Der Alltag mit Clever & Smart

Eine Antwort auf Jörg Friedrich und „Der Richterspruch des Schwarms

Die letzten Tage haben bewiesen, dass auch eine dürre Meldung in zwei Lokalmedien (Dorstener Zeitung, Hertener Allgemeine, sie stammen beide von Kaspar Kamp) weit reicht.
Zuerst wurde die Nachricht nebst in 140 Zeichen möglicher Empörung weiter verbreitet, sie (vor allem die Tweets) dann von den Mainstream-Medien aufgenommen, um wiederum im Netz zu landen. Kollege Stadler befasst sich damit genauso („Der Gesetzgeber muss beim Tatbestand der Vergewaltigung dringend nachbessern“) wie die Mädchenmannschaft („Rechtsstaat zieh Leine“, „Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er „Nein, ich will keinen Sex“ versteht!“).
Wer den Verbreitungsweg und –grad anhand von zwei Beispielen verfolgen will, kann sich etwa bei rivva.de kundig machen (hier und hier), indem er nicht nur die Übersichten zur Kenntnis nimmt, sondern sich die jeweiligen Präsenzen der (Re)Blogger und (Re)Tweeter und deren Kontexte anschaut.

Das alles ist freilich erst nach Erscheinen von Friedrichs Artikel bei freitag.de geschehen und wäre eine Entlastung, denn seine Optik hier ist ohnehin nicht die des Reporters, sondern die des Kolumnisten. Ganz seinem Motto gemäß ist er seinem Staunen nachgegangen, „wie die Twitter-Community aufgrund dürftiger Informationen und weitgehend ohne Kenntnis der Rechtslage zu einem sehr emotionalen Urteil kommt“.

Er verbindet das mit dem Schlagwort von der „Schwarmintelligenz“ und gelangt zu der Erkenntnis: „Diejenigen, die sich einig sind, können das durch kurze Statements signalisieren, aber die die widersprechen wollen, lassen die Finger von der Tastatur.“ Und gründet sich auf die Erwägung: „Dass Staatsanwältin und Richterin über die Fakten und über die Rechtslage ein wenig besser Bescheid wissen als die Internet-Experten bei Twitter, die sich allein durch eine Zeitungsmeldung informiert hatten, kommt dem selbstbewussten Schwarm nicht in den Sinn.“

Ich könnte mich nun mit einfachen wie twittermäßigen Antworten begnügen und sagen: Es ist ein hoch politisches und unmittelbar (be)treffendes Thema – in der Natur der Sache sind die Emotionen; das Einverständnis nennt sich Solidarisierung; in der Emotion äußert sich immer auch der Wille, mehr darüber wissen zu wollen.
Aber so einfach will ich es mir nicht machen. Denn damit hätte ich nur das gespiegelt, was für Friedrich selbst im Ursprung nichts anderes war als eine -etwas längere- Gegenempörung. So zumindest hat er es selbst getwittert.

Schwarm, das unbekannte Wesen

Was also damit anfängt, dass ich aus dem Artikel nicht ersehen kann, was der Autor eigentlich unter „Schwarmintelligenz“ versteht. Dass er deren Existenz postuliert, kann keine Frage sein, sonst hätte er sie nicht in den Text eingeführt. Dass er das ironisch gemeint haben könnte, vermag ich nicht zu erkennen. Vielleicht hat er sie zu gut versteckt.
Meint er also jene nach David Gelernter aus „The Second Coming – A Manifesto“? Oder deren Rückkopplung auf das Individuum bei Jaron Lanier ebenda und 6 Jahre später in „Digital Maoism“? Die Frage liegt nicht fern, denn Friedrich ist eigenem Bekunden nach IT-Unternehmer und Philosoph.
Oder meint er den Smart Mob im Gefolge von Howard Rheingold (siehe etwa für den deutschen Kontext Englert, Carina Jasmin/Roslon, Michael, Smart Mobs: Die smarte Form der Meinungsäußerung, Online-Publikationen im Netzwerk für Kommunikation und Wissen, Nr. 2010-16, via mykowi.net, pdf, -> online), nur dass ‘der Mob‘ sich hier nicht smart, sondern nur unwissend geriert habe?

Ich weiß es nicht. Sein Wissen, genauer: seine Deutung teilt mir der Autor nicht mit, sondern setzt mir den Begriff enigmatisch, gleichermaßen mit seinem geheimen Vorbehalt auf den Bildschirm. In dem erst kürzlich erschienen „Wenn Wissen explodiert“ beklagt er aber: „Und immer häufiger … sind Deutungen, die die gesammelten Informationen verständlich machen, gar nicht mehr in Sicht.“
Was richtig ist, aber umso schwerer gemacht wird, wenn nicht nur die Übersetzer fehlen, sondern schon von vorneherein ein geheimer Konsens zum Konstrukt ‘Schwarmintelligenz‘ (als empirisches Faktum, als soziologisches Phänomen, als Philosophie zu Netzwerkarchitekturen?) vorausgesetzt wird. Ist das das Wesentliche im Bund der Wissenden, der sich per Selbstverständlichkeit in Frontstellung bringt zu den anderen 99% der Bevölkerung?
Ich denke, wohin diese zum Augenzwinkern verleitende Übereinkunft führt, lässt sich am besten an den Reaktionen zu seinem Artikel bei freitag.de ablesen, wo ganz unverblümt einem Elitarismus das Wort geredet wird: Intelligenz vs. Dummheit, und damit, irgendwie links gewendet, Sarrazynismus in Reinkultur.

In der Tat legt Friedrich „die Beurteilung“ in die Hände des Expertentums. Das Primat der Faktenbeschaffung, deren Benennung in die der Profis der Medien; deren Ausdeutung denen, die das gelernt haben und damit im Konkreten den Juristen. Und natürlich sich selbst.
Dabei ist nicht konsternierend, dass es ihm im Traum nicht einzufallen scheint, dass es unter den per Twitter Mitteilenden ggfs. doch Fachleute in jeder Richtung gibt und zwar nicht nur potentiell – er selbst wäre mit seinem Account das beste Beispiel. Den Satz „Staatsanwältin und Richterin wissen über die Fakten und über die Rechtslage ein wenig besser Bescheid“ hätte er ohne weiteres in 140 Zeichen unterbringen können. Wen hätte er aber damit angesprochen? Und wen erreicht?

Auch macht nicht der Widerspruch zu seinen eigenen Aussagen sprachlos, die er freilich auf einer anderen Plattform hingeschrieben hat. Anlässlich einer Rezension zu seinem Buch „Kritik der vernetzten Vernunft“ meinte er („Virtualität und politische Aktion“): „Es geht nicht darum, Menschen mit Argumenten zu überzeugen oder zum Nachdenken zu bringen. Das ist der zweite Schritt, der voraussetzt, dass überhaupt erst mal eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung da ist. Das meiste ist ja im Alltag einfach so akzeptiert, die Menschen spüren ein dumpfes Unbehagen, haben sich aber mit den Gegebenheiten arrangiert und halten sie für alternativlos … Wer eine Gesellschaft umgestalten will, der muss zunächst mal den gewohnten Alltag stören.“
Öhm …

Es macht ebenfalls nicht madig, dass trotz aller Unwissenheit auch über das persönliche Schicksal der jungen Frau in Marl hinaus eine Tendenz transparent gemacht worden ist. Statt der glatten Suggestionen von Rechtsentwicklung befinden wir uns im Stadion einer möglichen Erkenntnis, dass Gesetze, auch das Intimste betreffend, fortentwickelt worden sind – fort von hart erkämpften Mindeststandards aus dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts und damit ein Rollback vor allem in Klischees.

Und erst recht kann man nicht frustriert sein, dass der Artikel im schlechtesten Fall eine Beschimpfung des Publikums ist, das der Verleger Jakob Augstein kürzlich ohnehin so charakterisiert hat: „Das Netz ist die Welt der Misslaunigen, der Voyeure, der Psychopathen, der Verantwortungslosen, der Undisziplinierten.“ Im besten Fall ist der Artikel also ein Feldversuch eben mit diesem Publikum und vielleicht der Grund, warum der Freitag nunmehr von der Europäischen Union kofinanziert ist.

Wtf ist ein Netizen?

Was übel aufstößt, ist, dass uns im Netz von jemandem die Möglichkeit gerügt wird, Netizen zu SEIN, alltäglich so zu interagieren, von einem Autor der eine Philosophie für Netzbewohner an die Frau und den Mann bringen will. Und sich damit genau auf die schlichte Nörgelei reduziert, die er eigentlich nicht reproduzieren will. Mehr noch: Die in der sog. realen Welt existierenden Verhältnisse des „das ist halt so“ samt ihrer Hierarchisierungen und Oktroierungen werden 1:1 auf den virtuellen Kontext aufgepfropft und zu einem lediglich technischen Anhängsel gemindert. So beginnt jede Gated Community, im Kopf.

Was wäre es gewesen, sich zu überlegen, was ein „Lauffeuer“ ausmacht, nur dass es statt von Mund zu Mund nun per 0 und 1 erfolgt? Dass also etwa Schriftlichkeit per Netz in diesem Kontext wesentlich mehr mit oraler Tradierung zu tun hat als mit schriftlicher Memorierung. Und inwieweit die darin zum Ausdruck kommenden Stimmen nicht auch der Ruf sind, der einmal durch die Straßen schallte. Wenn ich mich recht entsinne, wären Tahrir-Platz u.a.m. in den Anfängen mit den stimmlosen Flüstertüten kaum möglich gewesen.

Wie muss sich diese Rüge aber erst auswirken auf die, die ganz im Sinne Michael Jägers sich erdreisten würden, die „Kunst der Provokation“ zu üben, wenn schon der (laut)starken Empörung über eine tiefgreifende Ungerechtigkeit der erhobene Zeigefinger des „Ihr habt ja keine Ahnung“ droht?

Das ist weder clever noch sehr smart. Friedrich setzt, und das ist sein eigener Sündenfall im Netzparadies, das Einfache von 140 Zeichen mit simpel gleich, mit Unbedarftheit. Was in der Praxis überwiegend bedeutet, den anderen nicht ernst zu nehmen, ihn sogar zu unterschätzen. Und das ist „die dünne Haut des Luftballons“ aus seinem „Wenn Wissen explodiert“: Nicht der ungerichtete Notionismus, sondern das übersteigerte Selbstbewusstsein derer, die über das Wissen ‘verfügen‘. Die dann aber bei der Feststellung in Panik geraten, dass politische Klugheit sehr wenig mit enzyklopädischer Durchdringung zu tun hat.

Friedrich betrachtet den Alltag in einer Höhle. Und selbst da waren Comics bereits bekannt. e2m

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