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Satire und die Scheiße

Maske und Photo (c) Renato Belotti via valbrembana.web

Was ist uns sonst (noch) heilig?

Stéphane Charb Charbonnier war am Donnerstag in seiner Meinung zu Innocence of Muslims (dt.: Die Unschuld der Muslime) vor laufender Kamera wie gewohnt klar: „Ein Scheißfilm“. Bemerkenswert daran war nur der Anlass des Interviews.
Seine Wochenzeitung Charlie Hebdo hatte am Tag zuvor mit einer satirischen Zeichnung aufgemacht, die sich ebenfalls der Religionen annimmt. Deren karikierten Vertretern legt Autor Charb die Worte in den Mund: „Lustig machen gehört sich nicht“. Die Auflage von 75.000 Exemplaren war binnen Stunden ausverkauft, und seitdem ist in Paris der Teufel los.

Denn Frankreich hat vorsorglich Schulen, diplomatische Vertretungen und Kulturzentren in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas geschlossen, dem Vernehmen nach „um Ausschreitungen vorzubeugen“. Am Freitag wurde über das ganze Land ein Demonstrationsverbot verhängt.
Im Presseauftritt betonte Premierminister Jean-Marc Ayrault von der regierenden sozialistischen Partei zwar den laizistischen Charakter des Landes und die hoch gehaltene Meinungsfreiheit. Der Ton des Unbehagens aber, in dem er dies verkündete, war unüberhörbar, das nervöse hin und her Rutschen auf seinem Stuhl unübersehbar: Zuerst der Scheißfilm und jetzt die Dreckszeichnungen.

Der Narr, der alles darf

Dass Satire sehr viel und buchstäblich mit Ausscheidungen zu tun hat, sagt Dario Fo. In Manuale minimo dell’attore (Kleines Handbuch des Schauspielers) von 1987 schildert der Nobelpreisträger für Literatur, wie zwei in ihrer Zeit sehr bekannte Darsteller der Figur des Harlekin seine heute bekannten Konturen gaben, Domenico Biancolelli (Bologna 1636 – Paris 1688) und Tristano Martinelli (Marcaria 1557 – Mantova 1630).
Mitten im schönsten Liebesdialog ließ Martinelli schon mal seine Hosen herunter, um in aller Seelenruhe auf dem Proszenium seinen Darm zu entleeren. Dann ergriff er „das Ergebnis seiner Anstrengungen (es war, fast immer, lauwarmes Kastanienmus) und warf es mit vollen Händen auf das Publikum, wobei er höhnte: Das bringt Glück!… Greift zu. Ich glaube“, schreibt Fo weiter, „dass das die Geburtsstunde des französischen Ausdrucks ‘Merde‘ war.“

Aber nicht alleine die Provokation, die beide Schauspieler in allen denkbaren und undenkbaren Facetten durchdekliniert haben, ist der Satire zu Eigen. Als in Italien 2007 das ohnehin schwer erträgliche politische Klima sich in offener Zensur per Strafanzeigen und Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe gegen Journalisten, Redakteure und eben Autoren satirischer Zeichnungen niederschlug, gab Dario Fo ein Interview.

Darin schildert er unter anderem, wie der noch nicht Heilige Franziskus vor Innozenz III. getreten war und ihm den Armutsgedanken auseinandersetzte. Um seine und die Pfründe der Kirche besorgt, wollte der Papst ihn loswerden: „Geh zu den Schweinen. Mische dich unter sie, umarme sie, ihren Mist, nimm es in dich auf und du wirst sehen, dass sie dich verstehen. Die einzigen Leute, die dich anhören können, dich verstehen, sind sie.“ Was Franziskus aufs Wort befolgte, sich bei den Schweinen suhlte, um sich wieder vor dem Pontifex einzufinden. Ungewaschen.

“Der Papst hebt die Hand, um seinen Wachen den Befehl zu erteilen, ihn zu ergreifen. Und da ist ein Kardinal, ein Erzbischof, Colonna, der ein Freund des Franziskus ist, der sagt: ‘Halt? Was tust du da? Du willst diesen nehmen und in einen Kerker werfen, ihn schlagen und vielleicht umbringen? Tu das. Pass aber auf, das ist nicht irgendwer, der einfach so da ist, alleine, isoliert, ohne Vater und Mutter die ihm zur Seite stehen. Wenn du einen schlimmeren Krieg haben willst als den in Frankreich, mit allen Zerstörungen und Massakern, wenn du das hier haben willst, dann übe deine Gewalt gegen ihn.‘ ‘Was soll ich also tun? Ich kann ihn doch nicht einfach so gehen lassen.‘ ‘Nein, das kannst du nicht. Umarme ihn.‘ ‘Aber er ist doch voller Geschiss.‘ ‘Genau deswegen musst du das tun.‘ Und der Papst, und das ist eine schöne Lektion, nähert sich, umarmt ihn und versteht plötzlich den begangenen Fehler. ‘Ich, ich bin die Ursache von diesem hier, du hast mit eine wunderbare Lektion erteilt, und von jetzt an kannst du umher gehen und das Evangelium sagen wie es dir beliebt, das zu erfüllen, was du im Sinn hast.‘ Die Scheiße“, sagt Fo, „wurde als außerordentlich moralischer Begriff gebraucht.“

Dass dieses Interview zu dieser Zeit in Italien selbst als Satire funktionierte, war offensichtlich, da sich eine poltische Klasse als unantastbar wie unfehlbar gerierte und die Regierten zu den „cani e porci“ – zu Hunde und Schweinen relegierte. Natürlich auch, dass in Ermangelung eines Fürsprechers und angesichts des geltenden Zensurverbots politische Satiren vor Gericht landeten, so dass formel- wie floskelhaft der Aspekt gewälzt wurde, ob sie in dem ein oder anderen Fall nicht vielleicht doch zu weit gegangen, sie (un)zulässig sei.

Das ist auch gegenwärtig der Stand der Überlegungen in den USA, in Europa, ob und welche mit welchen Medien auch immer transportierte Botschaften (noch) hingenommen werden könnten.
Und wäre bereits ein Widerspruch in sich. Die italienische Sprache hält für die Wirkung von Satire ein Adjektiv bereit: dissacrante – entheiligend. Denn nicht nur kennt Satire keine Regeln, sondern ihr Ziel ist ausdrücklich der Regelbruch, die Durchbrechung des Normalen wie des genormten sowie des Glaubens daran. Sie anhand von bestehenden rechtlichen oder moralischen Normen messen zu wollen, enthält von vorneherein den ausdrücklichen Vorsatz der Domestizierung.
Sind wir Satire also hilflos ausgeliefert, stehen wir ihr zur Disposition, wenn wir sie zulassen?

Was als Satire verkauft wird

Das amerikanische Machwerk ist keine Satire. Es stellt nichts in Frage und hinterfragt nichts. Es greift lediglich vorfindliche Beurteilungen seines Machers auf und verstärkt sie in künstlicher Form. Das von ihm gewählte Publikum wird nicht Richter in eigener Sache, sondern ist lediglich der Resonanzboden für das von diesem Video bereits gefällte Urteil.
Es ist nicht einmal etwas, was „Kunst“ genannt werden könnte. Sondern nur die sklavische wie hilflose Nachahmung eines dubiosen Werkes, das sich so gerierte, aufgebaut war und denselben Effekt heischen wollte: des Pfaffenspiegel von 1845.

Charbonnier und Charlie Hebdo zeigen zwei alte Männer in einer Situation, die wir aus Alters- und Pflegeheimen kennen. Ein nicht gehfähiger Mann im Rollstuhl, mit einer Kopfbedeckung die wie ein Turban aussieht, aber auch ein Verband sein könnte, der von einem anderen Mann geschoben wird. Alte Männer, die nichts mehr zu melden haben, die in der Praxis bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr ernst genommen werden; die Situation einer Endstation. Und tatsächlich sind die Worte, die ihnen in den Mund gelegt werden, der Anfang eines französischen Sprichworts: „Il ne faut pas se moquer de la peine du voisin, car la vôtre arrive le lendemain matin“, was soviel bedeutet wie – sich über das Leid anderer lustig zu machen gehört sich nicht, da das eure schon morgen Früh ansteht.
Charbs Darstellung kann sogar wörtlich genommen werden, nicht auf die noch einzutreten, die ohnehin nichts mehr zu sagen hätten. Aber haben diese Alten (Religionen) nicht doch noch eine große Gefolgschaft, und klingen daher ihre Worte nicht auch wie eine Drohung? Chabonnier zwingt uns zum Nachdenken, und er wird von einer sozialistischen Regierung als Vorwand genommen, um im Namen der Prävention schon einmal die Ausübung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit signifikant einzuschränken.

Und die Titanic? Auch sie soll demnächst zu dem Thema erscheinen, mit einer Szene als Cover wie frisch aus einem Korsaren- oder Beduinenklischee der Mantel-und-Degen-Ära Hollywoods ab den 1940er Jahren. Vielleicht wird es ein bisschen Klatsch geben, weil der Mann darauf einer ehemaligen Präsidentengattin unter den Busen greift. Aber dass es dabei Muslimen etwas zu erklären gäbe, wie es Leo Fischer, der Chefredakteur vollmundig ankündigt, ist so gut versteckt, dass es den Erklärungsbedarf erklärt. Und der Grund, warum mit jeder Ausgabe wie im Netz darauf verwiesen werden muss, dass es sich dabei um eine endgültige Satire handelt; eine andere Art, mit gar nichts zu werfen, wenn man das Geld braucht.

Auch dazu weiß der große alte Mann, den die Mächtigen in Italien immer schon gerne ins Abseits geschoben hätten, etwas zu sagen:

„Die reaktionäre Seite des Diskurses eines Komikers ist die Verarschung. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Theater der Fopperei und dem Theater der Satire. Das satirische Theater ist immer moralisch… Also kann ich einem jungen Menschen sagen: Pass auf! Denn wenn Du immer nur karikierst, auch einen Politiker, der dick ist, dünn, mager, vielleicht sogar einen Buckel hat oder stottert, erzielst du nichts. Das provoziert nur den Lacher als Selbstzweck. Aber wenn es nicht die moralische Dimension gibt, wenn du mit der Satire es nicht schaffst, das Gegenteil der Banalitäten, des Offensichtlichen, hauptsächlich der Heuchelei und der Gewalt verständlich zu machen, die jede Macht ausdrückt wird und selbst den Minderjährigen angedeihen lässt, dann ist dein Gelächter leer und nur ein Hohnlachen aus dem Bauch, nicht aber ein Lachen aus Magen und Lungen.“

Wer dem etwas hinzufügen möchte, kann es tun; ich höre hier auf. e2m

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