Anmachen, süß-sauer

Posted on 28. Juli 2012 von

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Köche_Brei

Home- und Küchenstorys sind seit ewigen Zeiten der Versuch, per Metapher komplizierten Lebenssachverhalten ein menschliches Antlitz zu verleihen; bis sich jemand daran die Finger verbrennt

Für den Blogger ist tröstlich, dass andere auch nur mit Wasser kochen. Diesmal geht es um Dressings, in einem kulinarischen Sittengemälde von Heribert Prantl am 10.07. in der SZ, Seite Drei.

Da stand die mündliche Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fiskalpakt und ESM an. Genauer gesagt vor dem 2. Senat, dessen Vorsitzender Andreas Voßkuhle ist. In einer alle angehenden, aber in den Mechanismen zur Unkenntlichkeit abstrahierten Materie vor einem ebenfalls für alle verbindlich entscheidenden Gericht – was lag da näher als ein persönliches Portrait des bislang jüngsten Präsidenten des Gerichts?  So dass Prantl die besondere Rolle unserer Hüter der Verfassung dargestellt

Deutschland ist das stärkste Land der Union, das Bundesverfassungsgericht das stärkste Gericht der Union; ein Leitgericht für alle anderen Gerichte – beliebt, gerühmt, bewundert; es ist ein schwarz-rot-goldenes Gericht, aber sein Spruch in Sachen Europa hat Wirkung urbi et orbi

und auch die üblichen Gradmesser zeitgenössischer Rechts- und internationaler Beziehungskultur abgearbeitet hat (Wissenschaftszentrum Berlin; Jürgen Habermas), um dann zu Voßkuhle anzuheben:

Wie schafft er das, all die Richter auf eine Linie zu bringen? Das Geheimnis klärt sich in der Küche

 „Man muss erleben, wie er ein großes Essen vorbereitet. Bei Voßkuhles setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel und wartet, was aufgetragen wird […]Der eine Gast putzt die Pilze, der andere die Bohnen, der dritte wäscht den Salat. Zu diesem Arbeitsessen gibt es ein Arbeitsweinchen. Natürlich hat der Gastgeber alles sorgfältig vorbereitet, natürlich steht die Menüfolge fest […]Voßkuhle selbst rührt das Dressing. Man ahnt, wie er als oberster Richter agiert.“

Einem solchen Mann muss man einfach vertrauen, wo es doch derart schön, gesittet und  lupenrein demokratisch schon im Privaten zugehe. Das ist, so suggeriert es der Titel der Story, „der Verfassungsschützer“, der wirkliche, im Gegensatz zu sogenannten Schlapphüten und deren barfüß … pardon: hemdsärmligen Leitern, die sich auch des Titels eines Präsidenten eine Zeit lang erfreuen durften.

Wäre da nicht das klitzekleine Haar in der Suppe, das Reinhard Müller in der F.A.Z („Schwer genießbar“, 25.07. -> online) etwas verdeckt gestreut hat mit der Einleitung seines Artikels:

Andreas Voßkuhle mag kein Dressing. Aber er muss damit leben, dass ihm das von vermeintlichen Zeugen seiner Kochkunst angedichtet wird.

Die kryptische Zutat wiederum hat Markus Ehrenberg im Tagesspiegel („‘FAZ‘ Leitartikel wirft Fragen auf“, 26.07. -> online) entschlüsselt:

Judith Blohm, Sprecherin des Verfassungsgerichts, teilt mit: ‘Ich kann Ihnen versichern, dass Herr Prantl weder für diesen Artikel noch zu einem anderen Zeitpunkt von Herrn Voßkuhle zu einem privaten Essen eingeladen wurde, geschweige denn aus persönlicher Anschauung mit den Kochgewohnheiten des Präsidenten vertraut sein kann.‘ Dementsprechend habe Voßkuhle die diesbezüglichen Ausführungen Prantls mit einigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. ‘Herr Voßkuhle ist das letzte Mal im Herbst 2010 in dem Dienstzimmer im Bundesverfassungsgericht mit Herrn Prantl zusammengetroffen und zwar anlässlich eines Interviews für die ,Süddeutsche Zeitung‘, das jedoch gänzlich andere Themen zum Gegenstand hatte.‘“

Was bricht da für eine Welt zusammen. Wieder eine erfundene Story, diesmal von einer Edelfeder der SZ? Wieder da versagt, wo es um die menschliche Dimension eines wichtigen staatlichen Funktionsträgers geht? Und, so die Wortwahl Müllers in „angedichtet“ statt „erfunden“, am Ende sogar in böser Absicht, weil sich jenes kulinarische System auch sehr prosaisch mit Küchensenat übersetzen ließe?

Bei Jörn Kabisch in der Freitag nachgelesen  („Warum kann man mit Köchen nur schlecht sprechen“, 24.11.2011 -> online), was das für ihn ist,

Nein, menschliche Kommunikation fällt mir in der Küche schwer. Ich bin kein Multi-Tasker, welcher Mann ist das schon? Männer in der Küche werden, wenn sie reden müssen, zu Rohlingen

zeigt das Manko: Prantl schreibt nicht, wie das Menü am Ende schmeckt. Kann er auch gar nicht. Nicht nur, weil er wohl nichts bezeugen kann oder keineswegs sich alles auf das Motto: „der Weg ist das Ziel“ einkochen ließe.

Sondern weil uns allen erst im September aufgetischt werden wird. Ob uns das schmeckt, wird sich erst weisen. Schwer verdaulich wird es in jedem Fall, und deutsche Leitmedien dann vielleicht ein bisher arg vernachlässigtes Thema aufgreifen – den Digestif. e2m

[update, 31.07.2012 – In der heutigen Print-Ausgabe der SZ findet sich auf Seite Drei folgende Stellungnahme:

IN EIGENER SACHE Die Süddeutsche Zeitung hat am 10. Juli auf Seite Drei unter dem Titel „Der Verfassungsschützer“ ein Porträt über Andreas Voßkuhle veröffentlicht, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Darin schildert der Autor, Heribert Prantl, eine Szene, die zu Hause in der Küche Voßkuhles spielt. Bei dieser Schilderung konnte der Eindruck entstehen, Prantl sei selbstGast im Hause Voßkuhle gewesen. Das war nicht der Fall. Der Autor hat sich die Szene vielmehr von Teilnehmern der Küchenrunde schildern lassen, ohne dies ausdrücklich kenntlich zu machen. Die Redaktion bedauert diesen Fehler. SZ]

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