die Hohe Schule der Verwirrung

Egal ob European Homoeopathic Degree oder Jodeldiplom: der Bayerische Landkreis Traunstein entwickelt sich zum Zentrum für klangvolle Titel
Eine Stimme aus dem Idyll

Vor einiger Zeit geriet bekanntlich die akademische Welt arg in Unordnung, vor allem in Bayern. Ein namhafter Politiker der Christlich Sozialen Union (CSU) hatte sich mit dem höchsten Grad geschmückt, obwohl er entgegen des Leitbildes eines Doktors, dem Gelehrten, abgekupfert hatte, was das Zeug hielt. Und sich dabei mit fremden Federn geschmückt. Einer der Professoren der betroffenen Universität Bayreuth meinte, „wir sind einem Betrüger aufgesessen“.

Viel ist dabei und danach geschrieben worden, hauptsächlich über Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Übung.

Hörsaal
bald auch in Traunstein?

Die kleine oberbayerische Stadt Traunstein hat sich darüber keine Gedanken gemacht, sondern gleich einen entscheidenden Schritt vor den anderen, nämlich den in die Praxis gesetzt. Sie bekommt im Herbst das, was sich eine „Europäische Hochschule für Homöopathie“ nennt. Die wird, so der Landkreis auf seiner Internet-Präsenz, „40 bis 50 Studentinnen und Studenten ab dem Wintersemester 2012/2013“ ein Studium bis zum Bachelor- und Master-Diplom anbieten.

Das klingt ganz nach der guten Lehre und Forschung, Wissenschaft oder ebensolchen Abschlüssen, die man sich nur wünschen kann. Und natürlich nach Doctores, von denen nicht wenige die Ehrenbürgerliste der Stadt schmücken.

Entsprechend freuten sich am vergangenen Dienstag die politischen Entscheider des Landkreises über das Vorhaben. Auch das Traunsteiner Tagblatt schrieb mit Begeisterung von einer „Hochschule mit dem Studiengang Homöopathie“. Schon vorher hatte chiemgau24.de dem Pressesprecher des Landrats auf die Frage nach dem passenden Ortsschild für Traunstein entlocken können: „Je nachdem, wie sich das ganze entwickelt, können sich die Stadtväter von Traunstein in den nächsten Jahren darüber Gedanken machen.

Wäre da nicht, dass die anvisierte Einrichtung bestenfalls eine Privatschule und bei ungünstiger Prognose ein Reinfall wird. Ein Grund für Missverständnisse ist sie jetzt schon.

Denn in dem Punkt versteht das Bayerische Hochschulgesetz keinen Spaß: Universitäten und (Fach-)Hochschulen sind entweder staatlich oder staatlich anerkannt, was auch für deren Abschlüsse gilt. Und das ist, abgesehen vom Verständnis eines Studiums in all seiner Bedeutung, nicht Sache einer Stadt oder eines Landkreises.

Dass es eine solche Anerkennung oder eine Akkreditierung im Rahmen der Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland, zumindest aber eine solche nach dem AZWV gäbe, behauptet seltsamer Weise niemand. Im Gegenteil schreibt die Trägerin der künftigen Einrichtung, die Homöopatische Gesellschaft E.U.H. und ihre Stiftung: „Solange der Homöopath EHD in Europa nicht offiziell anerkannt ist, sollte für eine Berufszulassung nach der Basisausbildung die Heilpraktikerprüfung abgelegt werden.“

Klassenzimmer
Demnächst hier?

Was ebenfalls und mindestens missverständlich ist. Denn EHD steht für „European Homoeopathic Degree“ und ist nichts, das sonst wo unter einer solchen Bezeichnung angeboten oder anerkannt wäre. Mit anderen Worten: Eine private Homöopathische Gesellschaft E.U.H. würde vermittels einer ebenso privaten Stiftung nicht näher präzisierte Kurse mit selbst erfundenen Abschlüssen abhalten, mit denen wenig angefangen werden kann, schon gar keine Praxis in Deutschland.

Auch sonst würde die so bezeichnete „Hochschule Traunstein“ nach dem Stand der Dinge nicht viel für den Broterwerb bieten, was zwischen Approbation und Heilpraktikerprüfung passen würde.

Denn zumindest Letztere erlaubt es jemandem, der nicht als Arzt zugelassen ist, überhaupt das aufzunehmen, was den Heilberuf kennzeichnet: Die berufs- oder gewerbsmäßig eine Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienste von anderen ausgeübt wird.

Aber selbst diese Prüfung könnte nicht von der Traunsteiner „Hochschule“ angeboten werden – sie wird in Bayern vor dem Staat, vornehmlich den Gesundheitsämtern abgelegt. Und: Braucht man eine „Hochschule“, um auf eine Heilpraktikerprüfung vorbereitet zu werden?

Jetzt schon von einer Mogelpackung zu sprechen, träfe die Falschen. Denn es darf angenommen werden, dass alle derzeit Beteiligten um Sinn und Unsinn von Falschbezeichnungen wissen.

Zuallererst die Verantwortlichen von E.U.H. selbst, die den Reigen eröffnet haben: „Hochschule“ statt privatem Anbieter, „Studiengang“ statt Bezahlkurse oder „Bachelor“ statt staatlicher Anerkennung – angesichts der Unruhe im akademischen Sprachgewand versteht es sich von selbst, dass das einer Stiftung bedarf. Mit dem Nebeneffekt, jegliches geschäftliche Risiko, das auch mit eventuell unangemessener Werbung einhergehen könnte, auf das Stiftungsvermögen beschränken zu können; wie bei einer GmbH, nur besser klingend.
Das wird vor allem all die anderen Institute und Schulen, Zentren und Akademien in Sachen Homöopathie beruhigen, die alleine zwischen München und Salzburg im Wettbewerb um Lernwillige wie Zahlungskräftige stehen – die Konkurrenz durch eine weitere veritable Universität brauchen sie wohl nicht zu fürchten.

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Warten auf das bessere Ende ...

Der Landkreis Traunstein weiß ebenfalls, womit er es zu tun hat, nämlich einem Mieter mehr für das ehemalige Annette-Kolb-Gymnasium und seinem teuren Umbau. Laut Finanzplanung verhält sich der auf 5,4 Millionen Euro, vor allem für eine „energetische Sanierung“. Was wiederum weniger mit Seelenzuständen oder Feng-Shui zu tun hat als mit Energiesparen und Wärmeisolierung. Was läge also näher, eine überteure Renovierung publicityträchtig mit dem Sprung von einem Gymnasium zu einer „Universität“ aufzuhübschen?

Natürlich nur scherzhaft, wie man annehmen sollte. Denn für Landrat Hermann Steinmaßl von der CSU wie für alle anderen im Traunsteiner Kreisausschuss dürfte quer durch alle Parteien klar sein: Das Herumspielen mit der akademischen Welt hat nicht nur den Betrugsvorwurf eingebracht, sondern eine einfachere Erklärung – die Bodenhaftung verloren zu haben.

Die Alternative ist ebenso klar. Sollten sich E.U.H. und der Landkreis Traunstein samt ihrer Vertreter tatsächlich aufgemacht haben, „Hochschule“ neu zu definieren, wäre es Hohe Zeit, auch einen anderen Grundbegriff genauer zu betrachten: den der Quacksalberei.

Lernen, wo andere Urlaub machen? Aber natürlich!

Und die künftigen Lernwilligen? Sie sollten sich keine dunklen Gedanken machen, wenn sie sich haben locken lassen. Dank der besonderen Lage kann im Oberbayerischen Idyll viel getan werden, was Sinn ergibt: Bergführer werden und Skilehrer, Ausbildungen vom Kitesurfen bis zum Sportküstenschifferschein. Wie jede Menge Handwerk, das bekanntlich Goldenen Boden hat. Wer die Zusatz-Weiterbildung liebt: In Bergen, am Fuß des Hochfelln, gibt es das Jodel-Seminar, integriert „mit Atemtherapie auf Sylt und im Salzheilstollen Berchtesgaden”. Das macht auch sympathisch.

Und zur Universität Salzburg sind es nur 45 Kilometer, zur medizinischen Fakultät der LMU München eine Zug-Stunde. Gaudeamus Igitur – Immer schön fröhlich bleiben. e2m

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