Offener Brief an den DZVhÄ

Posted on 2. April 2012 von

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Brief

[Curt Kösters hat sich auf dem Blog des DZVhÄ meiner homöopathischen Arzneimittelprüfung (HAMP) von vor einigen Wochen angenommen und sie einer Fehleranalyse unterzogen. Im folgenden möchte ich gerne darauf antworten.]

Sehr geehrter Herr Kösters,

an erster Stelle möchte ich um Verständnis bitten, dass ich unter den von Ihnen gestellten Bedingungen meine Antwort zu Ihrem Beitrag auf diesem Weg gebe und nicht als Kommentar im DZVhÄ-Blog. Zweitens bedanke ich mich recht herzlich für die Mühe, die Sie sich mit meinem Beitrag gemacht haben. Auf einige Dinge werde ich näher, auf andere allgemeiner eingehen.

„Ich weiß nicht, welche angsteinflößenden Symptome Ihnen da vorher angekündigt wurden“

Die Ankündigungen waren nicht immer konkret, doch jeder Homöopath kann wohl mindestens eine Geschichte erzählen, in der es darum geht, wie er oder sie eine HAMP hat abbrechen müssen, weil die Symptome so schlimm gewesen seien. Unter ihrem Beitrag hat sich bereits ein Kommentator eingefunden, der einen Versuch „nach Nash“ empfiehlt, bei dem man starke Kopfschmerzen bekommen soll. Mit diesem Versuch fordert er Skeptiker heraus. Im Rahmen der 10:23 Aktion hatten Sie sich wohl bereits damit auseinandergesetzt.

„Offenbar gehen Sie davon aus, dass es die Aufgabe einer homöopathischen Arzneimittelprüfung sei, die Wirksamkeit homöopathischer Mittel zu belegen; Sie erwarten spektakuläre Symptome.“

Nein, ich erwartete nichts, obwohl mir Spektakuläres angekündigt wurde. Zumindest etwas, was man bemerkt. Mir ging es darum, meine eigene Aussage ‚Homöopathische Mittel haben keine spezifische Wirkung‚ durch die verblindete Einnahme eines Hochpotenzhomöopathikums zu falsifizieren. Ich habe eine hohe Potenz gewählt, weil das nach Lehre der Homöopathie stärkere Symptome machen soll und ich das Risiko einer Intoxikation scheue. Ich wurde explizit vor der von mir genutzten Potenzstufe gewarnt, schließlich sei ich Laie und möge mich an Niedrigpotenzen halten.

„Bei dieser Befragung habe ich eine Menge gelernt über homöopathische Arzneimittelprüfungen. Mir wurde bewusst, dass ich bei der eingehenden Befragung durch den konsultierten Kollegen Symptome erzählte, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren – weil ich diese Symptome vorher schlicht übersehen hatte. Beispielsweise trug ich in dieser Zeit eine Mütze, was ich nie vorher getan habe und auch später nicht mehr. Das war etwas, was ich zunächst nicht in den Zusammenhang gebracht hatte und was dem Kollegen durch schlichte Beobachtung auffiel. (…) Seither denke ich, dass zu einer ordentlichen Arzneimittelprüfung nicht nur ein Prüfer gehört, der das Mittel einnimmt, sondern auch ein Prüfarzt, der den Prüfer befragt.“

Im Zusammenhang mit der 10:23 Aktion hat ein gewisser Georges Vithoulkas den Vorschlag gemacht, Alumina C200 zu nehmen und zu schauen, ob die Leute Verstopfungen bekommen. Es scheint hier also innerhalb der Gemeinde der Homöopathen unterschiedliche Auffassungen zu geben, wie konkret die Symptome sind, die man bei einer HAMP erwarten kann.

Auch wenn wir uns hier im Grunde über etwas unterhalten, was nur hypothetisch von Relevanz ist, möchte ich Ihnen meine Gedanken zur Problematik der homöopathischen Anamnese mitteilen.

Sie schreiben, meine Beschreibung der Symptome sei nicht genau genug, ich hätte nur von „Kneifen im Bauch“ geschrieben, nichts jedoch z.B. von meiner Körperhaltung oder der Tageszeit. Nun frage ich mich allerdings, ob es eigentlich ausgereicht hätte, zu sagen, ich sei nach vorne gebeugt gewesen oder ob ich nicht auch hätte erwähnen müssen, um wieviel Grad. Gab es Rotation in der Wirbelsäule, in welchem Winkel standen meine Extremitäten zum Rumpf und zueinander? Habe ich schneller geatmet als sonst oder langsamer? Wie war das Verhältnis von der Ein- zur Ausatmung? Was für Kleidung hatte ich an? War sie zu eng, zu weit, zu warm oder zu kühl? Habe ich die Schuhe enger geschnürt als an einem anderen Tag? Habe ich öfter auf die Uhr gesehen? Wie hat mein Darm reagiert, war er träger oder aktiver als sonst? Gibt es einen Unterschied zwischen Duodenum, Jejunum, Ileum und Colon? Hatte ich kalte Hände und/oder Füße, was ist mit meiner Nasenspitze?

Diese Liste mit Fragen ließe sich sehr weit führen und je größer die Anzahl wird, desto wahrscheinlicher wird, dass einige davon bei allen Prüfern vorkommen. Sagen wir: Kneifen im Bauch, kalte Nasenspitze, schaut ständig auf die Uhr. Wo sie ein Muster erkennen, erkenne ich Zufall im Chaos mit wenig Relevanz für die Ursache des Bauchkneifens.

„Auch eines eigenen Artikels wert wäre die homöopathische Anamnese. Die ist – wie oben nur kurz angedeutet, wesentlich differenzierter als die Anamnese in der konventionellen Medizin.“

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, mir erscheint das weniger differenziert als zerfahren, willkürlich und belanglos für eine valide Diagnose. Nicht belanglos dürfte diese ausführliche Diagnose für die Wirkung der Droge Arzt sein – da kann man sich bestimmt noch etwas bei den Homöopathen abschauen.

„Und auch bei etlichen medizinischen Hochschullehrern, die der Homöopathie mit ebenso großer Skepsis gegenüberstehen wie Sie, gilt die homöopathische Anamnese in ihrer Genauigkeit als vorbildlich.“

Vermutlich haben die meisten Hochschullehrer trotz ihrer Skepsis ein etwas romantisches Bild von einer homöopathischen Anamnese, aus der Position heraus, sich die Zeit zu wünschen, ihre Patienten mal wieder „Wie geht es ihnen?“ zu fragen und die Antwort auch abwarten zu können.

Was Ihre Kritik an einer Medizin, die manchmal sehr auf Apparate setzt, angeht, gebe ich Ihnen zum Teil Recht. Allerdings kommen auch heute Ärzte in den meisten Fällen nicht ohne eine Anamnese und körperliche Untersuchung aus. Das hat aber weder mit einer HAMP, noch mit Homöopathie überhaupt etwas zu tun.

Ihre Ratschläge werde ich, soweit möglich, beachten, wenn ich nochmal versuchen sollte, meine Hypothese über die Wirkung der Homöopathie zu widerlegen.

Zum Abschluss habe ich noch zwei Fragen. Zum einen würde mich interessieren, was Sie von der auf dem DZVhÄ-Blog bereits diskutierten HAMP nach Nash halten und ob Sie mittlerweile bereits Erfahrungen damit gemacht haben.

Außerdem würde mich interessieren, ob Sie meinen Lesern, Ihren Patienten und mir eine Möglichkeit an die Hand geben könnten, einen Scharlatan von einem Fachmann der Homöopathie zu unterscheiden. Mit wissenschaftlichen Sachverstand kommt man nämlich weder beim einen, noch beim anderen weiter. Ich würde mich freuen, wenn Menschen von Ihrer Erfahrung in dieser Hinsicht profitieren könnten.

Mit freundlichen Grüßen

„merdeister“

[Bildquelle Titelbild]

Update 5.7.12: Im Titel des Beitrag stand bis heute noch der Name des Autoren. Im Rahmen der aktuellen Diskussion um Methoden die genutzt werden, um Journalisten, die sich kritisch zur Alternativmedizin äußern, zu diskreditieren habe ich gelernt, dass der Name im Titel Auswirkungen auf die Suchmaschinenergebnisse hat. Mir liegt in der Regel nichts daran, Menschen persönlich anzugreifen, aus diesem Grund habe ich den Titel geändert.

Posted in: Pharmaconcern