Alles Falsch! Und nun?

Posted on 27. September 2012 von

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Luzifer

Meine Tage sind zu kurz für die vielen Themen, über die zu bloggen sich lohnen würde. Nur so ist es zu erklären, dass der Kollege e2m mich auf die 3Mrd Dollar Strafe hinweisen musste,  zu der GlaxoSmithKline (GSK) im Sommer verdonnert wurde. Dabei hatte ich die betreffende Entscheidung bereits angekündigt. Dann kam mir wohl etwas dazwischen, vermutlich mein Leben. GSK wurde zu der Strafe verurteilt, weil das Unternehmen falsche Angaben zu seinen Medikamenten gemacht hatte. Unter anderen ging es um das Antidepressivum Paroxetin und um das Diabetes-Medikament Rosiglitazon. Im einen Fall trat eine erhöhte Suizidrate bei Kindern auf, im anderen eine erhöhte Rate an Herzinfarkten.

Die Tatsache, dass Hersteller pharmazeutischer Produkte, gemeinhin auch Pharmaindustrie oder Big Pharma genannt, es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ist natürlich nicht neu. Hier im Blog hatte ich zuletzt im Rahmen der Berichte zur Weltskeptikerkonferenz über Gerd Antes Vortrag berichtet, in dem er angab, 50% aller Studien würden unveröffentlicht in Schubladen verschwinden (zumindest solange der Patentschutz läuft, ist manchmal mein Eindruck).

Da sich die Damen und Herren Pharmaziehersteller meist deutlich geschickter anstellen als ihre Pendants aus der HuschiFuschi Fraktion und mein Leben, wie bereits gesagt, zunehmend Aufmerksamkeit beansprucht, ist es mir kaum möglich, fundierte Beiträge dazu zu schreiben. Der Rechercheaufwand ist deutlich höher. Doch zum Glück gibt es Autoren, die sich dieses Themas annehmen, ohne dabei „chemische“ Medikamente per se abzulehnen. So zum Beispiel Dr. Ben Goldacre, der nach seinem Bestseller „Bad Science“ nun „Bad Pharma“ geschrieben hat. In Bad Science ging es um den Missbrauch von Wissenschaft bzw. um die Parodie von Wissenschaft durch Politiker, Pharmahersteller und Alternativmediziner. In irgendeinem Interview gab Goldacre zu verstehen, die Beschäftigung mit Homöopathie & Co fände er zunehmend langweilig, die Argumente seien einfach zu albern (ich paraphrasiere) und er wolle sich um die großen Fische kümmern.

Das hat er nun getan. Im Guardian war eine gekürzte Version des Vorworts zu lesen, das vollständige Vorwort findet sich hier. Es gibt einen guten Vorgeschmack auf das, was da kommt. Lesern seines Buchs „Die Wissenschaftslüge“ (Bad Science) wird das eine oder andere bekannt vorkommen. Überhaupt wäre meine Empfehlung für alle, die auf die Übersetzung von Bad Pharma (wird das wohl „Die Pharmalüge“ heißen?) warten wollen, „Die Wissenschaftslüge“ einmal zu lesen.

Goldacre schreibt über die Zurückhaltung von Ergebnissen und Nebenwirkungen, von zahnlosen Behörden und Ignoranz. Er schreibt aber auch von Menschen, die nicht immer die Folgen ihrer Handlungen abschätzen können und anders gehandelt hätten, wäre es ihnen möglich gewesen.

Wer sich eher mit den langweiligen und einfacher strukturierten Homöopathen beschäftigen will, der mag vielleicht „Die Homöopathielüge“ der beiden AutorInnen Christian Weymayr und Nicole Heißmann lesen. Die einschlägigen Lobbyorganisationen und Blogs laufen sich bereits warm, um rechtzeitig zum Erscheinungstermin die Magazine leeren zu können. Vermutlich werden sie Wasserwerfer benutzen. Ich jedenfalls, ebenfalls einfach strukturiert und langweilig, freue mich auch auf dieses Buch und werde es während der rauen Herbstabende lesen, bei Tee und Globuli. Einer der Vorteile der Homöopathie ist ihr Eventcharakter, denn zum Goldacre Buch Antidepressiva zu schlucken, ist nicht zu empfehlen, auch wenn einem danach sein mag.

Manchmal möchte ich an den Weltgeist glauben. Gestern Abend, die Worte Goldacres verschlingend, fragte ich mich immer wieder, warum ich mich eigentlich mit den ganzen Hampelmännern und -frauen der Pseudomedizin beschäftige (abgesehen von meiner einfachen Strukturiertheit und offensichtlicher Charaktermängel), denn der direkte Schaden, den sie anrichten, ist ja eher gering. Auf den ersten Blick. Denn der Schaden, den der Kram dem Denken zufügt, ist nicht außer Acht zu lassen. Und, was im Grunde wichtiger ist, immer wieder komme ich auf die Ideologien zurück, die hinter den meisten der Denksysteme stecken, die sich Alternativmedizin nennen.

Der Weltgeist legte mir also gestern einen Tweet in die Timeline, der auf den Bericht zu einem Buch über den Einfluss der Anthroposophie auf unseren Alltag und die Praxisfelder Erziehung, Landwirtschaft und Medizin verwies. Das Buch heißt „Steiners langer Schatten“, die Autorin Irene Wagner. Der Schatten Steiners ist nicht nur lang, sondern auch dunkel und Frau Wagner sieht in ihm eine Gefahr für unsere Demokratie. Wer um die Affinität einiger Nazigrößen zur Anthroposophie weiß, wird nicht überrascht sein. Wer sonst nur an Eurythmie, Weleda, Demeter und Pastellfarben denkt, wenn er „Steiner“ hört, wird sich vielleicht die Augen reiben. Und wer sich um mein Karma Gedanken macht, wird wissen, dass ich ob meiner Lügen als Mensch mit Behinderung reinkarnieren werde..

Zurück zu den weniger skurrilen Themen. Goldacres Buch muss uns Vertretern Evidenzbasierter Medizin (EBM) zu denken geben, denn es zeigt, wie schwer die Informationen einzuschätzen sind, die wir haben und bekommen. Goldacres Buch macht es uns schwer, EBM gegen Vertreter der reinen Erfahrungsheilkunde, dem (spirituellen) Erspüren der oder dem intuitiven Wissen um die richtige Behandlung zu verteidigen. Und einige Dinge, die ich in Diskussionen zu dem Thema geschrieben habe, erscheinen nun etwas hohl und auf tönernen Füßen stehend. Hatte ich also Unrecht? Natürlich nicht! Denn das Problem liegt woanders, es ist kein wissenschaftliches, sondern ein politisches. Hinter dem Berg von Schrott, den Goldacre uns mit seinem Buch vor die Nase gekippt hat, liegt eine (noch) bessere Medizin.

Diese Medizin müssen wir einfordern! Die Instrumente, Betrug und Lügen in der Erforschung von Medikamenten zu minimieren, sind bereits erdacht und werden lokal auch schon eingesetzt. Es liegt an uns, darauf aufmerksam zu machen, dass wir wollen, dass sie konsequent angewendet werden und ein Ignorieren sanktioniert wird. Wir müssen als Gesunde fordern, wovon wir als Kranke profitieren, denn wenn es soweit ist, haben wir anderes zu tun (Pillen schlucken, ist doch klar!).

Der Impuls ist stark, Schuldige für die Situation zu suchen, und ich möchte unbedingt von „gierigen Arschlöchern“ bei den Pharmakonzernen schreiben. Doch wahrscheinlich wird man diese nur sehr selten finden, sie sind eine Karikatur. Es ist ein komplexes System, das an vielen Stellen verändert werden muss, damit sich etwas bessert. Falls jemand an eine große Verschwörung glauben möchte, werde ich es nicht schaffen,  sie oder ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Doch eine Frage, die ich mir dann stelle, lautet, ob die Menschen, die Teil dieser Verschwörung wären, es in Kauf nehmen würden, selbst darunter zu leiden? Denn die Medizin ist auch für sie schlechter.

Vor zwei Jahren wäre ich noch der Meinung gewesen, den Untaten der einen stünden die guten Intentionen der anderen gegenüber. Leider hat die Genese zum Scientizisten und Materialisten auch diesen Glauben zerstört. Wie gelegen kommt da der letzte Hinweis aus meiner Timeline auf die grotesk fabrizierten Ergebnisse einer „Studie“, die belegen sollte, dass genveränderter Mais uns alle zu Mutanten macht. Wer gegen „Gene in unserem Essen“ ist, sieht sich in der Regel ja auf der „richtigen Seite“, da können halt auch mal auf ein paar Ratten für eine politische Kampagne Tumoren gezüchtet werden. Ist ja für eine gute Sache.

Auch David Gorski hat sich Bad Pharma angesehen und ist wenig überrascht über die Schilderungen. Doch er präsentiert auch einen Lichtblick. Eine Studie hat gezeigt, dass Ärzte Ergebnissen von Medikamentenstudien eher misstrauen, wenn diese von Pharmaunternehmen gesponsert wurden. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ordentlich. Ob das Ergebnis so deutlich bleibt, wird sich zeigen, doch es scheint klar, dass Ärzte sich der Situation, über die Goldacre schreibt, durchaus bewusst sind und ihre Handlungen versuchen daran anzupassen. Soweit das eben möglich ist. Interessant wäre eine Studie, die einmal untersucht, wieviel Umsatz die Konzerne dieses Misstrauen mittlerweile kostet. Leider wäre das wohl das einzige Argument, welches von innen heraus ein Umdenken erwirken könnte. Bis dahin brauchen wir Instrumente, um den gierigen Arschlöchern ordentlich auf die Finger zu schauen und zu klopfen.

Geht doch!

[Bildquelle]

Posted in: Pharmaconcern