Stell mir einen Windbaum auf und zähle deinen Schaden

Posted on 21. Mai 2012 von

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windkraft

Die Phalanx der Gegner von erneuerbarer Energie  hat prominenten Neuzugang – Enoch zu Guttengerg hat via FAZ seinen Austritt aus dem BUND erklärt. Eine Gegenvorstellung

Mit seiner öffentlich wirksamen Erklärung ->„Ich trete aus dem BUND aus“ hat der bekannte musische Mensch Enoch zu Guttenberg, keinen Zweifel daran gelassen, wie zuwider ihm erneuerbare Energien im Grunde sind. Windkraftanlagen haben für ihn den Stellenwert einer „Horrorvision“ aus „Krieg der Welten“, Photovoltaik bedeute „Untaten auf den Dächern alter Ortsgefüge, in ihrer Identität, in ihrem Wert hinrichtet und vernichtet.“

Damit hat der Umweltschützer in ihm anschaulich den Daumen über die Formen der Stromerzeugung gesenkt, die derzeit für mehr als 50%  der Nutzung erneuerbarer Energieträger stehen – wobei diese wiederum per 2011 insgesamt zu 19,9% an der gesamten Bruttostromerzeugung in Deutschland beteiligt waren. Warum eigentlich und was wären seine Alternativen zur Alternative?

Zahlen vs. Glaube

Die Fragen drängen sich auf. Denn selbst bei Umsetzung der völlig berechtigten Vorstellungen zu Guttenbergs vom Energiesparen und unter Berücksichtigung seiner außerordentlich optimistischen Zahlen – es wäre in Deutschland etwa für 2011 immer noch ein Bruttobedarf an elektrischer Energie von rund 461 TWh geblieben. Eine Terawattstunde entspricht einer Milliarde Kilowattstunden. Tatsächlich waren es 614,5, wie uns das Statistische Bundesamt -> sagt. Das uns gleichzeitig vor Augen führt, dass hiervon 17,6% von Kernkraftwerken gedeckt waren.

Weitaus drastischer wird das Bild allerdings, wenn der gesamte deutsche -> Primärenergiebedarf in Rechnung gestellt wird. Er betrug für 2011 13.411 Petajoule (PJ) und entspricht einer theoretischen Bereitstellung von 3.725 TWh. Hier reduziert sich der Anteil aus regenerativen Energieträgern auf gerade einmal 10,8%. Das Gros liefern Mineralöl (33,8%) und Erdgas (20,6%), Kernkraft steht mit 8,8% in den Büchern. Bis 2020 soll aber gemäß der EU-Richtlinie 2009/28/EG der Bruttoendenergieverbrauch zu 18 % über Erneuerbare gedeckt werden.

Wie das für die Zukunft unter den umweltschützerischen Hut passen soll, den er -weil als zu eng empfunden- endgültig abgenommen hat, verschweigt zu Guttenberg ganz folgerichtig.

Dafür soll eine höhere Macht herhalten müssen. Die Menschen hätten für die „Wunder, die wir Schöpfung nennen“, dem „Herrgott zu danken“, statt sie zu zerstören. Jede weitere Erörterung würde sich also erübrigen – Gottes Werk, vor allem wenn statt des Zahlenwerks benutzt, verböte jeden Widerspruch. Es sei denn, man erkennt den besonders zynischen und geradezu lästerlichen Gebrauch, den zu Guttenberg davon macht.

Gelebte Kultur in Deutschland

Kultur ist menschengemacht. Das gilt auch für seine Kulturlandschaft. In Deutschland gibt es kaum Quadratmeter, der nicht im Laufe der Zeit aufgrund menschlicher Entscheidung und von Hand gestaltet worden wären.

 Würde unsere Gesellschaft sich nicht auf die Verbrauch von fossilen und in den letzten Jahrzehnten von nuklearen Energieträgern spezialisiert haben, würde es etwa das 2011 begangene „Jahr der Wälder“ nicht gegeben haben. Der -> Zuwachs ihrer Flächen von rund einer Million Hektar in den vergangenen 40 Jahren ist zwar auf die Entscheidung zurück zu führen, für Aufforstung zu sorgen. Sie ist aber auch unmittelbar und mit bedingt, nicht auf Holz als Energielieferant angewiesen zu sein.

Fossile Träger sind gleichzeitig die eines hoch technisierten Deutschland, in dem „Strom“ nicht hinweg gedacht werden kann, ohne dass Intensivstationen in Krankenhäusern oder der Lichtbogen, der Metalle zum Schmelzen bringt, entfielen. Ohne sie, und zwar in Form auch von jährlich rund 160 Millionen Tonnen Mineralöl, gäbe es keine Mobilität und nur sehr wenig Heizung.

Im gleichen Maße hat sich paradoxerweise Gleichgültigkeit breit gemacht, wie dieses Rückgrat unseres täglichen Lebens, so wie wir es heute kennen, alimentiert wird. Nur vergleichsweise wenige Menschen haben sich gegen Großprojekte wie den Ausbau von Staustufen in Flüssen oder eine nukleare Wiederaufbereitungsanlage engagiert. Und erst der dritte Großunfall nach Three-Miles-Island und Tchernobyl hat die breite Erkenntnis gebracht, dass auch eine höchst technisierte Gesellschaft wie die Japanische nicht in der Lage ist, diese tödliche Technik zu beherrschen.

Fakten unterhalb des Wahrnehmungshorizonts

Die Gleichgültigkeit ist aber allgemein, wenn es um die Herkunft der verbleibenden Träger geht und unter welchen Bedingungen sie gewonnen werden, obwohl gerade das zu interessieren hätte. Denn mit Ausnahme von Braunkohle werden sämtliche anderen Energieträger nach Deutschland -> importiert und zwar zu nahezu 100%. Und sie werden knapp.

Die Energy Watch Group (EWG), auf die sich auch das Bundesumweltamt beruft, ist in ihrer im Mai 2008 veröffentlichten Studie -> „Zukunft der weltweiten Erdölversorgung“ zu dem Ergebnis gelangt, „dass die weltweite Ölförderung im Jahr 2006 ihren Höchststand erreicht hat. Bis 2020 und erst recht bis 2030 ist ein dramatischer Rückgang der weltweiten Ölförderung zu erwarten.“ Die Schlussfolgerung der EWG: „Dadurch wird eine Versorgungslücke entstehen, die innerhalb dieses Zeitrahmens kaum durch die wachsenden Beiträge anderer fossiler, nuklearer oder alternativer Energiequellen geschlossen werden kann.“

Wie sehr sich diese Situation bereits zuspitzt, ergibt sich aus dem Bemühen der Erdöl- und Gasförderer, bislang unrentable, vor allem aber unerreichbare Quellen zu erschließen. Dies geht von immer tiefer unter der Wasseroberfläche angesetzten Bohrungen über -> Ölsandabbau bis zum -> Fracking. Dabei hat sich 2010 mit der Katastrophe im Golf von Mexiko ein -> spezifisches Risiko realisiert, das früheren Blow-Outs unbekannt war: Die Bohrungen finden in einer Tiefe statt, in der der Mensch selbst nicht mehr arbeiten kann. Und die Monate dauernden Fehlversuche, unter diesen Bedingungen ein umweltzerstörerisches Leck zu schließen, haben gezeigt, dass die Beherrschbarkeit von Technik auch hier eher Wunschdenken als der Wirklichkeit entspricht.

Energiehunger, unterirdisch

Das klingt weit entfernt, klopft aber bereits an unsere Tür. Die gleiche Firma, die das Aussterben ganzer Populationen und Generationen an Fauna und Flora in den Gewässern der USA zu verantworten hat, bohrt unter den gleichen Bedingungen, aber unter noch wesentlich laxerer Aufsicht bereits im Mittelmeer. Explorationen selbst kleinster und unwahrscheinlichster Gaslagerstätten wie etwa in einem Naturschutzgebiet am Chiemsee sind an der Tagesordnung. Und welche Rolle Fracking, vor allem aber dessen nicht abschätzbaren Folgen in Deutschland hat, kann der Tagespresse entnommen werden.

Wie weit die Implikationen in der deutschen Politik angekommen sind, zeigen dabei nicht nur die Gesetze, die zur Energiesicherheit erlassen wurden oder in Zukunft werden. Horst Köhler wagte es, vor zwei Jahren eine Tatsache anzusprechen: „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege.“ Dass Deutschland neben Exportwelt- auch Importeuropameister für lebensnotwendige Ressourcen ist, zeigt, dass Handelswege, die es frei zu halten gelten würde, keine Einbahnstraßen sind.

Dies sind die Perspektiven bei unverändertem Verständnis von dem, was unseren Alltag ausmacht: Die stillschweigende wie steigende Bereitschaft, jedes Risiko einzugehen, um unseren Lebensstil ebenso aufrecht zu erhalten wie unsere Standards. Und das hat sehr wenig mit den Plänen einer höheren Macht zu tun, als vielmehr mit der besonders menschlichen Entscheidung – Wollen wir das für unsere Zukunft tatsächlich?

Der Don ohne Sancho Panza

Was ein Teil der Bevölkerung in Deutschland nicht will, hat zu Guttenberg formuliert. Und dabei verschwiegen, dass seine Argumente längst die des Baugesetzbuches, damit inzident die der Landesbauordnungen sind. Als sogenannte öffentliche Belange (siehe etwa -> § 35 Absatz 3 BauGB) müssen sie ohnehin bei jeder Baugenehmigung berücksichtigt werden. Das betrifft die Anliegen des Landschafts- und Umweltschutzes genauso wie die zu Natur- oder Baudenkmälern.

Das hat sich ebenso deutlich in den regionalen und den Landesplanungen niedergeschlagen. Nachdem mit Kartierungen festgestellt wurde, was ohnehin einsichtig ist, dass nämlich Wind in der erforderlichen Stärke nicht überall weht, werden statt der bisher üblichen planerischen Ausschlüsse Gebiete festgelegt, in denen Anlagen zur Nutzung der Windkraft Vorrang haben. Dem folgen die einzelnen Gemeinden durch Aufstellung entsprechender Fach- und Einzelpläne.

Der Grund dafür sollte ebenso einsichtig sein. Windkraftanlagen ergeben nur dort Sinn und sind im Sinne von Energieausbeute nur dort rentabel, wo der Energieträger anfällt. Diese Entwicklung bedeutet aber auch, dass jeder Mensch in Deutschland buchstäblich vor Augen geführt bekommen wird, dass und wie viel er unter Einschluss des jeweiligen Arbeitsplatzes an Strom verbraucht. Und mit welchen Konsequenzen.

Das ist und bleibt ein Wechsel in den Paradigmen. Nicht mehr die Ausbeutung einer nach dem St.Florians-Prinzip möglichst weit entfernte Lagerstätte, den energetisch verlustreichen Transport der Ausbeute an eine zentrale Verarbeitungsstätte, von dort die Verteilung an die Stromabnehmer. Sondern die dezentrale Gewinnung und Verarbeitung an einem Ort, idealerweise sogar von dessen Bewohnern direkt abgenommen. Um es mit einem beliebten Wort aus der Wirtschaft zu sagen: Mehr Synergie geht kaum als bei erneuerbaren Energien. Andere nennen es Autarkie.

… und sein Kampf gegen Windmühlen

Damit wäre aber auch die Zeit der Gleichgültigkeit vorbei: Gegenüber den Ölkatastrophen in Alaska oder im Golf von Mexiko, gegenüber der räuberischen Zerstörung von Lebensgrundlagen bei Ölsand-, Schiefergas- oder Kohlevorkommen; gegenüber der weiteren Produktion von in jeder Hinsicht tödlichen Giften beim Abbau von Uran, dessen Verarbeitung und seinen Abfällen, beim Ausstoß von CO², das -in dulci jubilo- demnächst in den Untergrund gepumpt werden wird; oder gegenüber dem riskanten Geschäft, gegebenenfalls die letzten Ressourcen per Waffengewalt verteidigen zu wollen.

Demgegenüber sind Windkraftanlagen mit ihrem im Verhältnis geringen Raumbedarf kaum der Rede wert. Und lassen sich, ist einmal ihre Überflüssigkeit festgestellt, unmittelbar beseitigen. Der vollständige Rückbau eines einzelnen Pylons dauert nicht länger als zehn Tage, der eines AKW mehr als 10 Jahre.

Zu Guttenberg ist das alles bewusst, denn anders wäre sein apokalyptischer Tonfall kaum rational erklärbar. Dabei ist jedoch sein Anliegen weniger konservativ als konservatorisch und reduziert sich summa summarum auf einen Anspruch auf Ästhetik – die Bewahrung des Schönen, Guten, Althergebrachten.

Alpen, die feste Burg in Schönheit

Dass dabei der Blick auf das bukolische Idyll oft genug das Ergebnis einer Sinnestäuschung ist, zeigt gerade das von ihm angeführte Beispiel der Alpen. Durchzogen von einer Myriade von Skipisten und ihrer Personenbeförderungsanlagen, im Sommer Ziel, etwa auf der Kampenwand, von Millionen Freizeitwanderern, sind sie schon lange ein Brennpunkt von Konflikten.

Früh wurde in Bayern versucht, den Ansturm durch Bildung von Tourismusschwerpunkten zu kanalisieren. Das ist nur in Teilen gelungen. Tatsächlich sind an vielen Stellen, gerade im Sommer, die Verwüstungen unübersehbar. Was änderte sich also substantiell, genau hier dies auch durch die Pylonen sinnfällig zu machen, die den Strom für die Kabinenbahnen gleich mit erzeugen? Im Gegenteil, die Ironie sei erlaubt, das schlechte Gewissen beim mechanisierten statt des Aufstiegs per pedes wäre unendlich erleichtert.

Womit wir beim BUND wären, auf dessen Initiative hin immerhin bereits 1921 das Naturschutzgebiet Königssee ausgewiesen wurde und das heute den Kern im Nationalpark Berchtesgaden bildet. Dass er sich habe kaufen lassen, wie es zu Guttenberg apodiktisch behauptet, diesen Vorwurf zu beantworten obliegt dem Verein.

Naturschutz und die Zukunft

Was hingegen alle angeht, ist die Tatsache, dass der Verein heute, wohl auch Dank der tatkräftigen Mithilfe des Mitbegründers zu Guttenberg, Anhörungs- und Verbandsklagerechte hat. Als derart legitimierte Partei in behördlichen wie gerichtlichen Verfahren ist die Organisation zwangsläufig im Bereich der Prozessökonomie angekommen: Ob und inwieweit es sich lohnt, Opposition bis zur letzten Instanz und zum bitteren Ende durch zu exerzieren.

Auch das ist eine Form der Überlegung, wie Ressourcen zu verwenden sind. Dass der er sich nicht vor die fragwürdigen Zielvorstellungen zu Guttenbergs hat spannen lassen, spricht dafür, dass der BUND in der Abwägung seiner Rolle gerecht wird.

Viele Menschen haben begriffen, dass ihnen in Deutschland Perspektiven geboten werden, aber auch der Versuch unternommen wird, sie jenseits der ausgetretenen Pfade zu suchen, die unweigerlich in der Sackgasse enden. Ganz anders als „gegen Windkraft“ organisieren sie sich etwa in -> Energiegenossenschaften mit dem Ziel, gemeinsam und verantwortet die Herausforderungen anzunehmen, die sich uns in der Gesamtheit stellen. Hier wird das neue Bewusstsein nicht nur gebildet, sondern in konkrete Handlungen umgesetzt. Dazu werden auch die Gespräche mit erfahrenen Organisationen wie der BUND gehören.

Das ist weiterhin eine Kultur des Eingriffs, der nötig ist, aber so gering wie möglich gehalten werden soll und perspektivisch weitaus geringer ausfallen wird als wie gehabt. Der nach dem Weg sucht, angesichts von 150 Jahren Industrialisierung, die auf fossilen Trägern beruht, einen neuen Kompromiss zu finden, der den als richtig erkannten Belangen Rechnung trägt. Es ist Fortschritt bei gleichzeitiger Bilanzierung der Erfahrungen und das sichtbar in unserer Mitte.

Und das ist etwas ganz anderes als der gepredigte schöne Schein der zu Guttenbergs dieser Republik. e2m

[Update, 29.05.2012: Auf den Seiten des BUND ist eine Notiz erschienen „Der BUND ist nicht bestechlich. Enoch zu Guttenberg irrt.„, der sich in Teilen mit den Anwürfen des Mitbegründers auseinander setzt. Verlinkt ist darin auch die direkte Antwort von Hubert Weiger an zu Guttenberg vom 15. Mai. Die Notiz weist kein Datum aus, der Quellcode trägt den Zeitstempel 24. 05.2012.]