Wahlen in Frankreich ‖ Die Doppel-Doppel-Conférence

Die Aufführung des Duos Merkozy hat nicht überzeugt; eine Theaterkritik

Das deutsche wie das französische Publikum haben in letzter Zeit oft den Auftritt seines Staatspräsidenten und seiner Kanzlerin zusehen dürfen. Seit‘ an Seite bei Pressekonferenzen, allgegenwärtig in Bildern, wenn es um Europa im Allgemeinen, um Griechenland im Speziellen ging, das Duo ist sprichwörtlich geworden. So hätte es gestern Abend beim großen Interview aus dem Elysée-Palast auch sein können. Die Intention war programmgemäß eine andere. Es sollte die Aufführung des Klassikers „Never change a winning Team“ werden. Es wurde eine Variante zum Thema Königskinder.

An der Requisite hat es nicht gelegen, sie hatte für alle etwas. Hier das edle Ambiente einer V. Republik, das dem an Nüchternheit gewöhnten deutschen Auge schmeichelte. Dort die Kostümierung, die der Rolle der Gestrengen französische Eleganz verlieh. Selbst der Souffleurkasten war so auffällig platziert, dass er erst gar nicht auffiel, so wenig wie die Stichwortgeber selbst.

Der Text wäre zu bewältigen gewesen, denn er war bekannt und hinreichend geprobt: Gemeinsame Interessen, Konvergenz, Wettbewerbsfähigkeit. Auch dort, wo die Passagen das konkrete Leben berührten, hätte man sich zurücklehnen können. Wochen- und Lebensarbeitszeit, sparen, haushalten – die schon lange nicht mehr verwöhnte Audience in Frankreich hatte da schon die Premiere hinter sich. Murrend zwar und kritisierend, aber nun mit dem Bonmot, dass dies alles „Klimmzüge“ seien, wieder in Spur gebracht.

Es lag an der Dramaturgie. Von der Konfrontation im zweiten Weltkrieg über das Wunder der Verständigung danach bis zur Feststellung, dass die „zwei größten Länder“ heute die „Stabilitätszone im Herzen Europas“ bilden. Jetzt sei ein „wichtiger Moment“, „historisch die Verantwortung“. Fast schien es, als sollte der Händedruck zwischen den Protagonisten Helmut Kohl und Francois Mitterand in Verdun in Worten wiederholt werden.

Welch sonderbarer Kontrast aber -zu der Generationen des Leids lindernden Geste- der nun aufgetretene Aplomb, aus diesem einen Herz und eine Seele heraus andere kujonieren zu wollen. Er halte nichts davon, so der Staatspräsident extemporierend, Souveränität seines Landes für Europa aufzugeben. „Europa bedeutet nicht, Souveränität auf eine Technokratenebene abzugeben.“ Das mit Richtung auf den griechischen Souverän wenige Stunden vorher anders in die Welt gesetzt worden war: „Wir schlagen vor, dass die staatlichen Einnahmen in einen Sonderfonds gehen und blockiert werden, um die Schulden abzubauen„. Und was Tourneemanager Monti und sein Technokratenensemble ebenfalls goutiert haben dürften.

So dass am Ende des Stücks die Frage bliebe: Wenn das ein winning Team ist, wer werden dann die Verlierer sein?! Einen Vorgeschmack gäbe der rüde Ton, mit dem die Souffleure bedacht wurden. Genauso wie das gequälte Lächeln von David Pujadas, seiner Rolle wohl bewusst, kurz vor dem Vorhang.

Wäre da nicht schon der Umstand der Fehlbesetzung. Hier haben zwei Personen nicht die Exekutivchefs ihrer Länder verkörpern wollen, befasst mit den Niederungen des Tagesgeschäfts, sondern die Politiker gegeben, um staatsmännische Statur bemüht. Dass Rollen noch weit vor Überzeugungen mit Glaubwürdigkeit zu tun haben, markiert den Unterschied. In diesem Sinn haben zwar zwei zueinander gefunden. Und sie sind nicht wie in Engelbert Humperdincks Oper „Königskinder“ gestorben. Man wünscht ihnen vielmehr ein Happy-End, aber fern von der Bühne.

Die Intendanz sollte sich überlegen, ob sie derartiges wirklich wieder aufführen soll wollen. Der gezeigte Crossover zwischen Märchen und klassischem Fach, woanders bestimmungsgemäß als Kabarett gezeigt,  hat nicht gefallen. Man ruft schon nach Absetzung. e2m

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