Blut am Morgen

Posted on 13. Dezember 2011 von

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Wie auf so einer kleinen Fläche so viele Farben entstehen können, die alle den Gleichen Ursprung haben, finde ich immer wieder faszinierend. Es beginnt mit blau, manchmal violett und wird dezent grünlich um dann in einem kaum noch zu erkennenden gelb langsam zu verschwinden. Dabei ist die Entstehung dieses Farbenspiel wenig magisch. Es handelt sich um Zwischenstufen des Abbaus von Hämoglobin, dem Farbstoff im Blut. Menschen die länger im Krankenhaus sind, wird regelmäßig Blut abgenommen und wenn die Kollegen und Innen nicht vernünftig arbeiten, bleiben blaue Flecken. Da der Abbau in der Haut nach einem gleichmäßigen Schema abläuft, kann man an den Farben der Hämatome, so heißen blaue Flecken auf schlau, ablesen, wie lange jemand ungefähr im Krankenhaus ist. Die Dame vor mir ungefähr 10 Tage und in der Zeit hatte sich bereits so Mancher an ihren Armen versucht.

Als ich vor zwei Minuten ins Zimmer kam und freundlich grüßte, immerhin bin ich einer der ersten Menschen, den die beiden Insassinen heute zu Gesicht bekommen, schalte mir ein „Guten morgen Herr Doktor“ entgegen. Ich habe nicht immer die Gelegenheit zu sagen: „Soweit ist es noch nicht“ und nie, darauf hinzuweisen, dass nicht jeder Arzt ein Doktor ist und nicht jeder Doktor ein Arzt. Anfangs war mir noch wichtig darauf hinzuweisen, in welchem Stadium meiner Ausbildung ich mich befinde, doch den meisten Menschen ist das nicht so wichtig und sind mit meinem „Ja“ auf die Frage „Aber sie werden doch Arzt“ zufrieden.

Nun sitze ich, halte die Hand der Dame und suche, neben einer Vene, ein Gesprächsthema. Manchmal, so wird mir hinterher klar, breche ich ein Gespräch mitten im Satz ab, weil meine ganze Aufmerksameit von der Venensuche gefordert wird. Die erfordert auf dem Armen der vor mir sitzenden Dame etwas Geduld. Dabei streift mein Blick immer wieder die oben beschriebenen schlauen Blauen Flecken und ich ärgere mich ein wenig über meine Kollegen, denn einige dieser Dinger wären zu vermeiden gewesen, hätte sich jemand anders mehr Zeit gelassen, um den Tupfer hinterher festzudrücken und nicht nur festzukleben.

Blut abnehmen, wie man so schön sagt, ist keine schwierige Aufgabe. Wenn man es erst mal kann. Beliebt ist sie auch nicht, weder bei Ärzten noch bei Schwestern, die in immer mehr Krankenhäusern diese Aufgabe übernehmen müssen. Wie habe ich das eingentlich gelernt? An Orangen und Äpfel erinnere ich mich, die ich mit Nadeln traktierte. An Gummiarme und echte, von Kommilitonen und Freunden. Und Patienten. Besonders an eine, die mir, gerade mein 4. Semester hinter mir habend, sagte, als ich drauf und dran wieder aus ihrem Zimmer zu gehen, weil ich beim besten Willen keine Ahunung hatte, wo ich da Blut bekommen sollte, „Los, setzen se sich hin, wir machen das jetzt.“ Machten wir nicht, trotz zweimaligen Probierens. Aber am nächsten Tag. Übung und mutige ältere Damen machen den Meister.

Als ich gerade auch dieses Zimmer verlassen will um ein warmes Handtuch zu holen, ist meine Suche erfolgreich. Sprühen, wischen, „So, piekt“, pieken, Blut abnehmen. So einfach ist das. Das Wechseln der verschiedenen Röhrchen ist nicht immer ganz leicht, gerade wenn die Nadel nicht gut drin… Es bildet sich eine kleine Beule, zum Glück sind alle Röhrchen voll, die Nadel draußen, Tupfer drauf, drücken.

„So, fertig. Das wird aber leider einen Blauen Fleck geben.“

„Ach, das macht nichts Herr Doktor.“

So weit ist es noch nicht.

 

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