Destinationen

Posted on 19. September 2012 von

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Archinaut, nennen wir ihn Nemo, hat 365 Episoden aufgeschrieben und nun die Letzte. Das Log, die gesammelte Aufzeichnung von Positionen, Verhältnissen des Schiffs, seiner Besatzung und denen sie ausgesetzt sind, ist fertig.

Dieses Schiff ist nie in See gestochen. Es liegt auch auf keiner Werft. Nemo ist in der Baubranche. Er ist beteiligt an Häusern, Strukturen auf festem Grund und Boden. Gewerke nennt man das, Nemo benutzt das Wort aber nicht, es wäre zuviel der Zuweisung an Bodenhaftung. Denn wenn die Aufzeichnungen sich auch am Bau abspielen – Positionen, Verhältnisse und deren Wirkungen lassen sich an Schiffen ablesen wie an einem Drachen, der im Herbstwind gelenkt wird. Oder an der Konstruktion einer Schule.

Baufsichten, Statiker, Architekten, die Bauherren selbst, sie alle sind an einem Narrenschiff zu Werke, ohne zu bemerken, dass ihnen das Wasser schon bis zum Hals steht. Der Augenblick, da entschieden wird, ob Kinder und Frauen zuerst, ist segmentiert in anonymisierende Kündigungsschreiben, wenn eine beteiligte Firma, eine Subunternehmerin in Konkurs geht. Es geht dann nur noch um das nackte Überleben, und da ist sich jeder selbst der Nächste. Die Vollendung des Werks interessiert da schon lange nicht mehr, wenn sie als Selbstzweck nur noch wie ein Schicksal wirkt.

Ich habe gemerkt, der Blick auf die Wirklichkeit wird gerade dann schwankend, wenn der Boden unter den Füßen besonders fest scheint. Prekär sagt man dazu, in der Arbeitswelt, in finanziellen Dingen, sozialen Bindungen. Das hat mir Nemo erzählt und mir Architekturen vorgeführt, die genauso wie auf dem Wasser die Fragen zulassen – wann kentern sie, wo liegen ihre Kipppunkte? Und wenn es dann einmal so weit ist, sind genügend Rettungsboote vorhanden, von wem werden sie besetzt?

Wäre nicht die tiefe Menschlichkeit des Autors, sein unerschütterlicher Optimismus, die Liebe zu den Menschen, die er unverfälscht zu Wort kommen lässt, es wäre, wie Nemo ganz zu Anfang vor drei Jahren schrieb: „Dieser Blog kommt aus der Zukunft. Sie ist grauenhaft …“. Am Ende hat sie für ihn eine andere Bedeutung bekommen: „… die Zukunft ist formbar, aber sie wartet nicht auf uns.“

Er legt sie mit viel Zuversicht in unsere Hände: „Der einzige Moment, in dem wir die Zukunft gestalten können, ist doch gerade dieser eine Moment Gegenwart: jetzt.“ e2m

Ernst Wolf Abée ist erreichbar über http://www.archinaut.de/ und https://www.freitag.de/autoren/archinaut

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