Kurzzeitige Verwirrung der Ärztekammer Berlin

 Als gäbe es nichts besseres zu bloggen als Wasserpuncher, mythische Zuckerbäcker und Quacksalber in der Ärzteschaft! Da weiß ich gar nicht, was mich mehr ärgert, dass ich von spannenden Themen abgehalten werde oder dass die Ärztekammer Berlin jemandem ein Forum bot, der Menschen fahrlässig in Gefahr bringt. Jeremy Sherr möchte Menschen, die HIV-Positiv oder bereits an AIDS erkrankt sind mit Wasser und Zucker heilen oder, wie man es auch nennt: sterben lassen. Dabei wird er unterstützt von einem Verein in dem Laiendarsteller so tun als verstünden sie etwas von Medizin, den „Homöopathen ohne Grenzen„.

In Tansania verteilt man Zückerli an die betroffene Bevölkerung vor Ort und gibt sie und sich der Illusion hin, eine tödliche Erkrankung heilen zu können.

„Ich weiß, so wie alle Homöopathen wissen, dass man AIDS in vielen Fällen heilen kann. Aber psst… Ich darf das nicht sagen, also habt ihr es nicht gehört.“ J. Sherr

Und jetzt darf besagter Clown vor berliner Ärztinnen und Ärzten „in einer klaren, humorvollen und vitalen Weise Einblick in seine homöopathische Philosophie“ geben. Seit wann fragt man sich, ist Ignoranz eine Philosophie? Vielleicht praktiziert er eine Form des Nihilismus? Sherr „zeigt seine praktische Arbeitsweise im Verständnis der Differenzierung und Behandlung von akuten versus chronischen Erkrankungen„, vielleicht hat er ja einen seiner sterbenden Patienten als Anschauungsmaterial dabei.

Auf Kritik reagierte die Ärztekammer wenig überraschend ignorant:

Es ist jedoch nicht Gegenstand der Fortbildungszertifizierung, dass einzelnen Personen – d.h. beispielsweise Referenten, Experten oder Professoren – Fortbildungspunkte zugeordnet werden.

Da stört es auch nicht, dass am ersten Tag der „Fortbildung“ am Veranstaltungsort ein AFRIKA-AIDS-Abend stattfand:

An diesem Abend berichtet er [Anm: Jeremy Sherr] von seinen umfangreichen Erfahrungen mit der homöopathischen Praxis in einem der von HIV am schwerwiegendsten betroffenen Länder. Wir laden nicht nur Fachleute ein, sondern ermutigen auch Interessierte und Betroffene, sich über die Möglichkeiten der homöopathischen Behandlung und deren Integration ins Therapiekonzept zu informieren!

Aber das war natürlich nicht Teil der zertifizierten Fortbildung, also auch kein Problem.

Der DZVhÄ wird nicht müde zu wiederholen, Homöopathie gehöre in die Hand von Ärztinnen und Ärzten, denn nur diese seien in der Lage ernsthafte Erkrankungen zu erkennen. Hoffentlich gelingt ihnen das besser als der Ärztekammer bei Scharlatanen.

Update 19.11.12 21:43

Mir wurde gestern per Vögelchen zugetragen, dass die Ärztekammer in Berlin unter Umständen keine andere Möglichkeit hatten als die Fortbildung zu genehmigen, wenn sie nicht geltendes Recht hätten brechen wollen. Wenn ich es richtig verstanden habe, musste die Fortbildung genehmigt werden, weil Homöopathie im Fortbildungskatalog steht. Um solche Situationen in Zukunft zu verhindern gibt es also nur eine Lösung, Homöopathie gehört aus dem Fortbildungskatalog entfernt. Vielleicht gibt es für die dann arbeitslosen Dozenten noch einen Sendeplatz bei AstroTV. Ich bin ja kein Unmensch.

Update 26.11.12

Wie Spiegel Online berichtet werden die Fortbildungspunkte nicht anerkannt. Ein richtiger Schritt in die richtige Richtung und ein Beleg dafür, dass ich mit  meiner Überschrift unrecht hatte, daher habe ich sie geändert, sie lautete bis gerade noch „Potenzierte Ignoranz der Ärztekammer Berlin“.

5 Gedanken zu “Kurzzeitige Verwirrung der Ärztekammer Berlin

  1. Ich mag mir gar nicht vorstellen, bei wievielen ihrer Patienten diese Leute Hoffnungen wecken, die dann natürlich in sich zusammenfallen, wenn sich herausstellt, dass Zuckerkügelchen gegen HIV und AIDS nicht wirken. Für die Patienten und ihre Angehörigen muss das eine üble Tortur sein.

    Es ist ein Skandal, dass so ein Verein als gemeinnützig anerkannt ist. Wie naiv und dämlich bzw. wie zynisch kann man eigentlich sein?

  2. Ich finde es unglaublich, wie die Öffentlichkeit es mittlerweile geschafft hat, einen solchen esoterischen Humbug (Heilung durch Wirkstoffinformation im Wasser) in ärztlichen Kreisen zu etablieren, obwohl man weiß, dass man es hier mit reinem Hokuspokus zu tun hat.

    Warum es in Deutschland mittlerweile möglich ist, dass irgendwelche Esoteriktanten, die Chemie und Physik in den Grundlagen nie verstanden,und sich mühevoll mit Vierern und Fünfern über das Abitur retten konnten, dann später eine solche Lobby bilden konnten, damit sich das Geschäftsmodell dieser Betrüger derart halten kann, dass sogar Apotheken und viele Ärzte mitmachen.

    Vielleicht sollten die Kinder dieser Leute mal wieder ihre Hausaufgaben nach Hause bringen und ihren Eltern wieder die Grundlagen der Naturwissenschaften beibringen, dann würde dieser Schwachsinn genauso schnell wieder verschwinden, wie er aufgekommen ist.

    Eigentlich kenne ich solche Phänomene nur aus ungebildeten Kreisen der USA, wo Kreationimus an den Schulen gelehrt wird. Ähnliche Kragenweite.

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