Rotz und Schnodder – 5 herbe Freunde.

Sinupret® ist laut Eigenwerbung Deutschlands Nummer 1 bei „Erkältungsmitteln“ und eine „einzigartige Kombination aus den fünf Heilpflanzen Schlüsselblume, Enzian, Sauerampfer, Holunder und Eisenkraut“. Damit das auch so bleibt, versucht Bionorica, das Unternehmen, welches Sinupret® herstellt und vertreibt, das Vertrauen von Ärzten, Apothekern und Patienten immer wieder aufs Neue zu gewinnen. Im Moment zum Beispiel durch Fortbildungen, auf denen eine Broschüre verteilt wird, in der ausführlich erklärt wird, wie toll Sinupret® bzw. qdessen einzelne Bestandteile sind. Und da ich tolle Sachen mag, habe ich mir die Broschüre einmal genauer angesehen. Es fällt auf, dass man sich Mühe gibt, möglichst wissenschaftlich zu erscheinen. Es gibt Grafiken mit Balkendiagrammen, Referenzen auf Studien, Metaanalysen und Leitlinien sowie Interviews mit Experten.

An erster Stelle wird über den Effekt auf die mukoziliäre Clearance berichtet. Wenn man morgens aufsteht und im Bad Geräusche macht wie ein verwundetes Rhinozeros und danach das Waschbecken ausspülen muss, ist das ein Effekt der mukoziliären Clearance. Kleine Härchen in den Atemwegen bewegen Rotz und Schnodder aus den Tiefen der Atemwege gen Ausgang. Sinupret® soll diesen Effekt verbessern. Der Effekt ist signifikant ab einer Konzentration von 100µg/ml – diese muss folglich in den Atemwegen erreicht werden. Die Ergebnisse der Broschüre sind jedoch aus Experimenten mit Zellkulturen in Petrischalen entstanden. „In vitro“, wie es so schön heißt, im Gegensatz zu „in vivo“. Wenn man sich den Wirkstoffgehalt eines Dragees ansieht, so ist in einem 72 bzw. 144mg Wirkstoff.

Der Einfachheit halber gehe ich mal von einer Person aus, die 100 Kilogramm wiegt. Nimmt so eine Person ein Dragee Sinupret® Forte ( der harte Stoff) kommt man rechnerisch noch nicht auf die für eine Wirkung benötigte Konzentration von laut Broschüre 100µg/ml sondern nur auf 1,44µg/ml. Erst wenn man 100 Dragees genommen hat, hat man theoretisch genug Wirkstoff aufgenommen (50 wenn man 50 kg wiegt) dann geht man jedoch davon aus, dass 100% der Wirkstoffe aufgenommen werden, was sehr selten ist, einiges geht im Darm verloren, einiges in der Leber, einiges wird im Blut gebunden und so weiter*.

In der Petrischale, soviel lässt sich sagen, kann man einen tollen Effekt messen. Mit dem sich ein Text befüllen lässt.

Nicht nur auf den Transport von Schleim wirkt sich Sinupret® positiv aus, nein, es wirkt sogar antibakteriell. Doch bevor uns dieses Ergebnis präsentiert wird, erklärt man uns in der Broschüre erst einmal, dass die meisten Rhinosinusitiden ( klingt edel, ist aber ein profaner Schnupfen) durch Viren verursacht werden und von alleine wieder weggehen (selbstlimitierend). Doch selbst bei den Unglücklichen, die eine bakterielle Infektion haben, die Broschüre nennt die Zahl von 10%, ist in den seltensten Fällen ein Antibiotikum nötig (was leider noch häufig von Ärzten ignoriert wird). Sinupret® hat jedoch antibakterielle Wirkung. In der Petrischale. Es wird sogar über einen Wirkmechanismus spekuliert. Nun kann man natürlich die Frage stellen, warum diese antibakterielle Wirkung von Vorteil sein soll, wenn die meisten Schnupfen von alleine wieder weggehen?

Eine andere interessante Frage wäre die nach der Gefahr von Resistenzen. Wenn Sinupret® in vivo tatsächlich eine (klinisch relevante) abtötende Wirkung auf Bakterien hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Resistenzmechanismen entwickeln. Sollte dann nicht sehr sparsam mit dieser Wunderwaffe umgegangen werden, bevor sie stumpf wird?

In der Summe bleibt festzuhalten: Sinupret® tötet einige Bakterien in der Petrischale ab.

Als nächstes hat man sich die antientzündlichen und damit abschwellenden Effekte von Sinupret® angesehen. Und zwar nicht in der Petrischale, sondern an den Pfoten von Ratten. Man hat Ratten Sinupret®, Ibuprofen oder Nix gegeben und dann in die Pfote der Ratten Carrageen injiziert. Das ist nicht nett und es hat ein wenig den Anschein, als hätte dieser Versuch eher dem Marketing als der Forschung gedient, schaut man sich die Ergebnisse an.

Zuerst sei angemerkt, dass Sinupret® zwar die Schwellung der Pfote verringert hat, jedoch nicht so gut wie Ibuprofen. Und das, obwohl Sinupret® 5x höher dosiert war. Und noch etwas Weiteres fällt auf, nämlich, dass in der gezeigten Grafik (die ich hier nicht zeige, um das Risiko unfreundlicher Emails zu minimieren) kein Balken für den Verlauf des Ödems ohne jede Behandlung gezeigt wird. Es wird auch nicht erwähnt, ob der Unterschied signifikant war. Ich habe allerdings so eine Vermutung.

So, wir hatten Bakterien, wir hatten Schleim, wir hatten Entzündung/Schwellung, fehlen noch die Hauptübeltäter: Viren.

Die gute Nachricht zuerst: Keine Ratten! Die schlechte: Zellkulturen in Petrischalen.

Wenn man in einer Petrischale einige bekannte Schnupfenviren Sinupret® aussetzt, hat das eine Hemmung der Replikation von 60%-80% zur Folge. Das ist genauso gut wie das ‚chemische‘ Ribarivin. Allerdings, dass sei dazu gesagt, muss man Sinupret® dazu 20x höher dosieren als letzteres.

Wo lässt uns das nun? Man kann mit einem gewissen Maß an Sicherheit sagen, dass Sinupret® bei Schnupfen eine sinnvolle Alternative darstellt, wenn man eine Zellkultur ist. Im arznei-telegramm erschien eine Bewertung von Sinupret® Extrakt, sozusagen die Schnupfenartillerie von Bionorica. Die Autoren gaben dort zu verstehen, dass sie die Anwendung von Schmerzmitteln und abschwellenden Nasentropfen für sinnvoller erachten (oder man greift einfach auf Hausmittel zurück). Das Fazit lautete:

„Wie für die anderen Sinupret®-Präparate erscheint uns der klinische Nutzen von Sinupret® EXTRACT bei Rhinosinusitis nicht hinreichend belegt.“

Zu Zellkulturen steht da allerdings nichts.

*Die Rechnung ist ziemlich vereinfacht und soll nur eine ungefähre Richtung angeben.

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5 Gedanken zu “Rotz und Schnodder – 5 herbe Freunde.

  1. Sprichwörtliches dazu: „Eine Erkältung dauert ohne Medikamente in etwa eine Woche – mit sind es etwa sieben Tage.“ ;-). Zwar lassen sich vllt. einige Symptome lindern, die eigentliche Heilung braucht halt so seine Zeit bis sich der eigene Körper auf die „Besucher“ von Außen eingeschossen hat.

  2. Aus gebührendem zeitlichen Abstand kann ich einen Sinupret-Schwank aus meiner Jugend dazu beisteuern.

    Meine Pubertäts- und Adoleszenzjahre litt ich unter chronischer Sinusitis und wurde, da anfänglich noch hartnäckig an ärztliche Fast-Allmacht glaubend, mit Tonnen von Sinupret behandelt.

    Als Medizinstudent ist man dann oft, ich zumindest, recht experimentierfreudig und zu Selbstversuchen geneigt. Wütend über die absolute Nicht-Wirkung von Sinupret habe ich 20 Dragees davon auf einmal genommen – ich wollte es einfach wissen ob da überhaupt irgendetwas passiert.
    Leider muss ich jetzt die enttäuschen, die der Meinung sind, dass Sinupret wirkungslos ist: am nächsten Morgen wachte ich mit massivem Drehschwindel auf, der so beängstigend war, dass ich sofort eine Facharzt aufsuchte. Bis ich Stunden später ohne Termin und als Kassenpatient, immerhin werdender Kollege, drankam, war zum Glück das Schlimmste schon vorbei.

    Soll also keiner sagen, dass Sinupret keine Wirkung hat – zumindest Nebenwirkungen hat es.
    Dieses eklatante Missverhältnis von Nichtwirkung im Indikationsbereich zu Nebenwirkung sollte Grund genug sein, so etwas sofort vom Markt zu nehmen.
    Leider wird man keine Ethikkommission für eine Doppelblind-Studie mit 3,33-facher Überdosierung selbst eines “Naturpräparates” gewinnen können.

    Wichtige Erkenntnis: es gibt viele Arten, auf die “natürlich-homöopathische” Arzneimittel schaden können, vor allem durch Vernachlässigung einer sinnvollen Diagnostik und Therapie, Verleugnung und Verdrängung psychischer Konflikte und Traumata, Vergeudung finanzieller Mittel der Solidargemeinschaft der Versicherten, die bei sinnvollen aber teuren Therapieformen wie z. B. der medikamentösen Therapie der pulmonalen Hypertonie fehlen. Das von mir Erlebte dürfte eher zu den Randerscheinungen gehören.

    Meine Beschwerden haben sich endgültig gelegt, nachdem ich aus Angst vor der Operation die Nasenseptumkorrektur bei einem damals noch jungen, unbekannten HNO-Arzt an meiner Klinik der heute zu den ganz Berühmten gehört, abgesagt hatte.

    Dann hatte ich endgültig begriffen, dass psychosomatische Ganzheitsmedizin die Lösung vieler chronischer Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen ist, nicht homöopathischer Hokuspokus.

    Dr. Peter Pommer

  3. Am wirksamsten sind die von Sinopret als Werbung über die Apotheken verteilten Papiertaschentücher. Leider auch unterdosiert, denn für einen ordentlichen Schnupfen braucht man schon mindestens fünf Pakete Schnupftücher.

    1. Liest sich etwas bissig – ist aber im Inhalt richtig ;-)

      Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass Sinupret absolut nicht wirkt. Nachdem ich Sinupret über einen längeren Zeitraum eingenommen hatte, musste ich nach einer Weile zusätzlich noch starke Halsschmerztabletten nehmen, da keine Besserung meiner Nebenhöhlen eintrat.

      Die Folge war: Der grippale Effekt, den ich mir eingefangen hatte, hatte sich über 3 Monate bei mir eingenistet. Keine „ach so hochgejubelten Medikamente, die doch angeblich alle gegen die Grippe helfen sollten“ haben mir geholfen.

      Dann kam endlich der Gang zum Arzt. Der erzählte mir, dass leider sehr viele Menschen den Fehler machen, den am meist in der Werbung angepriesenen Medikamenten zu trauen. Er meinte, dass Sinupret absolut keine Wirkung zeige, ebenso wie einige andere Medikamente, die ich in den letzten Jahren stets zu mir genommen habe (wohl eine logische Erklärung dafür, dass meine grippalen Effekte jedesmal mindestens 3-4 Wochen andauerten …).

      Ich bekam Anibiothikum, da sich nun alles bei mir festgesetzt hatte, und Ambroxol. Und zack, nach ein paar Tagen konnte ich bereits eine extreme Steigerung feststellen. Der starke Schwindel und die extreme Müdigkeit, die mich die Wochen vorher täglich begleiteten, waren auch weg …

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