Bad Pharma – Die ersten Einschläge

Während ich mich in Ben Goldacres Buch „Bad Pharma“ langsam vorarbeite, frage ich mich ob es wohl dazu beitragen wird wird, etwas zu ändern, irgendwie rechne ich eigentlich nicht damit.

Goldacre beschreibt, wie bereits erwähnt, die Methode von pharmazeutischen Unternehmen, Daten von Medikamententests verschwinden zu lassen oder so zu verändern, dass die Ergebnisse für das getestete Medikament besser aussehen, als sie sind. Das funktioniert nur, weil die Forschung nicht transparent ist und Gesetze, die dafür sorgen sollen, dass sie es wird, umgangen werden.

Um nur ein Beispiel zu nennen, kann ein klinischer Test einfach früher abgebrochen werden als es eigentlich geplant war, wenn das getestete Medikament zu dem Zeitpunkt besser aussieht als das Placebo. Eigentlich wird vor einem Test gesagt, wie lange er dauern soll und definiert in welchem Fall er abgebrochen wird. Das ist alles keine Magie, dafür gibt es kluge Statistiker, die solche Dinge vorher berechnen. Zur Zeit weiß aber in den meisten Fällen niemand, wie lange eine Studie geplant war, weil es keine zentrale Erfassung dafür gibt (zumindest keine, die sich nicht umgehen ließe).

Auch die Herausgabe Rohdaten wird mit Händen und Füßen verhindert. Dabei liegt in den Rohdaten die eigentliche Erkenntnis einer Studie und Goldacre zeigt viele Beispiele in denen Anhand der Rohdaten gezeigt werden konnte, wie verzerrt die Ergebnisse des veröffentlichten Papers waren. Meist mussten die Rohdaten der Beispiele im Rahmen eines Prozesses von den Unternehmen freigegeben werden.

Aber ich wollte mich gar nicht aufregen, sondern etwas erfreuliches berichten. Das Commons Science and Technology Select Committee des Britischen Parlaments wird die Frage der fehlenden Daten nun untersuchen, unter anderem auch aufgrund von Goldacres Buch. Doch das ist noch nicht alles.

Vor einigen Wochen hatte die European Medicines Agency (EMA) ein Treffen zur Transparenz klinischer Studien abgehalten, bei dem auch Goldacre anwesend war. Während des Treffens soll ein Anwalt, der die Pharmazeutische Industrie vertritt gesagt haben, sie wären diejenigen, die für die Daten bezahlt hätten, also würden sie entscheiden, was damit geschieht. Dabei wird natürlich ignoriert, dass Studienteilnehmer ihre Gesundheit riskiert haben, in der Annahme etwas zum Fortschritt der Medizin beizutragen* und nicht um andere Patienten belügen zu können. Das nehme ich zumindest an, aber vielleicht sind die Studienteilnehmer einfach wirklich überzeugt vom Konzept des Shareholder Value. Ich denke die Äußerung des sympathischen Herren lässt sich für eine Imagekampagne nutzen. Nachdem es vor einigen Jahren hieß

„Forschung ist die beste Medizin“

wird es vielleicht Zeit für einen neuen Slogan:

Pharmaforschung

Allerdings wäre es wohl nicht das erste Treffen der EMA zu Transparenz in der Forschung oder eine Initiative des Britischen Parlaments, deren Ergebnisse wenig Fortschritte eben dafür brächten. In der Tat könnte es aber diesmal anders sein und ein grundsätzliches Umdenken anstoßen. Ein Hinweis dafür ist auch der Blogpost Goldacres in dem er sich öffentlich an den britischen Verband der pharmazeutischen Industrie wendet und sich gesprächsbereit zeigt.

Zu diesem Schritt sah er sich gezwungen, nachdem er erfahren hatte, dass eben jener Verband versucht hatte, ihn durch Falschinformationen zu diskreditieren. So behaupteten zwei der Vertreter, Goldacre hätte während der Recherche zu seinem Buch nicht auf Emails des Verbands reagiert. Es scheint, als wäre eher das Gegenteil der Fall gewesen. Es wird interessant, zu beobachten ob es weiterhin Versuche geben wird Goldacre unglaubwürdig zu machen.

Wenn Marketingabteilungen Forschungsergebnisse bearbeiten bevor sie an die Öffentlichkeit gelangen, wird das Fundament der Evidenzbasierten Medizin zerstört und das wird auch für Shareholder langfristig zum Bummerang.

*Forschung in Entwicklungs- und Schwellenländern ist noch einmal ein ganz eigenes Thema.

[Bildquelle]

Mehr?

In diesem Vortrag erklärt Goldacre wie er aus vorhandenen Daten neue Informationen gewinnen will von denen 1000e Menschen profitieren können. Und billig ist es auch noch (allerdings in der Form wohl auch nur in Großbritannien möglich–>NHS).

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