Platz da!

Posted on 22. November 2011 von

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Für Parkgaragen fordert der ADAC mindestens einen Quadratmeter mehr je Stellfläche; aber wo bleiben die Menschen?

Mit „Freie Fahrt für freie Bürger“ markierte der Allgemeine Deutsche Automobil Club (ADAC) einen Höhepunkt in seiner bis dahin 71-jährigen Geschichte. Nach einigen autofreien Sonntagen bündelte der Club im Frühjahr 1974 damit das ganze Sentiment einer sich automobil begreifenden deutschen Fortschrittsgesellschaft. Sie wollte sich weder von Erdöllieferanten noch von Tempolimits zügeln lassen. Der Erfolg der Parole war derart, dass sie noch 1989 auf einem Transparent bei den Montagsdemos in Leipzig zu lesen war und als Exponat im Haus der Geschichte zu Bonn steht.

Auch 40 Jahre später formuliert Deutschlands größter Verein (Stand 2010: 17,28 Millionen Mitglieder) auf der Höhe der Zeit. Da die zügellose Freiheit trotz Ausbau in 8 Spuren und Verkehrsleitsystemen eine geworden ist, von einem Stau zum nächsten zu schleichen, ist Thema nun der Stillstand. Genauer: Öffentliche Garagen, in denen Vehikel in ihrem natürlichen Zustand der Antriebslosigkeit verwahrt werden.

Zum zweiten Mal hat der ADAC also seinen TestParkhäuser in deutschen Großstädten“ veröffentlich und bemängelt: „Selbst die Guten ließen zu wünschen übrig.“ Was vor allem an einem der „K.-O.-Kriterien bei der Bewertung“ liegt – „Parkplätze“, die „weniger als 2,30 Meter breit“ sind. Erst ab 2,50 m bei 5 m Länge würden Stellflächen „den Anforderungen moderner Fahrzeuge gerecht“. Die Länder müssten ihre  Garagenverordnungen diesen „neuesten Erkenntnissen“ gemäß anpassen, lautet die konsequente Forderung.

Dass sich Moderne und  deren Erkenntnisse an Wagenmaßen ablesen ließen, ist so neu nicht. Beim sehnsüchtigen Blick über den Ozean galt das Augenmerk „Life, liberty and the pursuit of happiness“ und deren Produkten, vor allem deren üppigen. Was mit einen Cadillac Calais (~ 586 x 200 cm, 2.100 kg) das Wohlgefühl einer oberen Mittelklasse bis weit in die Ölkrise hinein zu bedienen imstande war, bedeutete  für die Generation Volkswagen eine Verheißung. Da nun auch ein VW Passat imposante Maße angenommen hat (~ 477 x 182, bis 1.773 kg), wäre es möglich, dass Deutschland selbst zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden ist?

Die Meinungen dazu sind naturgemäß geteilt. Von Ferne und per Werbeträger besehen, sind wir das Land, in dem ein Auto mit Stern sogar dem Sensenmann ein Schnippchen schlägt. Für den Fahrer, dessen Leibesumfang regelmäßig in dem gleichen Maß zugenommen hat wie sein Anspruch als Selbstlenker, herrscht drangvolle Enge. Für 6,7 Millionen Hartz-IV-Bezieher misst der Beziehungshorizont 10 Quadratmeter – das ist der Unterschied in der Angemessenheit von Wohnverhältnissen, je nachdem ob alleine gelebt wird oder paarweise. In Berlin, der Hauptstadt der Autonation, bald nicht einmal mehr das. Selbst am Stadtrand sei keine günstige Wohnung mehr zu finden, titeln dieser Tage die Zeitungen, weswegen und weil die Jobcenter sparen wollen nur noch ein Umzug bliebe.

Parkgaragen sollen hell, freundlich, beheizt sein und natürlich in bester Lage. Kein Thema für die, die in Armut janz weit draußen geparkt werden. Dabei träfe auch auf sie das derzeitige Motto der automobilsten aller Lobbys zu: „Mitgliederwachstum im Minutentakt.“ e2m