Casanova in Paris

Eine Ausstellung zeigt zum ersten Mal dem Publikum das Manuskript von Giacomo Casanovas Autobiographie

 Was hat der Mann alles erlebt, wenn er 4.000 Seiten Autobiographie hinlegt. Und wie langweilig muss sein Aufenthalt auf Schloss Dux gewesen sein, auch wenn Karl Gassauer daraus eine nett verpackte Geschichte gemacht hat – um alt, jung, gedankenverlorenen Lüstling und um so mehr interessierte nicht ganz so Unschuld, um Rang, Stand und dessen Einbildungen. Sich derart tief in die eigene Historie vertiefen hat immer etwas von Gegenentwurf zur harten Wirklichkeit oder ist schiere Beschäftigungstherapie, vor allem wenn bis dahin der Autor Protagonist gewesen ist.

Giacomo Casanova hat das zunächst gar nichts geholfen, denn was aus seinen Memoiren überhaupt gemacht wurde, seit es in die Hände der Familie Brockhaus gelangte, spottet jeder Beschreibung. Gegründet auf eine puritanische Übersetzung durch den deutschen Verleger, wurden die sorgsam unterdrückten scharfen Passagen bei einer Rückübertragung ins Französische maßlos übertrieben. Damit wurde der Ruhm des Don Juan erst begründet – nicht dem Diplomaten und vielseitig Interessierten galt der Ruf, sondern dem Verführer. Erst in den 1960ern waren die Originaltexte erhältlich. 2007 entschloss sich die Familie Brockhaus, das Manuskript zu verkaufen und bot sie der Bibliothèque Nationale in Paris an. 2010 unterschrieb Kultusminister Frédéric Mitterrand  den Vertrag.

Nun ist Casanova eine eigene Ausstellung gewidmet, die um die Preziose herum gruppiert ist. Ob dabei der Schriftsteller so zur Geltung kommt, wie es ihm gebührt, kann angesichts des Rahmens nicht bezweifelt werden. Die Bibliothèque Nationale beschreibt die 10 Szenen, in die die Exposition aufgeteilt ist, als Einladung zur Entdeckung „du monde sensuel, audacieux et baroque de Casanova“. Eine sinnliche Erfahrung, sagt uns das. Dass es auf der Ausstellung ebenso streng riechen wird, wie auf dem Pariser Fischmarkt anno 1738, vier Jahre vor der Geburt Casanovas, wird sich nur denen erschließen, die vor Besuch noch schnell das Parfum gelesen haben. Aber wer die heutige Metropole kennt, darf sich eines sicher sein: Prächtig ist der Rahmen, üppig die Ausstattung  wie sensationell das Exponat. Casanova hätte sich nicht missverstanden gefühlt. e2m

Casanova, la passion de la liberté
15. November 2011 bis 19. Februar 2012
Bibliothèque Nationale de France
Site
François Mitterrand
Quai François-Mauriac
75706 Paris Cedex 13
Informationen auf
http://www.bnf.fr/fr/evenements_et_culture/anx_expositions/f.casanova.html
Interaktive Präsentation http://multimedia.bnf.fr/chroniques/chroniques_60/index.html#/4/
Katalog

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