crunch

aufgefasst&abgebissen – Simple Freuden

Pünktlich zum Vatertag 2012 hat die Union ein neues Familienbild entworfen

Männer finden nicht nur in den Regalen von Heimwerkermärkten oder im Fan-Artikel-Versand ihre ureigene Bestätigung. Auch ganze Kerle haben gelegentlich das Bedürfnis, ihrer Seele etwas Gutes zu tun.
Dafür gibt es Inspiration in Männermagazinen. Leckeres Duften und Essen, Sixpacks als Modell für den statt deren Inhalt auf dem Bauch, dazu Outfit von der Haarspitze bis zum Accessoire – mehr astraler Mann von dieser Welt geht nicht, selbst wenn er Spielzeugeisenbahnen statt Privatjets lenkt. Ihm kann Frau vertrauen.

Fast. Wenn es um das Innenleben geht, tun Männer doch meistens das, was Austern tun müssen: Fest verschlossen bleiben. Denn erst dort, wo alles ganz weich ist, liegen die wahren Schätze. Und um an die heran zu kommen, das weiß Mann spätestens nach dem Genuss von einem halben Dutzend oder dem Kauf einer Perlenkette, müssen die Mollusken dran glauben. Sich derart preisgeben, auch wenn mit Gefühl? Niemals.
Frauen andererseits können selbst Geheimnisse nicht länger als 32 Minuten für sich behalten. Das hat vergangenen November eine Umfrage unter 3000 Frauen ergeben. Sie war von einer Kosmetikfirma mit dem sinnfälligen Namen Simpel in Auftrag gegeben worden. Und nachdem die jüngst per Henri-Nannen-Preis zur ernsthaften Zeitung geadelte BILD das als Studie bezeichnet, ist das eherne Erkenntnis.

Die Verkehrung des derart sorgfältig gepflegten Kanons in sein schieres Gegenteil zeigt, wie tief der konservativen Union die Wahlniederlage in NRW im Gefüge steckt. Eine Mutter der Nation, die eisern schweigt und ein bayerischer Landesvater, der öffentlich losplappert wie ein Wasserfall – wann hat es so was schon gegeben?
Dabei war nicht so sehr Seehofers „Sie können das alles senden“ gegenüber Claus Kleber im ZDF die Offenbarung. Sondern dass der Ministerpräsident tatsächlich diesen ganz weichen Kern hat, in dem die Perle steckt: „Wissen Sie, was mir so weh tut? Ich glaube, dass diese Union und die FDP wirklich ein Potential haben, um in Deutschland zu regieren und wir machen das nicht so gut, dass wir Zustimmung von der Bevölkerung in Deutschland erhalten.“

Wenn das nicht das Bild vom neuen Mann ist. Der im besten Business-Dress vor die Kamera tritt. Der dabei nicht einfach „Basta!“ brüllt, sondern ohne Scheu über seine Schmerzen spricht fast wie in der Selbsthilfegruppe. Und der sich dieses kindlich idealistische Gemüt bewahrt hat, von Potential statt echtem Tun zu sprechen und auch noch freundlich einsichtig lächelt. Dafür muss man ihn einfach lieben. So sehr, dass seinetwegen eine Mutter in Berlin selbst ohne Morgengabe den eigenen Ziehsohn in die Wüste schickt.

Der total offene Vater, das Gespons das tapfer wie stumm das Elend erträgt, die adoptierten Cousins dritten Grades und deren neue Bescheidenheit: Auf den einfachen Freuden dieser neuen Familie ruht nun jede Hoffnung. Und immer stärker der Wunsch, sich endlich von ihr zu trennen. e2m

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