Wahlen in Frankreich ‖ Ein bisschen Pinocchio

Sollte Sarkozy mit seinem Fernsehauftritt am Sonntagabend einen Ruckeffekt erwartet haben, ist die Rechnung für ihn nicht aufgegangen. Dafür hat er einen Preis gewonnen

Seit Monaten haben Freunde wie Gegner öffentlich darüber spekuliert, warum Nicolas Sarkozy sich nicht zu einer neuerlichen Kandidatur bekennt. Im vorigen Sommer und im Herbst hatte er seine Erklärung bereits verschoben. Als für vergangenen Sonntag bekannt wurde, der nur noch wenige Wochen amtierende Staatspräsident würde sich nun über acht Fernsehsender Journalistenfragen in Direktübertragung stellen, war ihm die Audience sicher: 16,5 Millionen.

Ein Blockbuster, der bisher nur von Jaques Chirac auf dem Höhepunkt der sog. Banlieues-Krise im November 2005 übertroffen worden ist. Angesichts der teilweise bürgerkriegsähnlichen Zustände verfolgten 20 Millionen Zuschauer die Ansprache. Die mediale Strategie schlug sich in positiven Umfragewerten nieder, vor allem für Sarkozy – der damalige Innenminister erschien den meisten Franzosen nicht mehr als Teil des Problems, sondern legte in den Umfragewerten auf 63% Zustimmung zu.

Sollte sich der scheidende Staatpräsident nun den gleichen Effekt erwartet haben, so sieht er sich in der jüngsten Umfrage enttäuscht. Nach Auswertung einer Telefon-Befragung von Ifop/Fiducial, die heute Morgen veröffentlicht worden ist, konnte Sarkozy lediglich um einen halben Prozentpunkt auf 24,5% zulegen. Zur gleichen Zeit hat François Hollande, der Herausforderer vom Parti Socialiste, seine Zustimmungswerte um 3 auf 31% ausbauen können. Alle anderen Kandidaten zur Präsidentschaftswahl am 22. April haben hingegen im Durchschnitt 1% an Zustimmungswerten verloren.

Auch für die eigene Partei kein überzeugender Auftritt

Dass der Auftritt Sarkozys nicht überzeugend war, konnte bereits an der Reaktion seiner Partei UMP abgelesen werden. Binnen weniger Stunden nach Beendigung der Übertragung gab es 26 Wortmeldungen im sichtlichen Bemühen, den Worten des scheidenden Präsidenten die richtige Interpretation zu geben. Denn die Zumutung, über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer die unteren Einkommensklassen überproportional für die französische Krise zahlen zu lassen, gekoppelt an eine einseitige Reduzierung der Arbeitgeberanteile zu den Sozialversicherungen ließ sich auch nicht mit dem Verweis auf das deutsche Beispiel vermitteln.

Für seinen Hinweis, in Deutschland habe sich die Mehrwertsteuer nicht auf die Preise ausgewirkt, bekam Sarkozy folgerichtig einen Pinocchio von der Tageszeitung Le Nouvel Observateur verliehen. Sie zitiert, nach Hinweis des Journalisten und Bloggers Sylvain Gouze, aus einem Bericht des französischen Rechnungshofes vom März 2011, der sich auf eine Studie des Deutschen Bundesbank bezieht. Hiernach flossen 2005 in Deutschland 2,6 von 3 Prozentpunkten unmittelbar in die Verbraucherpreise.

Sarkozy ist sich seiner Schwierigkeiten bewusst. Überraschend hat er gestern eine Versammlung der Parlamentariergruppe der UMP einberufen und einen geplanten Besuch in die Arabischen Emirate abgesagt. Die Wahlkampflogik hat nun auch das Präsidiale eingeholt. e2m

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