Bio-Orthodoxe – Natürlich unschuldig.

Posted on 16. April 2012 von

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Es ist schon ein Kreuz mit den Entwicklungen unserer Zeit. Zwar sind viele Menschen froh, sonn- und feiertags nicht mehr in die Messe zu müssen und sich von den klerikalen Fesseln befreit zu haben, die Generationen vor uns fest umschlungen hatten. Auch ist die Idee eines allwissenden, allmächtigen und alltäglichen Gottes bei vielen urbanen, säkularen LOHAS nicht mehr besonders hip. Doch es wird immer deutlicher, dass damit auch etwas fehlt, um sich und die Kinder davor zu bewahren, die gewonnene Freiheit zu nutzen, um sich seine eigenen Gedanken zu machen und rationale Entscheidungen zu treffen.

Ein Ausweg aus dieser Misere bildet sich seit einigen Jahren im wachsenden Marktanteil für Bionahrung ab. Nichts illustriert diese Entwicklung so schön wie der Text von Annette Coumont „Ein Kind, ein Huhn und eine Haltung“ oder, wie ich ihn nennen würde „Seelische Grausamkeit als Erziehungsmethode mit Nachhaltigkeit“.

Die Autorin beginnt mit einer Frage:

„Wie erklärt man einer Vierjährigen, was natürliche Ernährung ist?“

Das ist eine gute Frage! Eine bessere Frage wäre, warum man einer Vierjährigen das erklären sollte? Und die beste Frage ist, wie man das macht, wenn man selber so vollkommen unreflektiert mit dem Begriff „natürlich“ umgeht, dass die Tochter das (hoffentlich) spätestens mit sechs Jahren auch merkt. Wenn sie zum Beispiel von einem Insekt gestochen wird und der schmerzende Arm ganz natürlich anschwillt. Oder warum man so Bauschmerzen bekommt, wenn man die Marmelade noch gegessen hat, obwohl ein natürlicher Schimmelpilz darauf wuchs.

Frau Coumont lässt uns glücklicherweise ganz konkret daran teilhaben, wie sie ihrer Tochter erklärt, was natürliche Ernährung ist:

„Sie: Mama, warum kaufen wir eigentlich Bio

Ich: Also… Bio heisst ja eigentlich nur so viel wie „natürlich“. Und Obst und Gemüse, das natürlich gewachsen ist, nennen wir halt Bio- Gemüse. Oder wenn Hühner frei laufen dürfen und im Gras picken dürfen, dann ist das natürlich, und das sind dann Bio-Hühner. Glückliche Hühner eben. Deshalb kaufen wir sie.

Sie: Und die anderen, die nicht glücklich sind, sind das keine Bio-Hühner?

Ich: Genau, die anderen nicht, weil sie nicht unbedingt natürlich gewachsen sind oder natürlich gehalten wurden.

Sie: Wie sind die denn gewachsen?

Ich: Obst zum Beispiel wird häufig mit Gift bespritzt, damit keine Fliegen, Käfer und Schnecken daran fressen. Tiere, wie zum Beispiel die Hühner, bekommen meist künstliches Futter und  Medikamente, damit sie schneller wachsen und dann schneller geschlachtet werden können. Das ist nicht natürlich, aber leider normal.

Sie: Werden die Hühner schneller geschlachtet, weil sie nicht natürlich sind?

Ich: Nein, sie werden geschlachtet, weil wir Menschen so viele Hühner essen wollen. Bio-Hühner werden aber nicht so schnell geschlachtet. Dafür sind sie auch wertvoller und teurer…

Sie: Aber wir kaufen keine nicht-natürlichen Hühner mehr, nur glückliche oder?

Ich: Ja, wir kaufen nur natürliche und (ehemals) glückliche Hühner.

Sie: Aber das ist nicht normal oder Mama?

Ich: Nein, das ist natürlich, aber nicht normal…“

Halten wir also fest: „Bio“ heißt nicht „Leben“ sondern „natürlich“, konventionelle Nahrung wächst nicht „natürlich“, sondern…? Freilandhaltung, lernen wir weiter, ist Biohaltung und Bio-Eier aus Käfig- oder Bodenhaltung kann es nicht geben. Gift wird im Biolandbau nicht benutzt, die Landwirte dort haben Verständnis für Schädlinge und bitten diese, nicht mehr als 20% der Ernte zu vertilgen…oder so.

„Bio ist eine Haltung. Sie ist getragen von dem Glauben, dass ein natürlicher Umgang mit unserer Umwelt auch ein nachhaltiger ist. Bio ist eben natürlich. In etwa so, wie es war, bevor künstliche industrielle Methoden in der Nahrungsmittelherstellung eingesetzt wurden.“

Gibt es etwas schöneres, als solche Meinungsdekadenz zu lesen? Eine Gedankenwelt mit so kleinem Orbit, dass einem vom Zusehen übel wird? In Anbaugebieten für Bio-Obst auf dem afrikanischen Kontinent dürfen keine Insektizide benutzt werden, weil das nicht Bioregeln entspricht. Nebeneffekt: Malaria-Tote.

Man muss auch nicht weit zurückschauen, um die Vorteile heutiger Produktionsmethoden von Nahrungsmitteln schätzen zu wissen. Wann ist in Deutschland, Europa das letzte Mal jemand aus einem Mangel an Nahrungsmitteln verhungert? Der Zugang zu Nahrungsmitteln ist heute weniger ein Problem der Produktion, als eines der Logistik und vor allem der Politik.

Was soll’s, das sind nur Fakten, die kann man schnell berichtigen im Kopf eines heranwachsenden Menschen. Mir wurden zu Hause auch Dinge erzählt, die sich als falsch herausstellten und weiter stellen. Wirklich unangenehm finde ich den Teil, wo die Eltern ihrer Tochter Folgendes einimpfen.

„Ein- bis zweimal pro Woche gibt es Fleisch. Wir sagen unserer Tochter dann immer, von welchem Tier das Fleisch stammt und, dass es vorher sterben musste, damit wir es essen können.“

Ja, die Wurst mag lecker sein, doch das hungrige Töchterlein möge mit jedem Bissen die bittere Erkenntnis in sich aufnehmen, dass sie Schuld auf sich lädt. Der katholische Ansatz beim Essen. Die Biokiste als Beichte und Vergebung in einem. So kann man sich von allen anderen abgrenzen und sich über die Sünder erheben.

Doch warum da aufhören? Warum sagt man den eigenen Kindern nicht auch gleich, der Computer sei voller seltener Erden, aus dem Untergrund geholt von Kindern, „nicht älter als Du selbst“, die neue Hose, von Oma zum Geburtstag nach langem Betteln geschenkt, genäht von Kinderhänden in Fabriken ohne Tageslicht, 14 Stunden am Tag, das Gummi, mit dem die Schuhe besohlt sind, ist hergestellt aus Öl, aus derselben Quelle, die gerade den Golf von Sowieso verpestet und dort Delphine sterben lässt.

Ist die mangelnde Differenzierung zwischen Schuld und Verantwortung ein auf Deutschland beschränktes Phänomen oder brechen goldene Zeiten an, für Psychotherapeuten weltweit?

Meine Haltung beim Essen ist seit meiner Kindheit übrigens fast immer dieselbe: Ich sitze und finde das normal.

[Bildquelle]

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