froh sein, sich endlich dem zu widmen, was 75-jährige Patriarchen sonst so umtreibt: Kinder auf den Knien schaukeln, Geschichten erzählen, milde lächeln.

Aber seit wann gelten banale Maßstäbe für jemanden, der die Geschichte eines ganzen Landes so offenkundig geprägt und mit einem politischen System gleichzeitig ein Firmenimperium aufgebaut hat – oder umgekehrt. Der sich zu einem der reichsten Menschen der Welt gemacht, zeitweilig seine Tochter Marina zu einer der einflussreichsten Frauen. Der junge Menschen so lange im Schoß schaukelte und dazu Storys erfand, bis ihm das Strafanklagen wegen Jugendprostitution und Amtsmissbrauch eingebracht hat.

Das ist Stoff für Legenden, an denen Italien bei aller Karenz so reich ist. Hat Nero tatsächlich Rom niedergebrannt, waren Lucrezia Borgia die Hure und berüchtigte Giftmischerin und Giulio Andreotti die omnipotente graue Eminenz der Ersten italienischen Republik, bis sie von der Zweiten made in Arcore abgelöst worden sein soll? Fragen, die immer und stets aufs Neue bewegen. Und diese Personen als Projektionsfläche für Phantasien und Phantasmen anbieten, die so vorzüglich der Deckung der eigenen Vorstellungswelt mit der Wirklichkeit dienen.

Was an kuriosen Ergebnissen abzulesen ist. Der aus der Tradition des Manchesterliberalismus kommende The Economist bricht in ein Hallelujah zum vorläufigen politischen Ende des marktaffinsten Politikers in der modernen Geschichte Italiens aus. Aus entgegengesetzter Provenienz („progressiv und links“) kommen dafür Stimmen, die einen der mächtigsten Männer Europas selbst als Opfer einer „marktkonformen Demokratie“, sprich: der EU sehen und deswegen den Rücktritt bedauern. Beiden gemeinsam ist: Sie sind durch das fixiert, was von Shakespeare bereits als Maß für Maß bezeichnet wurde – „Some rise by sin, and some by virtue fall„.

Fast will es scheinen, als würde nach dem weitgehenden Zusammenbruch der Systeme, die sich kommunistisch nannten und dem drohenden Kollaps dessen, was sich als kapitalistisch bezeichnet, mithin: nach dem Schwinden jeder Gewissheit nur noch die reine, unverfälschte und personifizierte Machtfrage übrig bleiben. Nicht Europa bestimme das Geschehen, sondern Merkozy, so wie sich über Jahre hinweg nicht der völlig entfesselte Marktprediger Berlusconi, sondern der vom Gürtel abwärts kolportierte zügellose Mann der Aufmerksamkeit sicher war.

Völlig richtig kommentierte also Wladimir Putin, primus inter pares der G8, mit Berlusconi trete „einer der größten europäischen Politiker, einer der letzten Mohikaner der Politik“ ab. Um im Kreis der geballten Medienmacht Russlands, dem Valdai Club anzufügen: „We do not believe that [the current political system in Russia] has fully exhausted itself, but we are not going to stand in place. The political system will be transformed to the extent the economy requires.”

Einen edlen Wilden frei nach James Fenimore Cooper wird Putin nicht gemeint haben. Wohl eher -und das überaus ernst- die romancierhafte Verfremdung wie Überdeckung eines Konflikts führender Europäischer Mächte um Suprematie. Wer sie angeführt hat, heute wieder anführt, sind die Fürsten des Niccolò Machiavelli. Zu diesem Kreis gehört Putin selbst, bis gestern Berlusconi.

Machiavelli war Florentiner und ist Pflichtlektüre in italienischen Gymnasien. Italien weiß, warum es gestern gefeiert hat. e2m

Advertisements

Sagen Sie uns Ihre Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s