Weltskeptikerkonferenz – Kreationismus I

Posted on 18. Mai 2012 von

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Skeptiker02

Kreationismus ist ein Problem in den USA. So eine verbreitete Meinung, vermutlich vor allem bei Europäern, die, ob gläubig oder nicht, damit wenig anfangen können. Richtiger wäre, und Eugenie Scott klärt darüber in ihrem Vortrag hervorragend auf, Kreationismus ist ein Problem aus den USA.

Eugenie Scott ist von Haus aus physische Anthropologin und arbeitet am „National Center for Science and Education – NCSE“ in den USA. Das NCSE hat in den letzten Jahren viele Ressourcen darauf verwendet, sich mit Fällen zu befassen, in denen Kreationismus an Schulen als Lehrinhalt des Wissenschaftsunterrichts etabliert werden sollte (In den USA gibt das Fach „Science“ anstatt Chemie, Physik und Biologie). Dies sollte entweder als Ersatz für oder Konkurrenz zur Evolutionstheorie geschehen. Dabei hat sie es grob mit zwei Arten von Kreationisten zu tun: Young Earth Creationism, wo davon ausgegangen wird, die Erde sei, wie in der Bibel beschrieben, vor ca. 6000 Jahren in 6 Tagen durch einen gewissen „Gott“ erschaffen worden. Old Earth Creationism geht davon aus, das Alter der Erde entspreche zwar dem wissenschaftlich postulierten, die biologische Entwicklung sei jedoch wiederum von „Gott“ (es handelt sich um denselben) vorgenommen worden. Beide Richtungen nutzen das Konzept des Intelligent Design, wonach alles Leben auf der Erde von einem intelligenten Wesen (ratet mal wem!) designt wurde.*

In den USA dürfen die „Districts“ weitestgehend über den Inhalt des Unterrichts entscheiden. In den 15 000 verschiedenen (!) „School boards“ pro District sitzen gewählte Vertreter und bestimmen über den Inhalt des Unterrichts. Eugenie Scott fasste die Situation so zusammen:

„Where are elections, there is politics.“

Damit sprach sie die Tatsache an, dass die Menschen mit den extremsten Sichtweisen in diesen Belangen häufig die Lautesten sind. Menschen mit gemäßigten Sichtweisen bleiben den Wahlen eher fern, und so kann eine Minderheit über den Inhalt des Unterrichts entscheiden. Besonders wichtig ist dieser Minderheit meist evangelikaler Christen die Aufnahme von Kreationismus und in den letzten Jahren, Skeptizismus gegen den anthropogenen Klimawandel. Im Podcast „The Skeptics Guide to the Universe“ erklärte Eugenie Scott, der Klimawandel spiele in mehr und mehr Anfragen eine Rolle und man sei froh auf die Erfahrungen aus der Kreationismusdebatte zurückgreifen zu können.

In Europa ist die Debatte um Evolution und Kreationismus mittlerweile ebenfalls angekommen. So versuchte die italienische Bildungsministerin Letizia Moratti 2004 Evolution und Darwin aus den Schulbüchern zu verbannen, glücklicherweise ohne Erfolg. Der russische Minister für Bildung, Andrei Fursenko forderte, es sollten auch Alternativen zur Evolutionstheorie gelehrt werden. Damit ist er nicht nur auf einer Linie mit der russisch orthodoxen Kirche, sondern auch mit einigen konservativen Politikern in den USA.

„Teach the Controversy“

Nachdem in den USA die Intelligent-Design-Bewegung den Prozess Kitzmiller vs. Dover Area School District verlor, geht die Bewegung einen anderen Weg. In dem Prozess wurde entschieden, die Aufnahme von Intelligent Design verstoße gegen die Verfassung. Grundlage dieser Entscheidung war die Annahme, Intelligent Design sei religiöser Natur. Eine vernünftige Grundannahme, wie ich finde.

In den USA versuchen Protagonisten der Kreationismusbewegung in den letzten Jahren Gesetze verabschieden zu lassen, die festschreiben, dass im Unterricht nicht nur die etablierte wissenschaftliche Sicht unterrichtet wird, sondern auch deren Schwächen sowie alternative Theorien. In den Gesetzentwürfen wird meist weder Evolution noch Kreationismus, noch der anthropogene Klimawandel explizit genannt, doch es ist klar, dass sie darauf abzielen.

Argumentiert wird in diesen Fällen mit „fairness“ und „balance“. Es müsse auch eine andere Sicht zugelassen werden, wenn es diese gäbe. Wirklich deutlich wird der Denkfehler in dieser Argumentation, wenn man sich vorstellt, jemand forderte, in der Schule seine Alternative zur Theorie der Gravitation zu lehren, vielleicht eine Art Magnetismus zwischen Füßen und Boden. Eine Theorie alleine ist natürlich kein Argument, wichtig ist auch, sie in einem Buch zu finden, einem alten. Vielleicht lernen unsere Nachfahren in 500 Jahren von Gamp’s Law of Elemental Transfiguration.

„It’s impossible to make good food out of nothing! You can Summon it if you know where it is, you can transform it, you can increase the quantity if you’ve already got some…“

*Der Stuhl auf dem ich sitze muss dann von einem Menschen erschaffen worden sein, er passt nämlich nicht zu meinem intelligenten Hintern, der gerade einschläft.

Im nächsten Teil geht es um Kreationismus in Europa.

Edit 21.05.12: In der früheren Version war zu lesen, Frau Scott sei Ärztin, das ist nicht richtig und wurde berichtigt.

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