Wider das Vergessen

Posted on 1. September 2012 von

0


nmp

Zukunft und Prävention treiben Gestalter der Politik in Deutschland um; es ist eine Zukunft der Feindbilder

Was ist ein Feindbild? Das wissen Opfer am besten. Menschen, die anhand der Male, mit denen sie markiert wurden, beständig bezeichnet, gezeichnet und zum Gegenstand gemacht sind. Und in der Konsequenz der Entmenschlichung, der eigentlichen Versachlichung, dem Konsum zugänglich sind: Mit ihnen nach Belieben verfahren, sie gebrauchen, wegwerfen, zerstören, vernichten.

Das hat sich in kollektive Gedächtnisse eingebrannt, von Gemeinschaften freilich, die in Deutschland nur punktuell wahrgenommen werden. Etwa wenn 1992 an vier Tagen hintereinander von Tausenden auf eine Handvoll von ihnen Jagd gemacht worden war.
Oder anlässlich einer ‘Gedenkfeier‘ dazu, vom vergangenen Sonntag, da ein Pastor in der Rolle des deutschen Bundespräsidenten entschieden systemische Verantwortungen zugewiesen hat: „Gerade wir Ostdeutschen, die wir in lange eingeübter Ohnmacht lebten, blieben anfällig für ein Denken in Schwarz-Weiß-Schemata.“ Um sodann das Unerreichbare, aber gerade deswegen die an sich von ihm als erstrebenswert intendierte Utopie zu formulieren: „Eine völlig von allem Dunklen und Bösen ‘gereinigte‘ Gesellschaft wird es nie geben – nach all unseren Erfahrungen widerspricht sie der Natur des Menschen.“

Wer dies bewusst vernimmt, will sich das Minus, die „solidarische Gesellschaft“, wie Joachim Gauck sie beliebt zu nennen und zu wünschen, erst gar nicht vorstellen, die an einer Dichotomie  entlang -dort das Dunkle und Böse, hier das Helle und Gute- möglichst tief, nämlich mit aller nun zur Verfügung stehenden Macht gesäubert werden soll. Vorgreifend ist damit von allerhöchster Stelle ein umfassender, vor allem weißwaschender Persil-Schein an die ausgestellt, die ganz zielsicher die Unterscheidungen kennen, weil sie selbst sie markieren. Und erweist sich bereits an diesem Tag als dystopisches Präsens, da zwei Gäste, obwohl mit Brief und Siegel eingeladen, nicht zum Gedenken vorgelassen wurden: Weil sie dunkel sind. Dunkel an Hautfarbe.

Das „Dunkle und Böse“ zeigt ein Lächeln

Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass das von einem christsozialen Hans-Peter Friedrich geführte Innenressort in Deutschland im Rahmen der sogenannten „Initiative Sicherheitspartnerschaft“ demnächst Plakate aufhängen wird. Sie zeigen abwechselnd unter der in großen Lettern geführten Überschrift „VERMISST“ vier Gesichter. Das Konterfei steht, so der begleitende Text, für den Sohn, den Bruder und die Schwester. Jedes von ihnen „zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler. Ich habe Angst sie ganz zu verlieren – an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen.“
Die Plakate sollen dazu dienen, eine dem Bundesinnenministerium nachgeordnete „Beratungsstelle Radikalisierung“ zu bewerben. Denn das angesprochene „Ich“ soll sich, stellt es Ähnlichkeiten fest, per Telefon dorthin wenden – wie die, so das Selbstverständnis, „professionelle Beratung“ dann konkret aussieht, steht in den Sternen. Einen Vorgeschmack liefert freilich die Internetpräsenz der Initiative, wo man sich des Blickes auf Polizeiuniformen und Waffen nicht entziehen kann.

Keine Frage, die Abbildungen sind digitale Bearbeitungen, sog. gemittelte Gesichter. Auch sonst wird zugunsten wie vordergründig argumentiert werden können, dass hier keine spezifische Physiognomie angesprochen worden sei. Denn immerhin, es sind darin Männer wie eine Frau abgebildet, „Tim“ findet darin ebenso Platz wie „Ahmad“. Auch in der Prävention gilt der Gleichbehandlungsgrundsatz, sagt uns das, bei ‘Radikalen‘ und der Tendenz dazu. Und ganz sicher würden die Verantwortlichen dieser Aktion mit dem Brustton der Überzeugung von sich weisen, damit irgendeine Form von Rassismus bedienen zu wollen oder sogar zu setzen.
Wie es etwa ein Herr Seltsam von der Bundesbank getan hatte bei der werbewirksamen Vorabpräsentation seines Opus Magnus „Deutschland schafft sich ab“. Die Frage von Welt am Sonntag „Mögen Sie keine Türken, Herr Sarrazin?“ konterte er 2010, selbstverständlich, mit der Maxime: „Ich bin kein Rassist“.

Gewollt und menschengemacht

Dabei ist das Kontinuum unübersehbar: Das von Sarrazin publikumswirksam in Szene gesetzte Feindbild des -angeblich- biologistisch nachteilig geprägten Zuwanderers muslimischer Herkunft, der deswegen per se nicht integrationsfähig und auch nur bedingt bildungsfähig sei, erhält mit der Plakatierungsaktion das zugehörige Konterfei. Der Text stellt den inneren Zusammenhang her und weitet ihn aus – wer in das sichtbare Raster passt und „sich radikalisiert“ kann gar nichts anderes sein, als der oder die Fremde, die nicht einmal von den eigenen Angehörigen wieder erkannt werden. Ein Fall nur noch für Spezialisten von außen.

Es ist, als ob mindestens die letzten 60 Jahre zum Thema Rassismus an dem ehemaligen Bürokraten und dem aktuellen ministeriellen Apparat spurlos vorüber gegangen seien.
Als ob die Naturwissenschaften nicht spätestens 1972 mit den Worten des Hämotypologen Jaques Ruffié in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France die klare Distanzierung ausgesprochen hätten: „Nun ist es aber so, dass bei Menschen Rassen nicht existieren. Das ist der Grund, warum trotz der Zahl und Genauigkeit der Arbeiten niemand je in der Lage gewesen ist, sich über die rassische Zerlegung der Menschheit zu verständigen.“ Sie wurde letztmalig und aus Anlass vom Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V. bestätigt (Thilo Sarrazin hat grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden, September 2010).
Und als ob nicht diese biologistische, eigentlich: naturrechtliche Sicht mit Colette Guillaumin (Je sais bien, mais quand même ou les avatars de la notion ‘race‘, 1981) als reine Konstruktion erkannt worden wäre: „… die ‘Rasse‘ ist keine spontane Gegebenheit der Wahrnehmung und der Erkenntnis, sie ist eine konstruierte Idee, und allmählich konstruiert, ausgehend von Elementen, die sowohl physische Züge sein können genauso wie soziale Bräuche, die in Sonderheiten linguistischer Art liegen können wie in juristischen Institutionen, die alle, auf ‘Rasse‘ getauft, gruppiert und homogenisiert, unter das Dekret fallen, definitiv biologische Phänomene sein zu müssen.“

Rückführung auf ‘Wurzeln‘

Vielmehr wohnen wir bei den Äußerungen und der Plakataktion dem bei, was seit Guillaumin (Sexe, Race et Pratique du pouvoir, 1995 mit Texten ab 1975) und Robert Miles (Racism, 1989) als ‘Rassialisierung‘ zu bezeichnen ist und in der Rassismusdefinition von Albert Memmi (Le Racisme, 1982) aufscheint: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“

Hatte sich Sarrazin insbesondere mit der Kapitelüberschrift „Eroberung durch Fertilität“ durchsichtig wie schamlos bei den Motiven von Arthur de Gobineau (Essai sur l’inégalité des races humaines, ab 1853) bedient, der sinngemäß die Annihilierung der ‘weißen Rasse‘ befürchtete, weil sie sich unter einer Vermischung auflöse, die sie selber wolle, so ist das Zeichnen des ‘Phantombilds des gefährdeten-gefährdenden Jugendlichen‘ noch ein Gran härter.
Die Entkoppelung des jungen Menschen von seinem Elternhaus, seine ganz persönliche Emanzipation, die nie konfliktfrei verläuft und oft genug eine Wandlung mit sich bringt, während und nach der das Wiedererkennen schwer fallen kann, wird ausdrücklich dem muslimischen Hintergrund zugeschrieben, gleich ob als bestehende Tatsache oder als Anreiz, zu konvertieren. Er und kein anderer ist, im Subtext, eine besondere, die muslimische Anfälligkeit, der Boden von dem aus der Weg in religiösen Fanatismus und Terrorismus führt.
Pervers mutet jedoch an,  dass dies verbunden wird mit dem Ziel, einen Phänotypen einzuführen, dem all die in der Negativität unterstellten, teilweise auch nur imaginierten Eigenschaften anhaften:  Vier Gesichter, die lächeln!

Mag vielleicht die Intention der Gestalter gewesen sein, die Menschen anzusprechen, die die im Lächeln ausgedrückte Unbeschwertheit des Menschen in ihrer Familie vermissen. In der konkreten Wirklichkeit fügt sie sich ein als jetztzeitige Form des lateinischen timeo danaos sed dona ferentes: Fürchte moslemische Jugendliche auch wenn sie lächeln. Oder wenn die Eltern mit dem Kind an einem Plakat vorbeigehen werden – dass du mir ja nicht wirst wie die.
Sie bedienen sich dabei der Mittel der Physiognomie und Phrenologie frei nach dem Mediziner und Kriminologen Cesare Lombroso (L’Uomo Delinquente, 1876, dt. etwa: der verbrecherische Mensch), der meinte, das Charakteristikum des Verbrechens anhand bestimmter Züge feststellen zu können. Mit den Mitteln der digitalen Bildbearbeitung scheint es nun gelungen, diese Züge zu mitteln, sie zu objektivieren. Sachlich festgestellt: In nächster Zeit wird uns der Idealtypus des potentiellen Radikalen medial verstärkt angrinsen. In Sachen Radikalisierung erweist sich also die „Beratungsstelle“ tatsächlich als Vorbild – Menschen markieren, sie zum allseits sichtbaren Feindbild machen, um sie dann, nach erfolgter Denunziation aus dem eigenen Familienkreis, einer nicht näher ausgeführten Behandlung zuzuführen.

Theologische Überhöhung konkreter Politik

Es ist gut, dass sich mittlerweile verschiedene muslimische Verbände kritisch zu  Wort gemeldet haben und die Plakataktion, der auch Inserate bei anderen Medien folgen sollen, verurteilen. Das Onlinemagazin Migazin (Wie Innenministerium und islamische Religionsgemeinschaften Rechtsextremisten in die Hände spielen, 27.08.2012) formuliert es drastisch: „Sehr wahrscheinlich, dass sie [die islamischen Religionsgemeinschaften als Teil der „Initiative Sicherheitspartnerschaft“, e2m] diese Aktion schon bald verurteilen, meinen, nichts davon gewusst zu haben und vor steigender Islamophobie warnen. Ändern wird das nichts – der Schaden ist da und auch der endgültige Beweis, dass sie ungeeignet sind, für Muslime zu sprechen. Danke zumindest dafür!“
Denn in der Tat darf hinterfragt werden, welchen Zweck die ohnehin autoritär nach innen agierenden Gemeinschaften wie DITIB mit dieser Groteske außer dem des vorläufigen Bündnisses mit einem ebenso autoritär handelnden Bundesinnenminister zum Zwecke der weiteren Disziplinierung verfolgen.
Das enthebt aber nicht der Feststellung, dass in jenem Jahr 1992 in Lichtenhagen Tausende Beifall klatschten, seit 2010 ein angebliches Sachbuch eine zustimmende Millionenleserschaft findet und eine nur noch als Steckbriefaktion zu nennende PR-Maßnahme 2012 öffentlichen wie stillen Beifall findet, weil sie eine „kluge Aufklärungskampagne“ sei. Auch das ist ein Kontinuum. Es fiele niemandem ein, den Idealtypus des rassistischen Unterstützers in Lichtenhagen, in den Buchhandlungen oder der Plakataktion zu zeichnen: Es wäre das gemittelte Bild des normgerechten wie normierten Bürgers.

In den Worten des Bundespräsidenten mag der eine oder die andere Trost gefunden haben. Dort wo er, ganz seelsorgerisch, die „Abgründe der Seele“ und die tiefe Verwurzelung „der Angst vor dem Fremden“ im Gebet und in privaten Initiativen entgegnet sieht. Wiewohl in diesen Passagen das Fremde, die Angst davor und die Tiefe ihrer Verwurzelung, weil vom ersten Mann im Staat anerkannt, erst recht verfestigt werden, sogar als naturrechtliche und damit unabänderliche Begebenheit. Diese teleologische Form der Theologie, die in ihrer schwarz-weiß-Malerei weit älter ist als die Geschichte Deutschlands, kann gar nicht anders, als Macht zu evozieren: Die Allmacht, die im Gebet herbeigerufen wird und, wenn es -deswegen- konkret brennt, das Gewaltmonopol des Staates. Und trägt als Jahrhunderte alten blinden Fleck weiter, dass Feindbilder menschengemacht sind, sogar und absichtlich von eben den Trägern öffentlicher Gewalt, in der Markierung von Unterschieden und Erhebung der Unterschiedlichen zu (potentiellen oder aktuellen) Feinden. Sie schaffen, buchstäblich und in jede Richtung, das „Dunkle und Böse“ samt der jeweiligen Opfer.

Das Fremde, egal ob als Hautfarbe, Religion, Ethnie, Sprache oder Geschlecht absorbieren statt sich gegenseitig zu befruchten, oder als Widerständiges zu bekämpfen, statt sich den eigenen tatsächlichen, weil selbstgemachten oder vermeintlichen, weil eingeflößten Ängsten und ihren Ursachen zu stellen, war bislang eine bereits mächtige Politik im Deutschland seit 1949. Jetzt lautet sie als Credo, den Kampf so tief zu führen, dass erst gar keine Angst mehr aufzukommen braucht. Man könnte das Endziel nennen: Friedhofsruhe.e2m