Rotz und Schnodder – 5 herbe Freunde.

Posted on 28. November 2012 von

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Schnupfen

Sinupret® ist laut Eigenwerbung Deutschlands Nummer 1 bei „Erkältungsmitteln“ und eine „einzigartige Kombination aus den fünf Heilpflanzen Schlüsselblume, Enzian, Sauerampfer, Holunder und Eisenkraut„. Damit das auch so bleibt, versucht Bionorica, das Unternehmen, welches Sinupret® herstellt und vertreibt, das Vertrauen von Ärzten, Apothekern und Patienten immer wieder aufs Neue zu gewinnen. Im Moment zum Beispiel durch Fortbildungen, auf denen eine Broschüre verteilt wird, in der ausführlich erklärt wird, wie toll Sinupret® bzw. qdessen einzelne Bestandteile sind. Und da ich tolle Sachen mag, habe ich mir die Broschüre einmal genauer angesehen. Es fällt auf, dass man sich Mühe gibt, möglichst wissenschaftlich zu erscheinen. Es gibt Grafiken mit Balkendiagrammen, Referenzen auf Studien, Metaanalysen und Leitlinien sowie Interviews mit Experten.

An erster Stelle wird über den Effekt auf die mukoziliäre Clearance berichtet. Wenn man morgens aufsteht und im Bad Geräusche macht wie ein verwundetes Rhinozeros und danach das Waschbecken ausspülen muss, ist das ein Effekt der mukoziliären Clearance. Kleine Härchen in den Atemwegen bewegen Rotz und Schnodder aus den Tiefen der Atemwege gen Ausgang. Sinupret® soll diesen Effekt verbessern. Der Effekt ist signifikant ab einer Konzentration von 100µg/ml – diese muss folglich in den Atemwegen erreicht werden. Die Ergebnisse der Broschüre sind jedoch aus Experimenten mit Zellkulturen in Petrischalen entstanden. „In vitro“, wie es so schön heißt, im Gegensatz zu „in vivo“. Wenn man sich den Wirkstoffgehalt eines Dragees ansieht, so ist in einem 72 bzw. 144mg Wirkstoff.

Der Einfachheit halber gehe ich mal von einer Person aus, die 100 Kilogramm wiegt. Nimmt so eine Person ein Dragee Sinupret® Forte ( der harte Stoff) kommt man rechnerisch noch nicht auf die für eine Wirkung benötigte Konzentration von laut Broschüre 100µg/ml sondern nur auf 1,44µg/ml. Erst wenn man 100 Dragees genommen hat, hat man theoretisch genug Wirkstoff aufgenommen (50 wenn man 50 kg wiegt) dann geht man jedoch davon aus, dass 100% der Wirkstoffe aufgenommen werden, was sehr selten ist, einiges geht im Darm verloren, einiges in der Leber, einiges wird im Blut gebunden und so weiter*.

In der Petrischale, soviel lässt sich sagen, kann man einen tollen Effekt messen. Mit dem sich ein Text befüllen lässt.

Nicht nur auf den Transport von Schleim wirkt sich Sinupret® positiv aus, nein, es wirkt sogar antibakteriell. Doch bevor uns dieses Ergebnis präsentiert wird, erklärt man uns in der Broschüre erst einmal, dass die meisten Rhinosinusitiden ( klingt edel, ist aber ein profaner Schnupfen) durch Viren verursacht werden und von alleine wieder weggehen (selbstlimitierend). Doch selbst bei den Unglücklichen, die eine bakterielle Infektion haben, die Broschüre nennt die Zahl von 10%, ist in den seltensten Fällen ein Antibiotikum nötig (was leider noch häufig von Ärzten ignoriert wird). Sinupret® hat jedoch antibakterielle Wirkung. In der Petrischale. Es wird sogar über einen Wirkmechanismus spekuliert. Nun kann man natürlich die Frage stellen, warum diese antibakterielle Wirkung von Vorteil sein soll, wenn die meisten Schnupfen von alleine wieder weggehen?

Eine andere interessante Frage wäre die nach der Gefahr von Resistenzen. Wenn Sinupret® in vivo tatsächlich eine (klinisch relevante) abtötende Wirkung auf Bakterien hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Resistenzmechanismen entwickeln. Sollte dann nicht sehr sparsam mit dieser Wunderwaffe umgegangen werden, bevor sie stumpf wird?

In der Summe bleibt festzuhalten: Sinupret® tötet einige Bakterien in der Petrischale ab.

Als nächstes hat man sich die antientzündlichen und damit abschwellenden Effekte von Sinupret® angesehen. Und zwar nicht in der Petrischale, sondern an den Pfoten von Ratten. Man hat Ratten Sinupret®, Ibuprofen oder Nix gegeben und dann in die Pfote der Ratten Carrageen injiziert. Das ist nicht nett und es hat ein wenig den Anschein, als hätte dieser Versuch eher dem Marketing als der Forschung gedient, schaut man sich die Ergebnisse an.

Zuerst sei angemerkt, dass Sinupret® zwar die Schwellung der Pfote verringert hat, jedoch nicht so gut wie Ibuprofen. Und das, obwohl Sinupret® 5x höher dosiert war. Und noch etwas Weiteres fällt auf, nämlich, dass in der gezeigten Grafik (die ich hier nicht zeige, um das Risiko unfreundlicher Emails zu minimieren) kein Balken für den Verlauf des Ödems ohne jede Behandlung gezeigt wird. Es wird auch nicht erwähnt, ob der Unterschied signifikant war. Ich habe allerdings so eine Vermutung.

So, wir hatten Bakterien, wir hatten Schleim, wir hatten Entzündung/Schwellung, fehlen noch die Hauptübeltäter: Viren.

Die gute Nachricht zuerst: Keine Ratten! Die schlechte: Zellkulturen in Petrischalen.

Wenn man in einer Petrischale einige bekannte Schnupfenviren Sinupret® aussetzt, hat das eine Hemmung der Replikation von 60%-80% zur Folge. Das ist genauso gut wie das ‚chemische‘ Ribarivin. Allerdings, dass sei dazu gesagt, muss man Sinupret® dazu 20x höher dosieren als letzteres.

Wo lässt uns das nun? Man kann mit einem gewissen Maß an Sicherheit sagen, dass Sinupret® bei Schnupfen eine sinnvolle Alternative darstellt, wenn man eine Zellkultur ist. Im arznei-telegramm erschien eine Bewertung von Sinupret® Extrakt, sozusagen die Schnupfenartillerie von Bionorica. Die Autoren gaben dort zu verstehen, dass sie die Anwendung von Schmerzmitteln und abschwellenden Nasentropfen für sinnvoller erachten (oder man greift einfach auf Hausmittel zurück). Das Fazit lautete:

„Wie für die anderen Sinupret®-Präparate erscheint uns der klinische Nutzen von Sinupret® EXTRACT bei Rhinosinusitis nicht hinreichend belegt.“

Zu Zellkulturen steht da allerdings nichts.

*Die Rechnung ist ziemlich vereinfacht und soll nur eine ungefähre Richtung angeben.

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