Ungeschoren davon kommen oder dran glauben

Posted on 21. Februar 2012 von

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Während Volksvertreter den Eindruck erweckten, sie hätten eine eierlegende Wollmilchsau zum Bundespräsident erbrütet, wurde die Stellenbeschreibung geändert #NotmyPresident

Vor der dritten Bundespräsidentenwahl in drei Jahren sind alle ein wenig desillusioniert. Horst Köhler kam aus der Finanzwirtschaft, verdammte deren Märkte als „Monster“ und fiel. Justament über eine Äußerung, dass im Interesse eben der Wirtschaft („Handel, Arbeitsplätze und Einkommen“) schon mal Wege freigeschossen werden sollen können.

Christian Wulff war nett anzuschauen, empfohlen als hauptberuflicher Politiker  im Gewand eines jugendlichen Ministerpräsidenten, mit dem richtigen parteilichen Stallgeruch. Und vorgeblich gegen Privilegien eingestellt. In einem Fernsehinterview vom 23. Juni 2010 trat Wulff für eine Kürzung der Bezüge des Bundespräsidenten ein, eine Woche später war er im Amt angekommen. Wer wollte schon ahnen, dass er kurz danach über den Verdacht einer Art privater Versorgung stolpern und sich jetzt eine Debatte entspannen würde, ob ihm die von Staats wegen überhaupt zustehen soll.

Nun steht ein Pastor in den Startlöchern. Nach Wirtschaft und Politik ist also anscheinend Religion der innere Bezugspunkt einer Person, die, so will es die protokollarische Bezeichnung: Erster Mann im Staat werden soll. Das oder das Wort Staatsoberhaupt sucht man im Grundgesetz vergeblich. Dafür ist zu finden, was der Bundespräsident nicht darf, nämlich einen Beruf ausüben. Wie verhält es sich aber, wenn Berufung und Beruf, Bezeichnung und Person so unauslöslich miteinander verwoben sind wie bei diesem Hirten?

Christen sind nicht gleich

Nichts dagegen einzuwenden, denkt man zurück an einen Johannes Rau, dessen christliches Leitmotiv auch und gerade als Bundespräsident ihm den Beinamen Bruder Johannes eintrug. Das war von jenen respektlos gemeint, die von  (vor)gestern bis heute im Umgang mit dem Wort Gutmensch eine bestimmte Chiffre pfleg(t)en. Als Ehrung hingegen war es von denen gedacht, die die Botschaften nicht nur vernahmen, sondern sie verstanden: Wenn Rau von Gestaltungsmöglichkeiten sprach, von Chancen oder Ermutigung. Vor allem von „Versöhnen statt Spalten“,  jenseits des Wahlkampfmottos eine gelebte Weise, der der Karitas.

Joachim Gauck ist das schiere Gegenteil. Mit der Figur des mecklenburgischen Pastors verbindet sich Konflikt. Er hat die Menschen aufgebracht. Das ist nicht nur Teil seines Lebensentwurfs. Das ist bereits fester Bestandteil einer Legende als Freiheitskämpfer gegen ein System, das sich wie ein Ölfilm bis in die persönliche Lebensgestaltung ausgebreitet hatte. Als auch deren hinterste Winkel nicht mehr genug Platz boten, vielen Menschen es schien, als würde ihnen die Luft abgeschnürt, besannen sie sich wieder auf das Öffentliche, auf das „Wir sind das Volk“. Gauck war eine der Stimmen, die das zu formulieren wussten, es ex cathedra verkündete und mit seiner Kirche einen Freiraum gab.

20 Jahre später stellt Deutschland fest, dass es selbst an einer Wirklichkeit leidet, die sich wie Teer auf einen erst noch zu bauenden Bahnhofsvorplatz gelegt hat. Der Siegestaumel nach der Annihilation sämtlicher Gegenentwürfe zur bundesrepublikanischen Architektur ist verflogen. Weil ein System nun nicht mehr an fremde Grenzen stößt, an denen man sich reiben, aber auch aufrichten kann, sondern weil sie immanent sind – die Verheißung von Freiheit im Sinne des Kapitalismus ist eng verbunden mit einer Kosten-/Nutzen-Abwägung. Und der Rückzug ins Private, gekennzeichnet durch die Vokabeln der Politik- und der Demokratieverdrossenheit, hat seine ersten, zaghaften Gegenbewegungen erfahren: Montagsdemos gegen Hartz-IV, Stuttgart 21, Occupy. Sie richten sich im Kern gegen die Reduzierung von Freiheit und der sie tragenden Menschen auf den Kostenfaktor.

Ihnen bietet Joachim Gauck keinen Willkommensraum, sondern steht ihnen kritisch, in Teilen sogar feindselig gegenüber. Auch das bringt die Menschen auf. #NoGauck und #NotmyPresident sind das erste wahrnehmbare Ergebnis. Es wäre allerdings verfrüht, das bereits als laues Lüftchen dafür wahrzunehmen, wie kämen noch einmal ungeschoren davon.

Die Gallionsfigur

Denn die gegenwärtige Politik benötigt das verklärte Aufrührerimage nicht nur als Alibi, sondern als Verteidigung des Status quo. Ob in der eigenen Überhöhung gegenüber der Finanzwelt („Heuschrecken“), im Primat gegenüber kultureller Diversität („deutsche Leitkultur“) oder in der vorgetäuschten Erwerbswelt aus Scheinselbständigkeit und Zeitverträgen: Der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit dieser politischen Klasse war selten größer, sichtbarer. Vor allem in einem Augenblick, da ein Ex-Bundes- und ehemaliger Ministerpräsident in etwa so pomadig dasteht wie ein dubioser DAX-Vorstand nach goldenem Handschlag.

Ein künftiger Präsident, der versehen wäre mit dem Nimbus eines Freiheitsredners kombiniert mit den rhetorischen Grundfähigkeiten des Predigers, würde den Diskurs, der in dieser Gesellschaft langsam aber sicher Fuß fasst, zumindest noch für eine Weile überdecken. Denn mit seinen Äußerungen hat Gauck keinen Zweifel daran gelassen, dass die Setzungen dieser Einheit, dieses Rechts und dieser Freiheit für ihn das Maß vieler Dinge sind. Im Schatten seiner Sprachgewalt würde es sich bestens weiterwerkeln lassen.

Joachim Gauck als willfähriges Werkzeug oder kongenial zu bezeichnen, würde ihm nicht gerecht. Im Gegenteil: Sein Narrativ aus jüngerer Zeit sollte weder unterschätzt noch auf die leichte Schulter genommen noch nachsichtig behandelt werden. Aus den vielen Zitaten, die derzeit wieder aufgetischt werden, stechen zwei besonders heraus.

Sendungsbewusstsein mit gewaltiger Sprache

Wenn Gauck konstatiert, die „deutsche Neigung zu Hysterie und Angst“ sei „abscheulich“, so geht das nicht nur weiter als die auswärts kolportierte German Angst. Es ist auch nicht ein kosmopolitischer Gestus, der eine Äquidistanz zum Objekt der Kritik schafft. Es ist ein brachiales Urteil in drei Etappen: Die Feststellung einer angeblichen Tatsache, deren Bewertung als psychischer Befund und deren Bedeutung. Und es ist ein theologisches Urteil, dessen Duktus nur vor diesem Hintergrund erklärbar wird. Bezeichnet abscheulich und synonym dazu: abartig doch den Aberglauben. Ein Pastor meint so etwas mit vollem Ernst und trifft nicht lediglich eine altmodisch wie skurril wirkende Wortwahl.

Wie aber verhält es sich, wenn der gleiche Mensch die derart Charakterisierten dennoch in der Feststellung überhöht, in einigen deutschen Städten gäbe es „zu viele Eingewanderte und allzu wenige Altdeutsche“? Ließe sich etwa daraus herleiten, jenseits des Abscheulichen gäbe es noch eine Steigerungsform? Etwa mit Blick darauf, dass die Einwanderer mehrheitlich einer anderen, nichtchristlichen Religion angehören? Das sind Fragen, die nicht nur nach innen in die Verfassung dieser Republik leuchten, sondern auch Staatoberhäupter der Länder interessieren könnten, aus denen die „zu vielen Einwanderer“ kommen. Mit ihnen würde der Kandidat, einmal im Amt, zwangsläufig zusammen treffen.

Als was sich Gauck vesrsteht, hat er in der Verteidigung seines Beitrages („Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung“) zum „Schwarzbuch des Kommunismus“ offenbart. Er begreift sich als Bote eigener Wahrnehmungen, dessen „Nachrichten Anlaß wären, Wissen und Haltungen zu ändern“. Auf das Zeugnis komme es an, deren zentrale Botschaft lautete: „Das religiöse Bewußtsein hat sein sicheres Wissen um das Summum bonum, Gott, verloren. Die Reich-Gottes-Verheißung irrt durch die Lande – heimaltlos.“ Das sind charismatische Sätze und, so der Subtext, es wäre besser an sie und deren Verkünder zu glauben. Nach „Wir sind Papst“ nun ein „Hier ist Gauck und kann nicht anders“?

Was die Beteiligten geritten haben mag, diesen Kandidaten auszusehen, darüber sind bereits viele Spekulationen angestellt worden. Zum  Zögern der Kanzlerin sei diese hinzugefügt: Die Naturwissenschaftlerin aus einem Pastorenhaus, wo Predigen das Brot auf den Tisch brachte, weiß möglicherweise, dass mit Sendungsbewussten auszukommen ein rechtes Kreuz sein kann. e2m

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