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Die Legende

Die Wochenzeitung „der Freitag“ enthüllt in ihrer online-Ausgabe, dass Joachim Gauck maßgeblich den „Kirchentag von unten“ 1988 in Rostock verhindert haben soll. Treffen die Angaben zu, dürfte Joachim Gauck als Präsidentschaftskandidat nicht mehr in Betracht gezogen werden. Dessen Stellungnahme steht zur Stunde aus

Was die Wochenzeitung der Freitag an diesem Donnerstag online offenbart, ist nicht weniger als eine Sensation. Träfe zu, was Jakob Augstein und Jana Hansel unter dem Titel „Pastor der Unfreiheit“ ausführen, müsste das Konsequenzen für Joachim Gauck haben, der demnächst als aussichtsreichster Kandidat vor die Bundesversammlung treten wird. Er selbst hat sich dazu bisher nicht geäußert.

Gestützt auch auf das Zeugnis von Heiko Lietz, unter anderem Sprecher des Neuen Forum am Zentralen Runden Tisch, berichtet die Zeitung, dass die Verhinderung des „Kirchentages von unten“ 1988 in Rostock vor allem auf Gauck zurück zu führen sei. Als Vorsitzender des Kirchentagsausschusses der Landeskirche habe er die wichtige Aufgabe erhalten, „einen Kirchentag im Sinne der Kirchenleitung durch[zu]führen und dabei alle Konflikte mit dem SED-Regime [zu] vermeiden“. Dem sei er nachgekommen. In den Unterlagen der Stasi befände sich unter anderem das wörtliche Zitat: „Der Kirchentag 1988 ist zum Feiern da und nicht zum Demonstrieren!

Sollten sich die Behauptungen der Zeitung als richtig erweisen, so hätte das Konsequenzen bis hin zur Kandidatur zum Amt des Bundespräsidenten.

Da wäre zum einen das Erscheinungsbild: Weder wäre Gauck Bürgerrechtler gewesen, als der er immer wieder bezeichnet worden ist, noch ein Verfechter der Freiheit, dessen er sich in seinem kürzlich erschienen Büchlein („Freiheit – ein Plädoyer“) berühmt hat. Im Gegenteil: Gerade diese Veröffentlichung, die eine Ausarbeitung einer Festrede vor der Evangelischen Akademie Tutzing vom Januar 2011 ist, belegte retrospektiv, wie weit vorgetragene Theorie und gelebte Praxis bei dem Mann im Gegenteil zusammenfallen.

Dabei kann dahin gestellt bleiben, in wessen Sinne Gauck restriktiv gehandelt haben könnte: Zugunsten einer Systemstabilisierung als solcher, wofür die Ausführungen mehr als nur einen Anhaltspunkt liefern würden. Oder als Paravent für die „Kirche im Sozialismus“ als Institution und deren mannigfaltigen Arrangements mit dem Staat.

Das Netzwerk der Pluralität jedenfalls, das sich gerade in der Alternative des „Kirchentages von unten“ 1987 manifestiert hatte, war für Rostock im Jahr darauf offenbar nicht gewünscht. Das hätte Gauck um- und durchgesetzt. Und doch war es gerade die Vielstimmigkeit gewesen, die dem Begriff der Freiheit nicht nur ein neues Kleid gegeben, sondern die Inhalte verliehen hat, um überhaupt zu einem gemeinsamen Motiv werden zu können, auch im Handeln. Die Frage, die sich zwangsläufig stellt, lautet: Hat die friedliche Revolution in der DDR trotz eines Joachim Gauck stattgefunden?

Dabei interessiert weniger die Dimension eines möglichst objektiven Geschichtsabbilds der Vergangenheit, sondern wie Politik in Deutschland für die Zukunft geschrieben wird.

Der Bundespräsident ist in Deutschland ein Verfassungsorgan, das größtmögliche innere und äußere Unabhängigkeit von der Person abverlangt, die das Amt bekleidet. Dazu gehört -bei allen Präkonzepten und Überzeugungen, die künftige Amtsinhaber/innen mitbringen- auch die Bereitschaft, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen.

Mögen sie auch auf unorthodoxe Weise, laut, mitunter kämpferisch und auf der Straße vorgetragen sein: Sich ihrer anzunehmen ist die mindeste Handlung, die von jemandem zu erwarten ist, der im Amtseid versichert, „Gerechtigkeit gegen jedermann üben“ zu wollen. Und es ist das genaue Gegenteil von „Gäste haben sich zu fügen und einzuordnen“, wie es wörtlich Joachim Gauck zugeschrieben wird. Denn fügen ist Gehorsam, einordnen Stillstand, und in unserem Staat sind wir nicht nur zu Gast.

Joachim Gauck ist zweifellos in der Bundesrepublik angekommen, die sich als Gegenentwurf zur verschwundenen Deutschen Demokratischen Republik darstellt. Er wäre so besehen aber nicht ihr Präsident, sondern nur ihr oberster Konservator hinter einer Maske des Bürgerrechtlers; er diente dem Staat als Abstraktion, nicht den Menschen und ihrer künftigen Entwicklung.

Nach einem Amtsinhaber, der über seine eigenen Worte gestolpert ist und einem, der in der Optik vieler das Gegenteil von Tugend ist, verträgt diese Republik nicht noch die Legende. Noch wäre Zeit, inne zu halten. Zehn Tage, um genau zu sein. Sie sollten genutzt werden. e2m

[Anmerkung: Jakob Augstein hat einen Blog nachgeschoben, „Eine Anekdote aus dem Leben Joachim Gaucks„; weitere Links aktuell zu telepolis („Mit allen Wassern ungewaschen„) und in die Vergangenheit bei Freitag („Auf Wiedersehen, Herr Gauck“ nebst Erwiderung „Ein verrutschtes Plädoyer„)]

12 Gedanken zu “Die Legende

    1. Auf Spekulationen, zumal aus dem Mund von Michael Diestel, lasse ich mich nicht ein. Dessen Positionen sind offensichtliches und dezidiertes Instrumentarium, je nachdem um welche Person es sich handelt, mit der er sich befaßt. Siehe etwa http://www.superillu.de/aktuell/Peter-Michael_Diestel_im_Interview_1476747.html

      Ohne nähere Kenntnis der Inhalte der Akten kann ich höchstens die Einschätzung von Augstein und Hansel als Maßstab nehmen, wonach Gauck Gegenstand eines operativen Vorgangs war. „Ein OV diente eigentlich dem Zweck der „Feindbearbeitung“; mithilfe dieser Maßnahme sollten strafrechtlich relevante Informationen zusammengetragen und eine mögliche Verhaftung vorbereitet werden.“ Dadurch bekäme der Satz die folgerichtige Bedeutung: „Im Rahmen der Vorgangsbearbeitung wurde ein maßgeblicher Beitrag zur Disziplinierung von Larve erreicht. Aufgrund des Bearbeitungsstandes kann eingeschätzt werden, dass von ihm derzeit keine Aktivitäten ausgehen werden, die eine weitere Bearbeitung im OV erforderlich machen.“ Er ist nachzulesen bei http://www.freitag.de/community/blogs/jaugstein/eine-anekdote-aus-dem-leben-joachim-gaucks

      Diese „Einschätzung“, die der eines Mitläufers entspräche, stammt von der Stasi. Die notwendige Klärung wäre nun Sache von Gauck selbst. Dazu hat er nicht mehr viel Zeit; sie würde genügen, da er mit der Materie als ehemaliger Behördenleiter bestens vertraut ist und auch seine Biographie abgeliefert hat.

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  1. überraschung! die, welche zwecks wiedervereinigung ‚rüber-machten‘, physisch wie psychisch, waren allesamt keine klassenkämpfer_innen.
    das alte wessi-land hätte allerdings auch keine solchen aufgenommen.
    oder etwa doch?

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    1. „waren allesamt keine klassenkämpfer_innen“ ist schon arg apodiktisch, liebe rahab. Sie machen sich damit mittelbar den Jargon der sog. „Republikflucht“ zu eigen, tun das aber als der advoctus diaboli, der das Mißverständliche überbetont. Denn Sie wissen genauso gut wie ich, dass „das alte Wessi-Land“ schließlich alle aufge- und übernommen hat.

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  2. rahab, neben dem guten gruß ganz einfach die frage: gauck als bundespräsident statt wulff? — es ist doch nur die ideologische steigerung? — die niemand braucht.

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    1. wer sagt denn, dass die niemand braucht? hab ich irgendwas verpasst? war, während ich von berlin nach darmstadt fuhr, rechts vom zug revolution und links vom zug revolution … und der zug fuhr mitten durch?
      ich erinnere dunkel zeiten, in denen menschen in die ddr zurückgeschickt wurden…

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      1. ich hab jetzt in meiner erinnerung auch wiedergefunden, wie das ging mit dem zurückschicken. ganz einfach nämlich: bei wem der anerkennungsausschuß feststellte, dass er-sie-es nicht als politischer flüchtling aus der ddr (die genaue bezeichnung müßte ich im uralt-ablehnungsbescheid meiner eltern nachgucken) anzuerkennen sei und zugleich herausfand, dass es sich bei den solchreart abgelehnten nicht um deutsche handelte, dem-der-denen wurde das vergnügen verwehrt, im wege des ermessens auf dem gebiet der bundesrepublik deutschland verbleiben zu dürfen.
        nun gibt es ja leute, die behaupten, es seien alle als flüchtlinge anerkannt worden. ich aber weiß, dass dem nicht so war. und weiß außerdem, dass der ablehnungsbescheid, welcher sich mit meiner familie beschäftigte, eben diese feststellung enthielt, dass wir deutsche seien…. weshalb im wege des ermessens wir zu so etwas wie geduldeten deutschen wurden. – nun: andere hatten noch weniger glück.
        vielleicht lohnte es, sich diesen teil von brd-geschichte noch mal etwas genauer anzugucken? um herauszufinden, was gebraucht wurde und wird und was nicht.

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      2. Das wäre wirklich interessant, nicht nur der Legendenbildung wegen. Was unter anderem dann die Frage eröffnet: Was ist aus dem Status / den Vietnamesen / Kubanern / Angolanern geworden, die sich zum Zeitpunkt des Mauerfalls/des Inkrafttretens des Einigungsvertrages auf dem Gebiet der DDR aufhielten?

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      3. die geschichte der vertrags-arbeiter_innen müßte eigentlich ganz gut dokumentiert sein – eben weil sie sich recht schnell vor die alternative asylantrag oder abflug nach … gestellt sahen. schwieriger wird es mit der geschichte der in der ddr anerkannten politischen flüchtlinge … da dürfte noch einiges in den kellern der gauck-behörde schlummern (nehme ich mal an, denn in den ausländerpolizeilichen akten war so gut wie nichts zu finden). und vollends verrückt wird es bei der geschichte der eingebürgerten – da erinnere ich wieder nur dunkel (ich war damals rund um die uhr mit asyl beschäftigt) versuche der brd, ddr-einbürgerungen rückgängig zu machen. zu diesem komplex ‚wen übernehmen wir als staatsbürger_in und wen nicht‘ ließe sich ein erster zugang über die rechtsprechung des bundesverwaltungsgerichts finden.
        ansonsten: Valentin Sengers einbürgerungs-schicksal dürfte kein ‚einzelnes‘ gewesen sein.

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