Demokratie auf Brücke

Posted on 20. März 2012 von

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nave venezia

Anlanden kann ganz sanft gehen. Zu Noah heißt es: „Am siebzehnten Tag des siebten Monats setzte die Arche im Gebirge Ararat auf.“ Über irgendwelche Schäden unterhalb der Wasserlinie oder Verluste -bis auf eine Taube- berichten weder Gilgamesch-Epos, Genesis noch spätere Erzähler. Hätte der Kapitän Schettino geheißen, die Menschheitsgeschichte wäre mit Sicherheit anders verlaufen.

Dass dennoch Millionen dieses Jahr wieder dem Ruf „an Bord!“ folgen werden und zwar ganz ohne höhere Eingebung, gibt das Rätsel auf – warum Kreuzfahrten?

Qual ...

Die Aussicht auf Luxus oder wenigstens Annehmlichkeit kann es nicht sein. Denn wer mietet sich freiwillig in eine Platte ein, um die schönsten Wochen des Jahres zu verbringen. Dabei sind Cruise Ships sogar größer als die meisten Bauten vom Typ P2 und ähnlich vorgefertigt. Dafür sind ihre Räumlichkeiten -Kabinen genannt, humorvoll einige sogar Suiten- kleiner, niedriger und bei höchsten Quadratmeterpreisen dichter belegt als jede Normwohnung. Aber keinesfalls weniger anonym; auch die Geräuschdämmung zum nachbarlichen Liebesleben lässt kaum Wünsche offen.

Vielleicht erscheinen die schwimmenden Schließfächer nur deswegen nicht öde, weil neben dem ausgelebten Rausch in bordeigenen Boutiquen, Restaurants oder SPAs noch ein Grundkonsens herrscht: Bei Kreuzfahrtschiffen ist das Soziale kein Brennpunkt für Gegensätze, der Gegensatz selbst ist das akzeptierte Prinzip. Was früher einmal Klasse war, wird klaglos schichtweise vom Sonnen- bis zum untersten Deck durchgecheckt. Dafür hat man gezahlt. Und ist die Gangway einmal eingezogen, ist man unter sich; die anderen bleiben an Land. Dazu bedarf es keines Hinweisschildes „geschlossene Gesellschaft“ mehr vor einer Tür. Man legt einfach ab.

Belegungsplan Deck "Alhambra"

... der Wahl

Das angenehme Gefühl, gleicher zu sein, stellt sich spätestens zum Defilee bei der Begrüßung durch den Captain oder seinem Dinner ein. Dessen blendend weiße Uniform und sein verbindliches Lächeln erfüllen den per Voucher gleichermaßen erworbenen Anspruch auf Zuvorkommenheit. Und blenden den stillschweigenden Pakt aus dem Bewusstsein aus, der mit dem persönlichen Handschlag besiegelt für alle gilt: Die Anerkennung des unumschränkten Herrschers über Wohl und Wehe von Sach‘ und Seelen. Wenigstens eine Zeit lang.

Darüber und die Bordgewalt ist viel geschrieben worden. Neuerdings passt zwischen William Bligh („Meuterei auf der Bounty“) und John Franklin („Die Entdeckung der Langsamkeit“) der Manager. Bei deutschen Reedereien lautet die Stellenbeschreibung:  „Management Level  – Kapitän (m/w): Der Kapitän hat das Kommando an Bord und besitzt damit die gesamte Kontrolle über das Schiff. Zusätzlich zu seinen operativen Tätigkeiten ist der Kapitän angehalten, repräsentative Aufgaben im Namen unseres Unternehmens wahrzunehmen.“ Und unterzieht ihn nach den neuesten Maßgaben dem Training „Bridge Team Management“ mit Schwerpunkt: „Handhabung von Einsprüchen & Konflikten, Entscheidungsfindung, gerade unter Stress inkl. Stresshandhabung, Cross-cultural challenges und multikulturelle Aspekte“.

Da geht sie hin, die letzte Illusion. Der einsame Entscheider auf der Brücke, der Seebär mit dem Gefühl für Menschlichkeit und dem Gespür für Untiefen, ist ein leitender Angestellter.  Der mit seinem Team beratschlagt, was mit Blick auf die Insel ein paar Meilen voraus am besten zu tun sei: Sie umfahren oder sich ihrem Ufer zuzuneigen. Und wer hat schon davon gehört, dass ein Manager nach erlittenem Schiffbruch lieber mit seinem Unternehmen untergeht, statt sich vorher rechtzeitig mit oder ohne goldenem Handschlag abzusetzen.

Bliebe nur noch die Taube. Sie und der Lotse, aber das ist eine andere Geschichte. e2m

Posted in: Gedanken