Weltskeptikerkonferenz – Alternativmedizin II

Posted on 20. Mai 2012 von

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Nachdem mit den beiden Vorrednern zwei Vertreter der evidenzbasierten Medizin (EBM) zu Wort gekommen waren, trat mit Harriet Hall eine Vertreterin der wissenschaftsbasierten Medizin oder Science Based Medicine (SBM) ans Rednerpult. Wenn für Anhänger der Alternativmedizin EBM der Inquisition entspricht, repräsentiert Hall in Gestalt einer zierlichen Dame, die ihr Berufsleben als Ärztin bei der Air-Force verbracht hat und nun ihr Unwesen in verschiedenen Medien treibt, den Opus Dei. Wöchentlich erscheint ein Text von ihr auf ScienceBasedMedicine.com, im letzten geht es um eine Verhütungsmethode für Männer. Echte Männer, muss man wohl dazu sagen, denn ohne Messer kommt die Methode nicht aus.

Der Unterschied zwischen EBM und SBM liegt vor allem in den Voraussetzungen, die eine Therapie erfüllen muss, um überhaupt einer Untersuchung für wert zu befunden zu werden. Widersprechen die Prinzipien auf denen die Wirkung einer Therapie beruhen sollen (bekannten) Naturgesetzen, gibt es keinen Grund von einer spezifischen Wirkung dieser Therapie auszugehen. Unspezifische Wirkungen lassen sich grob unter dem Phänomen des Placeboeffekts zusammenfassen.

Um das Problem konkret aufzuzeigen bedient sich Hall dem Beispiel der Tooth Fairy Science, der Zahnfeewissenschaft. In den USA gibt es eine Tradition, die ausgefallenen Milchzähne über Nacht unter das Kopfkissen der Kinder zu legen. Am nächsten Morgen liegt dort Geld, welches von der Zahnfee gebracht worden ist. Nun könnte man zum Beispiel untersuchen, wieviel Geld die Zahnfee im Durchschnitt bringt, ob Jungen mehr bekommen als Mädchen. Man könnte untersuchen, ob es mehr Geld gibt, wenn der Zahn in Papier oder Plastik eingewickelt ist und ob Kinder in Einfamilienhäusern mehr Geld bekommen, als Kinder in Mietwohnungen. Am Ende hätte man eine Menge Daten mit denen man Kindern Empfehlungen geben könnte, wie sie mehr Geld von der Zahnfee bekommen. Diese Daten sind jedoch, so wie die Empfehlungen, belanglos, weil es keine Zahnfee gibt (ich weiß, das Leben ist bitter), es handelt sich um Tooth Fairy Science.

Alternativmedizin ist für Hall, und hier zeigen sich Parallelen zu ihren Vorrednern,  ein Marketingbegriff, über diese Funktion hinaus vollkommen belanglos und richtet Schaden an. Medizin wirkt oder sie wirkt nicht, es gibt, keine „alternative Wirkung“. Dass diese Wirkung angeblich doch existiert, hängt unter anderem mit der Art und Weise zusammen, wie wir Menschen Informationen bewerten. Wir lieben zum Beispiel Geschichten und treffen Entscheidungen eher auf Basis von Einzelfällen, als auf Basis systematisch gewonnener Daten. Wir neigen zu einer Reihe logischer Fehlschlüsse, die uns dazu bringen, die falschen Entscheidungen zu treffen. Evolutionär könnte die Neigung Dinge zu sehen, wo keine sind durchaus von Vorteil gewesen sein (und noch sein?). Wenn ein Mensch in prähistorischer Zeit der Meinung war, ein Raubtier gesehen zu haben und sich davon gemacht hat, mag sich dieser Mensch ab und an geirrt haben und es war nur ein harmloser Grasfresser. Sein Kollege, der sich das Ganze erst mal genau anschaut, wird früher oder später an das falsche Tier geraten und seine Chancen auf Fortpflanzung ungenutzt verstreichen lassen. Die wissenschaftliche Methode dient dazu, diese Fehler systematisch zu minimieren (deswegen werden so viele Wissenschaftler von wilden Tieren gefressen…).

Wissenschaft ist ein Instrument und die Ergebnisse nur so gut, wie derjenige, der damit umgeht. Die wissenschaftliche Methode ist fehleranfällig, wenn auch langfristig selbstkorrigierend. Diese Fehleranfälligkeit führt bei unplausiblen Behandlungsmethoden eher zu falsch positiven Ergebnissen (der Mensch läuft weg, obwohl kein Raubtier da ist). Diese Ergebnisse beruhen auf den unspezifischen Wirkungen einer Behandlungsmethode. Im ersten Teil habe ich von Voraussetzungen geschrieben, die erfüllt sein müssen, damit eine Studie Ergebnisse herausbringt, die der Realität möglichst nahe kommen. Bei Methoden ohne spezifische Wirkung kann eine Unachtsamkeit in einer der Voraussetzungen, Randomisierung, Verblindung und Intention to Treat das Ergebnis schnell in Richtung eines falsch positiven schieben. Das kann natürlich auch bei Methoden mit spezifischer Wirkung passieren, doch die Erfahrung zeigt, dass in Journals für Alternativmedizin auch bei sehr unplausiblen Therapieformen häufig positive Ergebnisse publiziert werden. Insgesamt werden dort sogar mehr positive Ergebnisse publiziert als in Journals konventioneller Medizin.

Wie einfach es im Grunde ist, unplausible Therapien zu testen zeigt das Beispiel von Emily Rose. Emily testete, ob Pflegepersonal welches „Therapeutic Touch“ anwendet, unter (einfach) verblindeten Bedingungen ihr Energiefeld erspüren könnten. Für „Therapeutic Touch“ müssten die behandelnden Personen dieses „Energiefeld“ zwar spüren, konnten in Emilys Versuch jedoch nicht besser korrekt vorhersagen, wo diese ihre Hand hatte, als man es zufällig erwartet hätte.

Man erinnert sich vielleicht noch an die Empfehlung Mark Beneckes vom Publikumstag, mit den Augen eines Kindes durch die Welt zu gehen.

Hall hat ein Problem mit dem Begriff „Heilung“ und wie er in weiten Teilen der Alternativmedizin benutzt wird. So erzählte sie von einer jungen Frau, die an Brustkrebs erkrankte und zu einem „Geistheiler“ (Faith Healer) ging, anstatt sich medizinisch behandeln zu lassen. Die Krankheit schritt fort, bis zu einem Zeitpunkt, an dem ein früher Tod der Frau nicht mehr abzuwenden war. Die Frau sagte jedoch trotzdem, sie sei vom Geistheiler geheilt worden, weil der ihr geholfen habe, zu akzeptieren, dass sie sterben müsse. Wir merken uns: Geistheiler heilen Menschen bis sie Geister werden.

Ob Alternativmedizin nur so populär ist, weil sich Ärzte nicht genug Zeit für Patienten nehmen, nicht empathisch genug sind oder einfach weil es angeboten wird, ist wahrscheinlich nicht einfach zu beantworten. Am Ende ihres Vortrags stellte Hall die Frage, wie man die Praxis von Ärzten verbessern könne, auch damit diese keine unsinnigen Therapien anböten. Ein Vorschlag aus dem Publikum war, im Medizinstudium mehr auf das erlernen kritischen Denkens zu achten. Hall erwiderte darauf, da sei es wohl bereits zu spät, schon in der Schule müsse Kindern kritisches Denken beigebracht werden.

Auf die Frage, welche Möglichkeit Patienten hätten, sich zu informieren (gleiches gilt natürlich auch für Ärzte) sagte Hall, man solle die Frage stellen, wer anderer Meinung sei und wie er oder sie das begründet:

„Who disagrees with me an why?“

I totaly agree!