Wenn Zwei etwas zu sagen haben

Posted on 28. Mai 2012 von

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Europa02

Was haben Günter Grass und Christine Lagarde gemeinsam? Nichts, und genau das verbindet sie

Die Artikel sind praktisch gleichzeitig online erschienen. Unter der Schlagzeile „Christine Lagarde: can the head of the IMF save the euro?” veröffentlichte der Londoner The Guardian ein langes Feature mit der Leiterin des Internationalen Währungsfonds. Am selben 25. Mai erschien in der Münchener SZ ein lyrischer Mehrzeiler von Günter Grass, betitelt mit „Europas Schande“.

Beide haben im weitesten Sinne mit Europa zu tun. Während der Eine dabei eine hellenische Mythologie bemüht, um dem ihm drohend erscheinenden Untergang ein passendes Bild zu geben, ist die Andere fast ausnahmslos uneuropäisch: „Yeah“ ist ihre Lieblingsvokabel, „it’s payback time“. Ganz zwischen Dirty Harry und Stirb langsam 4, wobei statt „Jippie-Ya-Yeah, Schweinebacke“ die stilsichere Dame sagt: „By all paying their tax. Yeah.”

Das Rezept, um aus der Krise zu kommen, ist also entweder hemdsärmelig einfach, freilich ansehnlich verpackt  in dem, was „aussehen mag wie eine dieser schimmernden Erscheinungen aus alterslosen Modezeitschriften am Wochenende“, so das Portrait des Guardian. Oder es kommt kryptisch moralisch daher, so verschwommen undeutlich wie hinter zu dichtem Rauch, wenn Grass schreibt: „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa, erdachte.“

Mit derlei Anachronismus ist in einer Zeit, da ein Bruce Willis tatsächlich mehr Stellenwert genießt als alleine Gustav SchwabsSagen des klassischen Altertums“, kein Staat zu machen. Ihn zu retten, erst recht nicht. Das Paradigma, das den Menschen näher gebracht wird, ist nicht das unschuldige Figürchen einer Europa, die auf einem Stierrücken irgendwo anlandet und Inspiration von Erzählungen war. Vielmehr ist es der Satz Lagardes, der in seinem Zynismus zunächst einmal sprachlos macht:

Ich denke mehr an die kleinen Kinder in der Schule eines kleinen Dorfes in Niger, die zwei Stunden am Tag unterrichtet werden, die sich zu Dritt einen Stuhl teilen und die sehr danach streben, Bildung zu erlangen. Sie habe ich immer in meinen Gedanken. Weil ich denke, dass sogar mehr Hilfe benötigen als die Leute in Athen.“

Nun sollte man wissen, dass Frau Lagarde von 2005 bis 2011 Ministerin jener Exekutive war, deren staatseigener Konzern AREVA zum eigenen Nutzen in Niger seit Jahren unter inhumansten Bedingungen Uran abbaut. Dabei fällt kaum ein Tropfen Revenue an die von der heutigen IWF-Direktorin so geschätzten Schulkinder ab, obwohl sie als Wirtschaftsministerin unmittelbaren Einfluss auf die Geschäftspolitik des Konzerns hätte nehmen können. In ihre Zeit fiel auch die Rückholung Madagaskars in die (offiziell eigentlich abgeschworene) Françafrique mit einem Militärregime, das im Abstand von mehr als drei Jahren seit der Machtergreifung keinerlei internationale Anerkennung genießt. Auch hier haben sich mittlerweile französische Firmen das faktische Monopol über die natürlichen Ressourcen des Landes zurück erobert. Und immer mehr Schulen schließen, weil schlicht kein Geld mehr für Bildung ausgegeben wird.

Man darf also danach fragen, was die Frau, die heute als eine der mächtigsten der Welt gilt, mit ihrer Aussage bezwecken wollte. Ist es die Entscheidung zwischen Pest und Cholera? Oder darf sich ein Land erst dann internationaler Solidarität (oder was auch immer sich der IWF darunter vorstellt) sicher sein, wenn es erst einmal wieder auf den Stand herabgesunken ist, dass sich drei Kinder einen Stuhl in der Schule teilen müssen?

Christine Lagarde hat mit brutaler Offenheit ihr eigenes Weltbild zum Besten gegeben. Es ist die Wahrnehmung von in jeder Hinsicht gnadenlosen Vollstreckern eines ausschließlich monetär orientierten Machtklüngels, der sich genau die Beispiele aus Afrika nicht nur als Ressourcenreserve zum eigenen Fortkommen hält. Sondern in völliger Verkehrung der tatsächlichen Ursachen als Menetekel benutzen, dass es den Menschen in Europa erst noch richtig schlecht wird ergehen können. Wenn nicht die Steuern bezahlt werden. Yeah.

Lohnt es sich da noch, bei Zeilen des Günter Grass zu verweilen? Das deutsche Feuilleton hat es getan und daraus über das Pfingstwochenende eine Farce gestrickt. Das ist weitaus unterhaltsamer als die Bekundungen einer Französin in einem englischen Blatt. Das ist alles ganz weit weg, so weit wie Griechenland Afrika und Washington. Oder wie die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Internationalen Währungsfonds.

Vielleicht sollten die in Zukunft auf den Lehrplan gesetzt werden statt eines Aristoteles. Denn der war, das weiß man doch, auch nur mit einer Amerikanerin verheiratet.e2m

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