Kassen- und Privatpatienten in der Psychiatrie.

Posted on 24. November 2012 von

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Depression

Nach Mittlerweile einer Dekade Beobachtung und Teilnahme am Gesundheitssystem in verschiedenen Positionen würde ich mich heute nicht  mehr privat versichern. Meiner Ansicht nach ist die viel zitierte „Zweiklassenmedizin“ ein Marketingbegriff, der dafür sorgen soll, mehr solvente Patienten zu den privaten Kassen zu drängen. Dabei will ich gar nicht abstreiten, dass man als „Kassenpatient“ länger auf Termine warten und auch sonst einiges an Komfort vermissen muss, den ein „Privatpatient“ genießt, doch ich bezweifle ernsthaft, dass der Versicherungsstatus Einfluss auf die Gesundheit hat. Peter Sawicki drückte es mal so aus:

„Privat Versicherte warten kürzer auf unnötige Operationen und überflüssige Röntgenaufnahmen.“

Dafür kenne ich viele Anekdoten von privat versicherten Menschen, denen Untersuchungen empfohlen wurden, obwohl diese nicht nötig waren und zum Teil Untersuchungen nach sich ziehen können, die eigene Gefahren bergen. Man braucht da schon ein gewisses Maß an Vorbildung um kompetent entscheiden zu können, ob die empfohlene Untersuchung Sinn ergibt.

Es gibt jedoch einen Bereich in dem ist das anders, nämlich den der geistigen Gesundheit. Die ist „den Kassen“ mehr wert als „den Privaten“. Es gibt private Versicherungen, die Psychotherapie von vornherein ausschließen. Auch stationäre Aufenthalte werden eher restriktiv gehandhabt, es gibt Fälle, in denen Patienten ihren Aufenthalt in der Psychiatrie wegen einer Suchterkrankung selbst zahlen mussten.

2013 sollen die in der somatischen Medizin sein 10 Jahren genutzten Fallpauschalen auch in der Psychiatrie und der Psychosomatik eingeführt werden. Kluge Menschen haben sich ein dummes Prinzip ausgedacht um Aufenthalte in der Psychiatrie und der Psychosomatik ab 2013 abzurechnen. Das soll erst einmal für 4 Jahre „Budgetneutral“ erprobt werden. Mit diesem System werden Behandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik von „den Gesetzlichen“ bald schlechter vergütet, ganz im Vorbild „der Privaten“.

Dagegen erhebt sich Widerstand:

„Notwendig wurde diese Initiative, weil das Bundesministerium für Gesundheit die Expertise der Fachwelt, der Angehörigen und Betroffenen trotz einhelliger Meinung ignoriert und sich aktuell an-schickt, ein inakzeptables Entgeltsystem für die stationäre psychiatrisch-psychotherapeutische und psychosomatische Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gegen das dezidierte Votum der Fachleute und der Deutschen Krankenhausgesellschaft per Rechtsverordnung in Kraft zu setzen.

Durch ein den Fallpauschalen (DRG) ähnliches System sollen die Kliniken entgegen der gesetzlichen Vorgaben dazu gedrängt werden, die Patienten – unabhängig von der Schwere ihrer Erkrankung – rasch zu entlassen. Zusätzlich sollen die bisherigen gesetzlichen Vorgaben zur Personalausstattung der Kliniken ersatzlos gestrichen werden. Damit würden zwei Eckpfeiler einer guten Therapie massiv bedroht: Die notwendige Zeit zur Genesung des Patienten einerseits und die Verfügbarkeit von genügend qualifiziertem therapeutischen Personal andererseits.“

Langfristig aufschlussreich dürfte es sein, zu beobachten ob sich die Verschreibungspraxis von Psychopharmaka verändern wird. Eine Psychotherapie ist in vielen Fällen wirksam, benötigt jedoch Zeit. Und Zeit ist Geld. Passend ist daher das Motto des oben verlinkten Aktionsbündnisses: „Zeit für psychische Gesundheit“.

Herrn Bahr interessiert die Kritik nur wenig, er hat einen Erlass unterschrieben, welche die Einführung der pauschalierenden Entgelte in der Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) gegen den Widerstand der Deutsche Krankenhausgesellschaft, die dem PEPP-Katalog nicht zustimmte, trotzdem ermöglicht. Man kann für ihn nur hoffen, dass er 2013 nicht depressiv wird in der Opposition.

merdeister

 

[Bildquelle]

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