Der Schnitt im Kopf

Posted on 20. Juli 2012 von

33


Calvin Angry

Bevor ich wirklich anfange, mich dem Thema zu widmen, sollte ich wohl sagen, dass ich nicht nachvollziehen kann, warum Menschen ein Körperteil (oder ein Stück Haut) entfernt wird, weil jemand vor mehreren 1000 Jahren der Ansicht war, ein imaginärer Freund würde ihm sagen das sei eine tolle Idee und er solle das mal aufschreiben. Genau diese Beschreibung zeigt jedoch auch das Problem. Viele Ebenen, die bei der Beschneidung berührt werden verstehe ich nicht. Und das scheint vielen, die gegen Beschneidung sind ähnlich zu gehen, denn viele „Argumente“ die dagegen in den letzten Wochen vorgebracht wurden, sind genauso behämmert wie viele Argumente dafür.

Dabei möchte ich mich hier auf Atheisten/Agnostiker und Skeptiker, also Menschen die sich dem kritischen Denken verschrieben haben, beschränken. Zwischen diesen Gruppen gibt es große Überschneidungen und viele daraus bezeichnen sich als Humanisten. In dieser Gruppe scheint es Konsens der meisten zu sein, die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Kinder gehöre verboten. Vielleicht rufen diese Leute aber auch nur am lautesten und verzerren so meine Wahrnehmung. Ed2murrow hat, meiner Meinung nach, klar dargelegt warum das Strafrecht nicht das richtige Instrument ist, um über den Umgang mit Beschneidung zu entscheiden. Für mich heißt das, es muss ein Debatte geben an deren Ende ein gesellschaftlicher Konsens steht, wie die Gesellschaft mit den Menschen in ihr umgeht, die eine solche Beschneidung für richtig halten. Diese Debatte muss ergebnisoffen sein und die Betroffenen müssen ausreichend Raum finden, um ihre Sicht der Dinge darzustellen. Eine Huschhuschforderung des Bundestages wird der Sache nicht gerecht.

Diese Debatte muss jedoch, gerade von Menschen die sich als Atheisten, also rationale Menschen bezeichnen und Skeptikern auch so geführt werden. Im Moment sehe ich eher das Gegenteil. Ich habe noch nie so viele Skeptiker so viele Fehlschlüsse machen sehen, wie in den letzten Wochen. Es schmerzt, wenn Menschen, die sonst anderen zeigen und vorleben wie kritisches Denken funktioniert, plötzlich vormachen, wie man es vermeidet.

Am dramatischsten für mich ist jedoch die Veränderung des Menschenbildes, welches da vor sich zu gehen scheint. Leute die sonst predigen, man müsse den Glauben von Menschen an Astrologie, Engel und anderen Unsinn ernst nehmen, man müsse ihre Sicht verstehen um sich damit auseinandersetzen zu können, machen plötzlich genau das nicht. Es geht mir nicht darum seinen Standpunkt nicht zu vertreten, es geht mir darum den Standpunkt des anderen abzuwerten und so nicht ernst zu nehmen.

Je hitziger die Debatte wird, desto öfter tauchen Videos auf, die eine Beschneidung zeigen und alle sind ganz furchtbar betroffen. Ich habe zumindest ein Video gesehen und es ist tatsächlich schwer zu ertragen. Es ist jedoch kein Argument für oder gegen Beschneidung, es ist ein Mittel um die Debatte zu emotionalisieren denn als kritisch denkende Menschen wissen wir, das führt immer zu einem ausgewogenen Ergebnis.

Warum machen Skeptiker und Atheisten nicht das, was sie gut können? Fragen stellen, die Grundannahmen prüfen, den Kontext herstellen. Im Moment sind alle nur furchtbar empört und sicher, auf der richtigen Seite zu stehen, was wenn wir uns irren? Schlimmer noch, was wenn wir uns irren und bekommen Recht? Wenn wir einen solchen Eingriff in die kulturelle Identität fordern und vertreten, sollten wir unsere Argumente sehr genau geprüft haben, mindestens so gut wie die Argumente der Befürworter.

Verschlagwortet: