Schweinemarkt

Posted on 15. November 2012 von

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14November2012

Italien – der 14. November, Protesttag in Europa und dort, wo er stattgefunden hat

Dieser Nachmittag ist einer, der die Ewige Stadt im Kern ausmacht. Die Touristenströme sind weitgehend versiegt, alle sommerlichen Programme zur Unterhaltung  ausgelaufen. Die Straßen gehören wieder ganz den Römern. Die Versuchung ist groß, die kitschig friedliche Szenerie im goldenen Schimmer der Platanenalleen entlang des Tiber mit Worten aus den 1970er Jahren zu beschreiben.

Wenn Buchhalter Fantozzi, als Synonym für die unterste Stufe eines Angestelltenverhältnisses, von einer Parkbank zu nächsten rutschte, um die letzten wärmenden Sonnenstrahlen aufzufangen, während er an seine Chefs und deren Yachten in der südlichen Ägäis denkt, dann war das tragisch komisch. Und die Figur aus der Feder ihres Erfinders, dem Satiriker Paolo Villaggio, der Inbegriff des Kleinbürgerlichen in seiner verzweifeltsten Form; das stets servil nach einem als Oben empfundenen buckelt und keine Gelegenheit auslässt, die dabei erfahrenen Gemeinheiten an die weiter zu geben, die in seinen Augen Unten stehen.

Der junge Mann, der vor der Kamera von tv.ilfattoquotidiano.it steht, hat damit nichts zu tun bis auf die jahrhundertalte Kulisse.

Seine Generation wäre im Gegenteil froh, überhaupt einen Job zu haben. Die Jugendarbeitslosigkeit in Italien ist im zweiten Trimester 2012 auf 33,9% gegenüber 27,4% aus dem Vergleichszeitraum 2011 gestiegen. Das Wort von der verlorenen Jugend hat keinen existenzialistischen Touch mehr, die Beilegung ist mit fortschreitender Armut existentiell geworden.

Wenn der Namenlose also beschreibt, wie er von einer Demo weiter gegangen war („per bere un bicchiere d’acqua“, um ein Glas Wasser zu trinken) und aus dem Nichts von hinten mit einem Schlagstock traktiert worden ist, dann ist das in aller Brutalität grotesk und bedarf keiner bühnenhaften Überzeichnung als Nackenschlag mehr.

Alleine die Bezeichnung als PIIGS (aus dem Englischen für Portugal, Ireland, Italy, Greece, Spain) ist bereits randständig, für einen Rand Europas, für den finanziell beschriebenen Abgrund. Die zynische Sprache der Ökonomie hat aus bestimmten Volkswirtschaften Schweine gemacht und deren Menschen zu in Zahlen des BIP gestempelten Herden.

Die aber partout nicht zur Schlachtbank geführt werden wollen. Das haben sie unzweideutig in eben diesen Ländern und darüber hinaus deutlich gemacht, in dem sie auf die Straße gegangen sind, gleich ob als Streik deklariert oder gleich als Protestmarsch: In Athen, Paris, Madrid, Barcelona, Lissabon, nur um die wichtigsten Metropolen zu nennen. Und natürlich in Mailand, Turin, Neapel und anderen 84 Städten in Italien, über 60.000 Menschen alleine in Rom. Online-Ausgaben von Tageszeitungen hatten einen Live-Ticker eingerichtet.

Gerne wird heute, ein Tag danach, darauf verwiesen, dass „das“ nichts bringt. Denn (natürlich? unvermeidbar?) hat es gegeben, was allgemein als „von Gewalttätigkeiten überschattet“ kolportiert wird. Aus der Nahaufnahme der Kameraperspektive im ersten Moment martialisch und furchteinflößend, dann an die (schon gewohnten?) Bilder eines Post-Fußballderby-Rituals erinnernd, wird es schließlich zur Schildkrötentaktik, nur mit vertauschten Rollen; bei Asterix werden immer noch die römischen Legionen verdroschen, nicht die Handvoll. Und unbeugsam geht anders.

Das schaut aus, wie in Positur gebracht und ist nichts zum Lachen. Die Rechtspopulisten von Popolo della Libertà (Volk der Freiheit, PdL) und Lega Nord Padania (Liga Nord Padanien, LNP), vormalige Regierungsmehrheit bis November 2011, waren  sich sofort darin einig, die Ausschreitungen schärfstens zu verurteilen, der Polizei ihre volle Solidarität zu erklären. Die Sozialdemokraten des Partito Democratico (Demokratische Partei, PD) haben Streicheleinheiten nach allen Seiten verteilt: Verständnis für die Jugend, das Eingreifen der Polizei verurteilend wo es überhart war und ansonsten Appelle an die Vernunft.

Nur Italia dei Valori (Italien der Werte, IdV) bringt die Sache auf einen politischen Punkt: „Das war heute ein Krieg zwischen Armen. Auf der einen Seite Jugendliche, die keine Zukunft haben, auf der anderen Werktätige in Uniform, bei denen es nicht bis zum Ende des Monats reicht. Das sind Episoden schwerer Gewalt, die sich bei den Demonstrationen offenbart haben. Die Regierung müsste die Probleme seiner Bürger lösen, die von der ökonomischen Krise angegriffen sind, statt sie von der Polizei auf die Spitze nehmen zu lassen.“

Aus dem Mund des Legalisten und ehemaligen Staatsanwalts Antonio di Pietro, der mit seinen Ermittlungen  im Zeichen von Law & Order in den 1990er Jahren ein ganzes Parteiensystem zum Einsturz gebracht hatte, sind das bemerkenswerte Worte. Die direkt zur deutschen Kanzlerin führen. Nicht nur, weil sie sich überhaupt zu den Kundgebungen in ganz Europa geäußert hat. Oder weil sie, wie es auf vielen dieser Kundgebungen hieß, das Gesicht zur verfehlten Politik der Sparsamkeit ist.

Sondern weil sie ausführt: „Man kann sagen, dass das Recht der Demonstration ein großes Recht ist, das wir für Demokratien als selbstverständlich halten. Wir werden uns natürlich mit den Argumenten auseinandersetzen, aber das, was notwendig ist, müssen wir trotzdem tun.“ In diesen Worten spiegelt sich eine Haltung – Menschen geben nicht ihre Meinung kund, sondern sie nehmen nur  ein Recht auf Kundgebung wahr. Und wenn sie doch etwas zu sagen haben, ist es praktisch ohne jede Bedeutung. Ist das die „Vorreiterrolle Deutschlands“?

Diktiert wird, erinnern wir uns, „Wettbewerbsfähigkeit“, da es unweigerlich Verlierer gibt. Und je weiter sie „gesteigert“ wird, desto kleiner wird der Kreis der Gewinner und kochender die Niederlage für den Rest. Dass sich Menschen gegen diese dem Sport entlehnte, aber im Schicksal in jeder Hinsicht unbarmherzige Logik wehren, ist schon lange keine Frage des Ob mehr, sondern nur des in immer kürzer auftretenden Wann und eines mehr oder weniger spektakulären Wie.

In Italien lassen sich die Daten aufzählen: Genua Sommer 2001, Rom 14. Dezember 2010 und 15. Oktober 2011. Und das Wie ist ganz selbstverständlich an der Masse der Menschen abzulesen, die miteinander reden, diskutieren, Pläne entwickeln. Man sollte ihnen nur zuhören und sie verstehen. Das hat klappt mit den Ordnungskräften, die schließlich die 4 Demonstrationszüge in Rom bis zum Parlament vorgelassen haben.

Damit werden zumindest physisch und friedlich Kordone überwunden. Vor einem Parlament, wo „Austerity“ von einer „technischen Regierung“ unter dem Wirtschaftswissenschaftler und bekennenden Neoliberalen Mario Monti handfest betrieben wird; da eine Gesetzgebung fortgeschrieben wird, die mit „Liberalisierungen des Arbeitsmarktes“ keineswegs die Leute in Lohn und Brot bringt, sondern im Gegenteil weithin sichtbar immer mehr Verlierer produziert. Von den knapp 69% junger Menschen, die Arbeit haben, sind über 80 % prekär, also auf Zeitarbeitsverträgen von 6 Monaten und weniger. In Italien hat keine Arbeitsniederlegung stattgefunden, sondern der Ausdruck derer, die keine Arbeit haben. Damit lässt sich keine Zukunft gestalten, noch viel weniger eine zu ernährende Familie gründen. Deswegen -und nicht weil die italienischen Männer „mammoni“, Bubis an den Rockschößen von Muttern wären- leben heute mehr als 50% eben dieser Altersgruppe noch bei den Eltern.

Ob die europaweite Botschaft, die Debatten und Slogans, mit anderen Worten: die Reste an vorhandener Lust am Gemeinwesen von denen wahrgenommen werden, die alle Gemeinsamkeit in ein Verhältnis der Konkurrenz und in die Logik des Stärkeren, der Präpotenteren zwängen, darf bezweifelt werden.

Die italienische Politik hat es sich in ihren derzeitigen Verhältnissen eingerichtet. Impulse sind bestenfalls in Sonntagsreden zu erwarten, da im Schatten einer stillschweigenden großen Koalition um die Regierung Monti nur noch der parteiliche Kampf zu den Parlamentswahlen im April 2013 vorbereitet wird. Ansonsten herrscht selbstverordnete Schwerhörigkeit, Sprachlosigkeit und weitgehend emotionsloses Abnicken der nächsten Sparrunde. Vergangene Woche war es das Gesundheitssystem.

Und in Deutschland ist man bekanntermaßen resistent gegenüber der Fremde und hat vor den Parlamenten Bannmeilen. Nur gelegentlich kommen Texte als Botschaften von auswärts an, wie jenes kleine Schriftstück Empört Euch! von Hessel. Oder aus Griechenland oder Italien, aber auch das ist schon eine Weile her,  das Interview mit der Geschichte von Oriana Fallaci. Ihr Zwiegespräch mit Alexandros Panagulis (1973) lautet zum Schluss: „Alekos, was bedeutet es, ein Mensch zu sein?“ „Es bedeutet, Mut zu haben, Würde zu haben. Es bedeutet, an die Menschheit zu glauben. Es bedeutet, zu lieben ohne ihr zu erlauben, ein Anker zu werden. Es bedeutet, zu kämpfen. Und zu gewinnen. Schau, mehr oder weniger das, was Kipling in dem Gedicht Wenn … sagt.“

Viel mehr verbindet diese als Ränder aufgezählten, im unsäglichen Akronym gebrandmarkten Teile Europas, als nur Krise und Wirtschaft. Noch viel mehr als die Journalistin und der Freiheitskämpfer oder literarische Werke der Vergangenheit. Man braucht nur hinzuschauen und –hören.

Es ist das Präsens, das Gesicht eines jungen Mannes in einem Filmbericht, wie es sie unter der Akropolis, an der Seine oder der Plaza del Sol millionenfach gibt.  Darin ist weder Empörung über die gerade ertragene Misshandlung zu lesen noch irgendwelche Larmoyanz. Sondern der Ausdruck von jemandem, der sich das, was geschehen ist, was weiter geschieht ganz genau merkt. Und nur wartet, „finché si sono calmate le acque“, bis der erste Sturm sich gelegt hat. Man sollte „das“ als die wirkliche Hypothek auf die Zukunft wahrnehmen, auch wenn es derzeit vor dem Berliner Regierungsviertel noch beschaulich zugeht.

Und Paolo Villaggio? Der bald 80-jährige tritt derzeit wieder in einem Solo-Programm auf. Mit einem Titel, den er seinem Ragioniere Fantozzi in den Mund gelegt hatte: „Der Panzerkreuzer Potemkin ist … ein Riesenhaufen Mist“. Ein bisschen Satire schadet nicht an diesen lauen Tagen in der Ewigen Stadt des November 2012. Es ist wie noch einmal tief Luft holen, auch wenn es beträchtlich stinkt.e2m