Zum Ende einer Ära

Posted on 11. Mai 2012 von

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Die frühere Ost-West-Zeitung der Freitag portraitiert vor der NRW-Wahl die Linkspartei – ein Bild der Zerrissenheit

Welche tiefschürfenden Analysen sollte es noch geben, wenn eine Partei sichtbar zerfällt? Richtung FDP ist es angesichts von Themen und Personaldecke Häme  – mit wenigen Worten zu „scheintot und aufgeblasen“ hat das etwa in der SZ Heribert Prantl erledigt.

Richtung Linkspartei in Nordrhein-Westfalen lässt Pascal Beucker bei der Freitag Menschen zu Wort kommen, die sich einmal für diese Partei engagiert haben: Sie werden, so nicht nur der Titel sondern vor allem die Bezeugungen, in ihren Kreisen „gemobbt und ausgegrenzt“. Für eine Partei, die im Wahlkampf im bevölkerungsreichsten Bundesland den Slogan „misch‘ dich ein“ aufgestellt hat, ein bemerkenswerter Vorgang. „Wir wollen, dass Konflikte friedlich gelöst werden“, so die plakative Aussage, funktioniert dann vielleicht als Modell woanders, nur nicht an der eigenen Basis; der laufen ob des Unfriedens die Mitglieder davon.

Wie kann das sein, dass Anspruch und Wirklichkeit derart auseinander gehen, dass die Existenz der Partei Die Linke selbst in Frage gestellt wird? Dem Thema widmet sich das Meinungsmedium zu Berlin diese Woche, neben Titelblatt mit einem auch online verfügbaren Stimmungsbild von Jana Hensel: Ist die Linke am Ende? Sie konstatiert einen Riss. Der zwar plakativ an Oskar Lafontaine festgemacht wird, mittelbar noch an Sarah Wagenknecht (Zitat nach Bodo Ramelow: das „informelle Machtzentrum“), aber die andere Natur offenbart – eine Parteienfusion, die in den Köpfen und Herzen der Menschen der alten Republik nie angekommen ist. „Jeder kämpft gegen jeden“ sei das Ergebnis, vor allem in den Beletagen der Partei, was in Bezug auf NRW und die am kommenden Sonntag stattfindende Wahl auch zur Basisstruktur gehört.

Dabei ist es ohne weiteres einsichtig, Oskar Lafontaine heran zu ziehen, wie es Hensel getan hat. Denn in den letzten Zügen seiner Mitgliedschaft und des Kampfes für die SPD hatte er dramatisch appelliert: „Wenn uns die Wählerinnen und Wähler scharenweise weglaufen, dann ist etwas falsch an der Politik, und dann muss sie korrigiert werden.“ Derartige Einsicht vermisst man beim Führungspersonal der Linkspartei aber nach den nur noch als Massenexodus zu bezeichnenden Ergebnissen der letzten Zeit.

Hensels Blickwinkel ist möglicherweise der aus ihrem Buch „Achtung Zone“, das entgegen ihrer früheren Werke nicht auf Gegenliebe gestoßen ist. Was auch mit der Anpreisung durch den Verlag Piper zu tun haben könnte, sie zeige hier „warum die Ostdeutschen stolz sein können, anders zu sein.“ Das ist tatsächlich der Wessi-Sprech vom East-Pride, während es Hensel um Selbstbewusstsein geht, das nicht prätentiös ist, sondern Ergebnis von Hinterfragung der eigenen Provenienz. Und das wiederum hat mit Zukunft zu tun.

Ende kann auch bedeuten: In der jetzigen Form

Denn Teil dieser Identität ist auch die Menge innerhalb der Linkspartei, die sich PDS nannte. Im Bemühen, die SED-Konstante abzuschütteln, war die Öffnung zur alten Republik hin eine hoch willkommene Chance. Zumal sich diese vermittels eines populären Animal Politique wie Lafontaine anbot.

Doch diese Symbiose funktioniert nicht mehr. Dafür nun Oskar Lafontaine eine (Allein)Schuld auf den Leib zu schreiben, wie Hensel es tut, entstellt den Pakt um das do ut des im früheren Bündnis. Dass die Rechnung des gegenseitigen Nutzens in der Partei nicht aufgegangen ist, kann nicht einer Person alleine angelastet werden; das wirkt so unglaubwürdig wie larmoyant. Die tieferen Gründe für das Scheitern aufzuspüren, dafür reichen weder ein Artikel noch die Bemühungen der Partei selbst. Alleine die Wunden, die sich die Beteiligten rund um die Erkrankung Lafontaines zugefügt hatten, sind weder aufgearbeitet, geschweige denn verheilt. Und die Frage um die künftige Führung ist offener denn je.

Der Zeitpunkt, die absehbare Entwicklung darzustellen, ist aufrichtig gewählt: Denn selbst wenn Die Linke in NRW das Wunder schaffen sollte, in den Landtag einzuziehen, so wäre es nur der plakative Erfolg einer Partei, die zwar Kritik in der Form beherrscht, aber das Miteinander-Reden verlernt, es in Teilen ihren Mitgliedern regelrecht ausgetrieben hat.

Hensel eröffnet von Ergebnissen und dem unerträglichen Post-Wahl-Sprech eines Klaus Ernst ungetrübt ein Szenario, ohne es beim Namen zu nennen: Entweder der Autismus der Beteiligten wird überwunden oder die Partei wird wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile zerlegt. Allerdings ist der im Osten nun ein Stück emanzipierter, weil dort das Selbstbewusstsein gewachsen ist. Da können sich Lafontaines Linke tatsächlich nur noch die Augen reiben. e2m

[Titelbild (c) der Freitag]