Sagst du Alfa MiTo, meinst du Fiat MiDa

Ein Gerichtsurteil wirft ein Schlaglicht auf Italiens Zustand

Darf man sich laut über Leistung unterhalten? Was für eine Frage, natürlich ist es ein must: Leistung und alle dazu erforderlichen Fähigkeiten sind doch das A & O der Wettbewerbsgesellschaft. Wer zweiter wird, hat schon verloren, über Dritte spricht man nicht einmal mehr. Und doch können auch die ihr Geld wert sein.

Das Gerichtsurteil, das in Turin vorliegt, scheint das zu bestätigen. Ein Richter hat den staatlichen italienischen Sender RAI und den Journalisten Corrado Formigli zu der aberwitzigen Summe von 7 Millionen Euro Schadensersatz gegenüber Fiat Automobile Group verurteilt. Davon sind rund 2 Millionen für die Veröffentlichung des Urteils (60 Seiten) in 4 Tageszeitungen zu verwenden. Gegenstand: Eine Aussendung von ca. 90 Sekunden zu einem Alfa Romeo namens MiTo.

In der äußerst beliebten politischen Abendsendung AnnoZero (das Jahr Null) hatte Formigli am 2. Dezember 2010 die kurze Aufnahme eines Leistungsvergleichs eingeblendet. Im Zeitfahren gegen einen Mini Cooper S und einen Citroën DS3 THP fuhr das italienische Wägelchen in der Version Quadrifoglio Verde hinterher. Wirklich neu war die Nachricht nicht, denn bereits im Juni hatte die Autozeitung Quattroruote (Vierrad) ein ähnliches Ergebnis veröffentlicht.

Aber, so wurde Fiat-Chef Marchionne kurz darauf zitiert, was die Sendung verschwiegen habe, sei der Gesamteindruck beim Vergleich der Daten zu Technik, Sicherheit und Komfort, für den der Alfa in der Zeitung die insgesamt bessere Bewertung erhalten habe. Das Unternehmen, zu dem Alfa Romeo seit 1986 gehört,  werde daher Schadensersatz fordern         „auch um der tausende Arbeiter willen, die jeden Tag ihren Beitrag bei der Herstellung von sicheren und technisch fortschrittlichen Produkten leisten, als Verteidigung gegenüber einem derart ungerechtfertigten und lügnerischen Verhalten“.

In der Industriewelt des Sergio Marchionne

Arbeiter, denen in der Welt des Sergio Marchionne ohnehin nur wenig geblieben ist. Vor Antritt des Konzernchefs 2004 waren alle großen italienischen PKW-Hersteller unter das Dach der Fabbrica Italiana Automobili Torino eingestellt gewesen: Lancia, Autobianchi, Innocenti, Ferrari, Maserati und Alfa Romeo. Marchionne war als Sanierer gerufen worden, denn der Gigant Fiat, der sich in praktisch allen Segmenten industrieller Produktion (Flug- und Zugtechnik, Nutzfahrzeuge, Chemie, Telekommunikation) breit gemacht hatte, befand sich am Rand des Ruins. Die Frage stand an, ob das Symbol der Reindustrialisierung Italiens nach dem Krieg überhaupt würde überleben können.

Die Antworten, die der Italo-Kanadier gegeben hat, waren drei. Die Entflechtung der einzelnen Aktivitäten und deren Auslagerung in juristisch selbstständige Organisationsformen, allen voran die Fiat AG, die seit 1. Januar 2011 börsennotiert ist, was deren Verkehrsfähigkeit erleichtert. Dazu kam Anfang Oktober vergangenen Jahres der Austritt aus dem Arbeitgeberverband Confindustria. Marchionne machte sich dabei eines der letzten Gesetze der Regierung Berlusconi zunutze, wonach arbeitsrechtliche oder kollektivvertragliche Regelungen durch betriebliche Vereinbarungen auch nachteilig ersetzt werden können, solche zu Entlassungen und deren Folgen eingeschlossen.

Das setzte der Fiat-Chef im Dezember unmittelbar in einer den geltenden Flächentarifvertrag ersetzenden Vereinbarung im eigenen Haus um. Unter Umgehung der Gewerkschaft der Metallarbeiter FIOM wurden der Belegschaft eiserne Regeln diktiert: Stufenweise Reduzierung der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Streichung der Zahlungen an Gewerkschaften für den Fall, dass Arbeitskämpfe von der Geschäftsleitung als „geeignet erscheinen, gegen die Bestimmungen des Vertrages zu verstoßen“, Erleichterung von Änderungskündigungen und der Durchsetzung von bis zu 120 Stunden Mehrarbeit pro Kopf und Jahr. Von Investitionen oder dem Erhalt von Arbeitsplätzen hingegen findet sich in dem Papier nichts.

Das ist nicht weiter verwunderlich, ist Marchionnes dritte Antwort, die der Beschäftigung, keine italienische, sondern eine der Internationalisierung des Wettbewerbs um die schlechtesten Bedingungen. Da ist nicht nur die Schließung des Werkes in Termini Iminirese auf Sizilien im November 2011 oder von Irisbus (Gruppe IVECO) im Dezember, sondern vor allem die Drohung, weitere Produktionsstätten auszulagern. Das schlagendeste Argument ist dabei der Einstieg von Fiat bei Chrysler.

Die schrittweise Übernahme des u.s.-amerikanischen Fahrzeugherstellers, an dem Fiat per Januar 2012 58,5% hält, und die Wiederaufnahme der Produktion erkauften sich die dortigen Belegschaften zu einem hohen Preis: Die Arbeiter verzichteten auf bis zu 25% ihres Lohnes und zahlen sämtliche Sozialausgaben aus eigener Tasche. Auch das Schicksal der Betriebsrenten ist ungewiss, nachdem Fiat das Vorkaufsrecht der Gewerkschaft UAW an Betriebsanteilen zur Absicherung der Fonds erworben hat. Eine der Hauptforderungen Marchionnes zu Beginn des Einstiegs bei Chrysler war gewesen, dass der Pensionsfonds der Belegschaft auf mehr als 50% seiner Forderungen verzichten solle.

Mythos und Realität

Das war das eigentliche Thema der Folge von AnnoZero, der der beziehungsreiche Titel „Forse Italia“ (Vielleicht Italien) gegeben worden war. Darin hatte der nun verurteilte Journalist vor allem eines in den Mittelpunkt eines 15-minütigen Berichts gestellt: Die Arbeitsbedingungen der Detroiter Werker als Menetekel für das, was den Beschäftigten in einem der größten Industrieunternehmen Europas blühen könnte. Und sich retrospektiv bereits in Teilen verwirklich hat.

Denn Corrado Fermigli ist nicht irgendein daher gelaufener Witzbold, der nun für sein loses Mundwerk abgestraft wurde. Für seine Reportage von 1998 über die Arbeitsbedingungen in den VW-Werken in Wolfsburg heimste er ebenso einen Journalistenpreis ein wie für eine über den Algerienkrieg oder die südafrikanische Apartheid.

Alleine der Titel der Sendung war mit Bedacht gewählt, stellt er doch einen hinterfragenden Kontrapunkt zur PR-Strategie von Sergio Marchionne dar. Der hatte im April 2010 über alle größeren Zeitungen einen offenen Brief abdrucken lassen, betitelt mit: „Ein neues Werk wird geboren. Und es gehört uns allen. Das Werk Italien.“ Angekündigt wurde „der größte Industrieplan, den Italien je gehabt hat.“ Und im Originalton: „Das Werk Italien ist für den Beginn bereit, vorausgesetzt dass jeder von uns und jeder von euch voll und ganz daran glaubt, mit dem Mut und dem Herzen, der uns Italienern zu eigen ist.

Was lag näher, als die schöne versprochene Welt in einem kleinen Insert mit dem zu vergleichen, was sich schon in der Wirklichkeit niedergeschlagen hat, also die Werbung auf ihren eigentlichen Gehalt zu konzentrieren?

Der Alfa MiTo, dessen Signet sich aus den Autokennzeichen für Mailand (Mi) und Turin (To) zusammensetzt, aber auch Mythos bedeutet, war in der sportlichen Version mit großem Pomp auf der IAA 2009 präsentiert worden. AutoBild meinte dazu: „Der kleine Italiener ist aber nicht nur optisch eine Zierde, sondern hat es auch faustdick unter der Haube.“ Und als der Kleine dann beim Händler stand, erschauerte der Stern: „Frecher Limousinen-Jäger“, „Sparsamster Sportler“, „Gefühlte zwei Liter Hubraum“ – „Das lässt bei Jungs aus ländlichen Gegenden, die sich sonst gern um tief gelegte Scirocco und Kadett scharen, die Augen glänzen.“ Und sowohl der YouTube-Kanalalfamitoblog“ als auch ein aus dem ehemaligen Blog gespeisten Prospekt vom Oktober 2009 sparen nicht darin, die Sportlichkeit des Fahrzeugs zu betonen.

Eine Frage des Systems

Der Glaube an ein Werk mag schon erschüttert werden, wenn die Stoppuhr klare Fakten spricht, vor allem wenn die Leistung(-sfähigkeit) von der eigenen Werbung zum Maß aller Dinge gemacht wird. Bei Verantwortlichen in einem Italien, das an einem System Fiat krankt, kommt mittlerweile selbst ein Aperçu nicht mehr gut an. Vor allem dann nicht, wenn es möglicherweise der einzige Schwachpunkt in einer Sendung war, die die vorgegaukelte heile Welt des Konzerns Lügen gestraft hat.

Da ist nicht nur, dass entgegen aller Ankündigungen Marchionne nun doch weitere zwei Werke (Cassino bei Frosinone, Atessa bei Chieti) schließen will. Oder dass es bisher Firmenpolitik gewesen sein soll, jedem Journalisten der es verlangte ein Gratis-Auto zur Verfügung zu stellen. Im Interview mit der Tageszeitung Il Fatto Quotidiano meint der Nachrichtenchef des Senders La7, Enrico Montana auf die Frage, warum das Unternehmen auf Kritik derart herb reagiere: „Weil es schlechte Angewohnheiten angenommen hat. In den 80er Jahren gab es [unter Journalisten] einen Spruch – ruf statt Hertz lieber im Pressebüro von Fiat an. Bei Hertz muss der Wagen bezahlt werden.“ Dafür habe er, Mentana, kaum je eine schlechte Kritik über eines der Fahrzeuge gelesen.

Am augenfälligsten wird die Verschmelzung zu einer Reality-Fiction im nun beendeten Prozess selbst. Und das bezieht den derzeitigen Bildungsminister Francesco Profumo unmittelbar mit ein.

Denn Profumo war vor Eintritt in die Technikerregierung Monti neben vielen anderen Aktivitäten in Industrie und Finanzwelt hauptberuflich Rektor der polytechnischen Hochschule in Turin. Zusammen mit zwei anderen Professoren -einer von der polytechnischen Hochschule Mailand und einer von der privaten Eliteuniversität Bocconi – bildete er das Gutachterkollegium, das im Auftrag des Gerichts die Höhe des bei Fiat entstandenen Schadens einzuschätzen hatte.

Nicht frei von Interessenskonflikten, suggeriert dazu ein Artikel der größten italienischen Tageszeitung Corriere della Sera. Denn alle drei Sachverständigen hätten direkt oder indirekt mit Fiat zu tun. Das von Profumo geleitete Institut etwa sei eng mit dem Autohersteller verbunden, der Ende der 1990er Jahre den Studiengang Automotive Engineering ins Leben gerufen habe und seither maßgeblich finanziere. Erst Anfang 2011 sei die Kooperation zwischen der Hochschule und dem Unternehmen bis 2014 verlängert worden. Zu einem Zeitpunkt also, da das Gutachten im Prozess noch abzuliefern war.

Der Einwand der Befangenheit der Gutachter, den die Anwälte von RAI und Formigli eingebracht hatten, wurde allerdings vom Gericht in Turin nicht aufgenommen, und auf der Grundlage von deren Ermittlungen die Höhe des Schadensersatzes fixiert. Weil der Sender „seine Mittel der Organisation und Verbreitung zur Verfügung gestellt hat, gleichwohl als Arbeitgeberin die Stellung behaltend, Verhaltensregeln diktieren und die konkreten Entscheidungen zur Sendung treffen zu dürfen“. Und weil der Journalist eine Information geliefert habe, „die unvollständig und parteiisch war und den Fernsehzuschauer zu einer falschen Wahrnehmung der Gegenüberstellung der Fahrzeuge verleitet hatte“ zum Nachteil „des Ansehens der Fiat Group“ und „dem beruflichen Gemeinsinn einer großen Anzahl von Arbeitern bei Fiat“.

 Auch eine zynische Frage von Wert

Es ist wohl auch die auffällige Deckungsgleichheit des Duktus zu den der Presse zugeleiteten Worten Marchionnes von vor 14 Monaten oder auch die erstaunlich kurze Verfahrensdauer, die die italienischen Medien den zensierenden Charakter des Urteils betonen lassen. Tatsächlich stellt das Urteil für jeden in den Medien Tätigen, mehr noch: jeden seine Meinung öffentlich Formulierenden ein Damoklesschwert dar. Denn auch in anderer Hinsicht ist das Urteil in der Geschichte Italiens einmalig: In der zugesprochenen Summe wird der wieder gut zu machende immaterielle, also u.a. der Imageschaden auf 5,25 Millionen Euro taxiert.

Schreibt Formigli in seinem Blog: „Die 50 Sekunden Film, in denen der Journalist nicht behauptet, dass der Alfa Mito bei 180 Sachen ein Rad auf der Autobahn verliert und den Tod des Lenkers verursacht, sondern dass der Wagen auf Piste stabil und sicher ist, aber auch weniger schnell als ein Mini (Tatsache, die von Fiat nicht bestritten wird), sind viel mehr wert als das Leben eines Menschen: Die Tabellen am Mailänder Gericht, von italienischen Höchstgerichten übernommen, erkennen einem Vater, der seinen Sohn verloren hat, einen maximalen Nichtvermögensschaden von 308.700 Euro zu.“

Dem ist nichts hinzuzufügen außer dem Vorschlag für neue Modelle aus dem Hause Fiat: MiDa. Das ist nicht nur der Name des Potentaten, dem auf Wunsch von den Göttern die Gabe verliehen war, alles in Gold zu verwandeln, was er berührte. Der König verhungerte, weil das natürlich auch Lebensmittel betraf; wenigstens die griechischen Götter hatten noch Humor.

Mit Betonung auf den letzten Vokal wird aus MiDa auf Italienisch: Geben Sie mir. Was nicht nur beim Autokauf, sondern auch in der Berufung interessieren wird. e2m

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