Missverständnisse über Homöopathie

Posted on 26. Dezember 2011 von

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In vielen Diskussionen zum Thema Homöopathie argumentieren Gegner und vor allem Befürworter auf Grundlage von Missverständnissen. So ziemlich jedem davon saß ich auch auf, bevor ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen. Ich versuche hier ein paar häufige aufzuklären.

Homöopathie ist Phytotherapie (Pflanzenheilkunde).
Das ist falsch. Es gibt zwar viele Pflanzen, auf deren Grundlage hömöopathische Arzneien hergestellt werden, im Grunde kann jedoch alles, was im Rahmen einer Arzneimittelprüfung getestet wird zur Arznei werden. Beispiele sind Zwiebel, Schwefel, Hundekot, Berliner Mauer, Röntgenstrahlen, Plutonium und Wasser🙂

Homöopathie ist niedrig dosierte Medizin
Das ist falsch. In vielen Homöopathika sind keine Moleküle der Ursprungssubstanz mehr enthalten („Potenzierung„). Das ist auch eine Tatsache, die kein Homöopath verschweigt, sagen sie doch, es ginge um die heilende Information der Ursprungssubstanz. Aus diesem Grund postulieren Homöopathen ein Wassergedächtnis.

Homöopathie wirkt über die/eine Merkfähigkeit von Wasser.
Diese Merkfähigkeit gibt es tatsächlich. Sie dauert jedoch nur wenige Femtosekunden. Darüberhinaus wäre jedoch zu fragen, wie sich das Wasser an die potenzierte Substanz „erinnert“, jedoch alles andere, mit dem es je in Kontakt war, „vergessen“ hat. Ab einer gewissen Potenzierung (spätestens ab D23 oder C12) sind mehr Verunreinigungen im Wasser als Ursprungssubstanz. Wie unterscheidet das Wasser zwischen diesen Verunreinigungen und der Ursprungssubstanz? Wohlgemerkt, all diese Fragen sind theoretischer Natur, weil es ein Wassergedächtnis, in der von Homöopathen postulierter Art nicht gibt.

Gleiches wird mit gleichem geheilt.
Dieser Satz wird häufig vereinfacht oder, wenn man so will, naturwissenschaftlich ausgelegt. Befürworter nehmen als Beispiel gerne die Zwiebel, die gegen Heuschnupfen eingesetzt werden kann, weil einem die Augen brennen, wenn man sie schneidet. Gegner sagen dann gerne, man müsste einen Hammer potenzieren, um ein Arzneimittel gegen Kopfschmerzen zu bekommen.

Das so genannte Simile-Prinzip bezieht sich jedoch auf das Arzneimittelbild einer Substanz, das in einer Arzneimittelprüfung gewonnen wird. Dabei nehmen gesunde Probanden eine Substanz, häufig schon potenziert und notieren alles (!) was sie zu dem Zeitpunkt empfinden. Wichtig sind vor allem psychische Symptome, auf die auch in der Arzneimittelfindung mehr geachtet wird, als auf die körperlichen Symptome. Es lohnt sich ein paar Arzneibilder selbst zu lesen.

Es geht also beim Similie Prinzip weniger um eine physiologische Wirkung, als um die Empfindungen, die ein „Proband“ während einer Arzneitmittelprüfung hat.

Homöopathie funktioniert ähnlich wie Impfen
Wie aus dem vorigen Absatz klar werden sollte, hat Homöopathie mit impfen nichts zu tun. Eine Impfung nutzt ein molekulares Schlüssel-Schloss-Prinzip zwischen einem Virus und einem Antikörper aus. Man sollte zu dieser Äußerung vielleicht wissen, dass Homöopathen vom Prinzip, welches hinter Impfungen steckt wenig verstehen und deshalb auf diesen Vergleich kommen. Anders ist die hohe Zahl von Impfgegnern unter Homöopathen schwer zu erklären.

Ärzte sind gegen Homöopathie, weil sie Angst um ihre Einnahmen haben
Sollte es Ärzten nur um ihre Einnahmen gehen, wäre es leichter, einfach auf den Zug zu springen und mitzumachen. Man kann wunderbar echte Medikamente und Globuli gleichzeitig verschreiben (Hahnemann würde im Grab rotieren, aber das weiß ja kaum einer). Homöopathie anzuwenden ist außerdem nicht schwer, mitunter deutlich einfacher, als Medikamente mit stofflichen Wirkstoffen einzusetzen. Viele Leute wissen schon, „was“ ihnen „hilft“. Falsch machen kann man ohnehin nicht viel, höchstens bei niedrigen Potenzen (die laut Homöopathen am wenigsten wirksam sind).

Homöopathie ist günstig
10g Globuli kosten zwischen 5-10 Euro, rechnen wir mit 7,5. 1Kg kosten dann 750Euro. Dafür bekommt man Zucker, auf den von Maschinen geschütteltes Wasser getropft wurde. Dabei handelt es sich in der Regel um Saccharose, normalen Haushaltszucker. Die Gewinnspannen bei flüssigen Homöopathika sind vermutlich noch größer. Ein Coolpack gibt es für weniger, es hält länger und man kann es warm und kalt anwenden.

Homöopathie wirkt nur bei leichten Erkrankungen
Eine andere Version ist „Homöopathie wird nur bei leichten Erkrankungen eingesetzt, wenn es ernst ist, nimmt man ‚Schulmedizin'“. Homöopathie hat keine Einschränkungen, einzig die Vernunft der Anwender sorgt für weniger Zwischenfälle, wegen zu später Behandlung. Es gibt nicht wenige Homöopathen die Homöopathie gegen AIDS, Krebs, Tuberkulose und Malaria anwenden. Auch eine Blinddarmentzündung gehört, laut Adolf Voegeli zum Homöopathen, wird jedoch, damit man keine Probleme mit der Justiz bekommt, zum Arzt überwiesen.

An dieser Stelle ist vielleicht noch ein kleines Zitat ganz passend:

Adolf Vögeli schreibt in seinem Werk „Homöopathische Therapie der Kinderkrankheiten“ zum Thema Blinddarmentzündung:
„Die Appendizitis wird heute allgemein als chirurgische Krankheit betrachtet, weshalb ein homöopathischer Arzt bei einem Versager mit Unannehmlichkeiten zu rechnen hat. Aus diesem Grund empfehle ich deshalb, die akute Appendizitis der Chirurgie zuzuführen. Das ist jedoch nur eine Konzession an die heute herrschende Meinung.“

Im Buch „Homöopathie bei akuten Erkrankungen und Notfällen“
von Erika Scheiwiller-Muralt wird für Schädel-Hirn-Trauma Arnika (welche Überraschung) C200 und bei schwerem SHT C10 000 empfohlen.

Bei der Homöopathie wirkt ausschließlich der Placeboeffekt
Das ist kein Missverständnis, sondern richtig, soll aber in diesem Text dazu dienen, auf den nächsten Punkt vorzubereiten.

Der Placeboeffekt heilt
Der Placeboeffekt hat einige erstaunliche Wirkungen. Diese beschränken sich jedoch vorwiegend auf das subjektive Befinden des Menschen. In einigen Fällen kann das bereits einer Heilung entsprechen (also Heilung sein :-)). Bei anderen Erkrankungen, wie z.B. Asthma bessert sich das Befinden den Patienten, jedoch nicht die objektiven Werte. Der Zustand des Patienten wird also langsam schlechter, während er sich jedoch besser fühlt. Zum Placeboeffekt sei noch der Kommentar von ‚Julius‘ empfohlen.

Homöopathie kann nicht ausschließlich über den Placeboeffekt wirken, sonst würde sie ja nicht bei Kindern und Tieren wirken.
Das Missverständnis liegt in der Tatsache, dass der Placeboeffekt bei Tieren durchaus bekannt ist. Bei Kindern kann man den Placeboeffekt allein dadurch nutzen, auf eine schmerzende Stelle zu pusten. Wieso sollte das bei einem Globuli anders sein?

Schulmedizin ist ein wertneutraler Begriff
Der Begriff Schulmedizin wurde vom Homöopathen Franz Fischer eingeführt, der damit Hahnemann Rechnung trug, welcher von der „Medizin alter Schule“ sprach, wenn er die damalige Medizin kritisierte. Diese hat mit der heutigen wenig bis nichts mehr gemein. Der Begriff wird abwertend benutzt.

Hahnemann zeigte das Simile Prinzip das erste mal bei seinem Chinarindenversuch
Das dachte er zumindest. Leider ist eine Replikation dieses Versuches bisher nicht gelungen (so, dass man es verwerten könnte).

Homöopathie ist ganzheitlich/ sieht den ganzen Menschen
Hahnemann behauptete zwar, die Ursache einer Krankheit zu behandeln, auf diese schließt er über vom Patienten geäußerte Symptome. Diese werden mit dem Arzneimittelbild abgeglichen, das am besten passt. Davon gibt es zwar eine ganze Menge, doch zum einen geben diese eher Auskunft über den Grad von Hysterie, in den sich Menschen, im Rahmen einer Arzneimittelprüfung, durch Zucker versetzen lassen. Zum anderen muss der Therapeut die richtigen Symptome erfragen, diese richtig gewichten um das „Leitsymptom“ herauszuarbeiten und dieses dann dem richtigen Arzneimittelbild zuordnen. Homöopathie sieht also nicht den ganzen Menschen, sondern seine Symptome.

Homöopathie ist individuell
Das ist in der Tat richtig, da die Behandlung vor allem vom Behandler abhängt, weniger von der Erkrankung seines Patienten. Ich denke, jeder sieht, wo hier das Missverständnis liegt.

Homöopathie hat keine Nebenwirkungen
Da Homöopathie keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus hat, kann sie auch keine Nebenwirkung über den Noceboeffekt hinaus haben. Vermutlich gehen viele Effekte in Arzneimittelprüfungen auf den Noceboeffekt zurück.

Es gibt jedoch einige Dinge, die in der bei Anhängern der Homöopathie mit größerer Wahrscheinlichkeit auftreten. Dazu gehört die Ablehnung, der Medizin (gern „Schulmedizin“ genannt), was wiederum zu einer Verzögerung (oder Verweigerung) einer notwendigen Therapie führen kann. Jeder mündige Mensch kann das natürlich selbst entscheiden, wobei man zu einer mündigen Entscheidung informiert sein muss.

Auch die Ablehnung von Impfungen findet sich unter Anhängern der Homöopathie mit größerer Wahrscheinlichkeit. Das geht von der Behauptung der Schädlichkeit von Impfungen, bis zur Ablehnung einzelner Impfungen aus irrationalen Gründen. Dazu gehört die Annahme, Kinder profitierten davon, Krankheiten natürlich™ durchzumachen oder Impfungen würden chronische Krankheiten begünstigen.

Homöopathie ist sanft
Ein echter Klassiker. Auch hier muss man erst einmal feststellen, dass die Verabreichung von Zucker sehr sanft ist. Gerade von man an Geschmack und Nebenwirkungen einiger echter Medikamente denkt. Allerdings wird das Bild komplexer, schaut man sich einmal die Prinzipien der Homöopathie genauer an. Wie hier bereits anklang, behauptet die Homöopathie die Ursache einer Erkrankung zu behandeln und nicht die Symptome (auch wenn die Diagnose nur auf den erfragten Symptomen beruht). Ich versuche an dieser Stelle eine kleine Reise in homöopathische Logik und tue so, als wirke sie:

Schmerz im Rahmen einer Erkrankung könnte für einen Homöopathen nicht das Hauptsymptom einer Erkrankung sein und so wählt er vielleicht einer Mittelchen, welches am, von ihm erkannten, Hauptsymptom angreift, so alles wieder ins Gleichgewicht bringt und im Rahmen des Heilungsprozesses auch den Schmerz wieder verschwinden lässt. Für die Dauer des Prozesses wird er jedoch keine Schmerzmittel verabreichen, denn diese unterdrücken™ nur das Symptom und verhindern so die Heilung. Sie könnten auch das Mittelchen unwirksam machen. Streng genommen gibt es also keine homöopathische Behandlung bei gleichzeitiger Symptomlinderung.

Homöopathie ist Homöopathie
Es gibt heute viele Homöopathieschulen und bis auf die klassische Homöopathie, die ich ab heute Schulhomöopathie nennen werde, haben die anderen das eine oder andere von Hahnemann aufgestellte Dogma über den Haufen geworfen. Die Komplexhomöopathie, zum Beispiel, setzt auf Polypharmazie, etwas, was Hahnemann der Schulmedizin vorwarf. Er sagte, man könne die einzelnen Wirkungen nicht mehr voneinander unterscheiden. Eine Sorge, die in einigen Fällen in der Medizin auch heute noch berechtigt ist. Die Mikroimmuntherapie hat sogar das Kernelement der Homöopathie über den Haufen geworfen, das Simile-Prinzip. Homöopathie nach Körbler verzichtet komplett auf Substanzen und beschränkt sich auf Zeichen und Worte. Es gibt Studien, die u.a. von der Carstens-Stiftung herangezogen werden, um die Wirksamkeit der Homöopathie in einigen Krankheitsbildern zu belegen. In einigen dieser Studien wird zum Beispiel die, nach Hahnemann notwendige, individualisierte Therapie nicht durchgeführt.

Und doch gibt es in jeder Richtung Protagonisten, die auf die Wirksamkeit pochen und eine nicht geringe Zahl von Anhängern, die heftig nicken und Anekdoten zum Besten geben.

Homöopathie wird durch Erkenntnisse der Quantenphysik belegt.
Wird sie nicht. Fragen Sie keinen Homöopathen, sondern einen Physiker.

Der Text kann erweitert, falls es noch mehr Missverständnisse gibt, die ich vergessen habe.

Mehr von den Ausrufern zur Homöopathie.

 

Update 14.4.12

Auch sehr interessant und mit vielen Links ist der Text „7 Legenden der Homöopathie“ im Ratioblog.

Posted in: Pharmaconcern