Pains

Unser tägliches Brot

Das Vater-Unser-Motiv und viele andere passende oder unpassende („Brot brechen“) Vergleiche sind angestellt worden, seitdem Müller-Brot zuerst durch das Hygiene- und dann durch das Wettbewerbsraster gefallen ist. Auch Überlegungen wie viel uns, uns Konsumenten das Brot wohl wert ist, wenn wir schon nicht beim Bäcker, sondern von einer Großbäckerei kaufen.

Für den kleinen oberbayerischen Ort, wo diese Zeilen geschrieben werden, sind das keine existenziellen Fragen. Aber für die Leute, die in zwei Läden arbeiten und gleichzeitig von Schließung betroffen sind. Der eine ist eine Filiale des Brotherstellers, der andere eine von Schlecker.

An Schließungen hat man sich hier gewöhnt. Der einzige Umzug, der in den letzten Jahren nicht von einer Schließung veranlasst war, war der der Sparkasse. Von gemieteten Räumen ging es schnurstracks in das neue eigene Gebäude. Die Drogerie zog derweil in die Räume eines früheren Trachtengeschäfts, das lange auch vor Ort produziert und dann aufgegeben hatte. Müller-Brot als lokale Franchise-Niederlassung kam in das umgebaute Erdgeschoß eines Einfamilienhauses, glaublich aus Konkursmasse.

Schon vorher war langsam ausgetrocknet, was die großen Verteiler aufsaugten.

Der Niedergang des Molkereiladens, wo man die Milch noch mit der Kanne abholte, kam ebenso schleichend, wie die Haupterwerbsbauern auf Nebenerwerb umstellten; weil sich Milch, Sahne und Butter allein nicht mehr rechneten. Was auch für Obst und Gemüse galt. Ohnehin kurz vor den Alpen klimatisch nicht gesegnet, genügten die lokalen Viktualien nicht mehr dem vor allem ästhetischen Geschmack. Der wurde in der nahen Kreisstadt mit makelloser Ware zuerst aus der Oberpfalz, dann vom Bodensee, später zunehmend aus Italien und der Türkei bedient. Lautlos verschwanden so die Obstanger vor den hiesigen Bauernhöfen, die Kartoffel- wie Krautäcker. Die Kreisstadt und ihre Ketten bieten heute Knoblauch aus China. Die Frische auf dem Wochengrünmarkt zahlt man doppelt so hoch; das ist nur noch etwas für Geldige.

Der Auftritt des industriellen Teigherstellers aus München -und mehr als 100 Kilometern Entfernung- rief dagegen Kopfschütteln hervor. Denn im Ort gibt es seit mehr als 200 Jahren einen Bäcker. Alteingesessen nicht nur als Handwerk, sondern ebenso die Familie; etwas was mit Fug und Recht ein Traditionsbetrieb zu nennen ist.

Das ging in der vorletzten Generation nicht ganz glatt, denn eine Zeit lang ging es um. Ob vielleicht in der frischen Ware nicht doch mehr Restbrot verwendet würde, als im Lebensmittel-Buch vorgesehen ist? Viel wurde gemunkelt, was sicher auch damit zusammenhing, dass das die einzige Bäckerei vor Ort war und der Familie einen gewissen Wohlstand brachte. Keine Selbstverständlichkeit zu einer Zeit, da sich nun selbst der bäuerliche Nebenerwerb nicht mehr rechnete, sondern Armut bedeutete. Und sich das Dorf von der noch älteren Tradition, der Landwirtschaft zu lösen begann.

Der Umschwung für unseren Bäcker kam, als der Druck zu groß wurde. Ein Konkurrent aus der Kreisstadt hatte sich nicht nur auf industrielle Produktion umgestellt, sondern mit Verkaufsstellen expandiert.

Die reichten bis ins Dorf. Mit der Übergabe an die jetzige Generation wurde der Laden freundlicher ausgestattet, mehr Brotsorten angeboten, und plötzlich, so war zu hören, schmeckte alles wieder. Vielleicht lag es auch an der Freundlichkeit der jungen Frauen hinter der Theke. Der Druck war abgefangen.

Dann also Müller-Brot. Und kurze Zeit danach die erste große Kette, die auf der grünen Wiese ihre Filiale aufmachte. Das Dorf hat nun seinen Lidl, der wiederum das Müller-Produkt im Sortiment führte. Es ist die Zeit, da der Ort nicht nur sein zweites Standbein ausgebaut hat, den Tourismus, sondern von weither sich hier Menschen ansiedeln. Der Landschaft wegen, des Urwüchsigen, der Unverfälschtheit. Nur wenn die letzten zwei, drei Bauern die Gülle ausbreiten, ist es mit der Bukolik vorbei.

Chic ist unser Bäcker und bei ihm einzukaufen; aber nicht teurer als anderswo. Das hat er neben seiner Qualität dem Münchener Rohlinghersteller voraus, der sich im kleinen Dorf auch noch selbst Konkurrenz gemacht hat.

Müller-Brot ist in die Falle getappt, die sich Schlecker selbst gestellt hat.

Auf Französisch nennt sie sich Grande Distribution, was hierzulande den flächig organisierten Einzelhandel kennzeichnet. Bei unseren Nachbarn ist das nicht nur ein ökonomischer, sondern gerade jetzt im Wahlkampf vor Präsidentschafts- und Parlamentswahlen ein politischer Begriff. La Grande Distribution beschäftigt annähernd 700.000 Menschen, und es gibt kaum eine Kette, die nicht notleidend wäre. Dass der Münchener Brothersteller so wenig Luft hatte, dass er unmittelbar nach Abspringen seiner größten Abnehmer, eben der Ketten -Lidl, Aldi und Tengelmann- Insolvenz anmelden musste, verwundert also nicht.

Aber heute Morgen ließ mich eine Frage kurz vor meinem Bäcker inne halten: Betriebsleitung hin, Gesundheitsamt her – haben die Beschäftigten bei Müller-Brot den immensen Dreck in der Fabrik nicht selbst gesehen? Der Dreck, der trotz Putzens über mehrere Wochen und Kosten von 600.000 Euro noch immer nicht beseitigt ist? Der Drogerieladen, so die letzten Meldungen, wird hier am Ort nicht zumachen, die Filiale vom Industriebrot wahrscheinlich schon. Das wird wieder geräuschlos sein. Und meine Frage unbeantwortet bleiben, die spielt im fernen München.

Heute habe ich eine Bärlauch-Ciabatta gekauft. So wie meine Großmutter dort schon beim Vater des Bäckers das Roggenbrot erworben hat, war ich nicht Verbraucher. Man kennt sich, im Dorf und beim täglichen Brot aus. e2m

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