Die informierte Ministerin

Posted on 29. Januar 2013 von

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Des Kaisers neue Kleider

Barbara Steffens ist, für alle die es noch nicht wissen, Gesundheitsministerin in NRW und gehört der Partei ‚Bündnis90/Die Grünen‘ an. Der Psychologe und Journalist Sebastian Bartoschek hat einige Fragen veröffentlicht, die er dem Gesundheitsministerium NRW die Ansichten von Frau Steffens medizinische Themen betreffend gestellt hat. Stefan Dörner hat auf der Plattform abgeortnetenwatch ebenfalls einige kritische Fragen zu Äußerungen von Frau Steffens gestellt. Auf dem Blog des DZVhÄ wurde Anfang Januar ein kurzes Interview miz der Ministerin veröffentlicht, immerhin hat sie, das sollte als Qualifikation im Online-Organ des DZVhÄ reichen, seit 20 Jahren sehr positive Erfahren mit Homöopathie. Frau Steffens ist also gerade in aller Munde. Im DZVhÄ-Blog gibt die informierte Ministerin an, Homöopathie schaue ganzheitlich auf den Menschen, im Gegensatz zur, wer hätte das gedacht, „Schulmedizin“. Auch über diese Äußerung hinaus war sich die Ministerin für keine Peinlichkeit zu schade.

Der DZVhÄ fragt, nicht ganz uneigennützig:

„Was haben Sie in Ihrem Bundesland bisher auf den Weg gebracht, um die Komplementärmedizin zu fördern?“

Worauf Frau Steffens erst einmal weit ausholen muss:

„Teile des Gesundheitssystems zeigen sich nach wie vor Ansätzen von Komplementärmedizin beziehungsweise integrierter oder integrativer Medizin gegenüber sehr ablehnend.“

Sogar in führenden Positionen bleiben einige Grüne Systemkritiker, wenn Frau Steffens kommt, zittert das Establishment.

„Diese immer wieder aufgebauten, inhaltlich aber real so nicht existierenden Gegensätze versuche ich auf allen Ebenen auszuräumen.“

Wer hat Gegensätze aufgebaut und im selben Interview behauptet, die eine Methode sei im Gegensatz zur anderen ganzheitlich und dem Menschen zugewandt? Wieso sollte ein Chirurg nicht ‚ganzheitlich‘ handeln und seinem Patienten zugewandt sein können? Der einzig relevante Gegensatz besteht zwischen Wirkung und nicht Wirkung. Der wird jedoch nicht aufgebaut sondern festgestellt. Oder wird mit am runden Tisch mit Physik, Chemie und Logik neu verhandelt? Vielleicht kann dieser Gegensatz ja per Dekret ausgeräumt werden?

„Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen legt fest, dass ab dem Stichtag alle homöopathischen Arzneien wirken. Zuwiderhandlungen werden mit verlängertem Krankheitsverlauf geahndet.“

Eine Wirkung wird nach dem Stand der Wissenschaft gezeigt oder eben nicht. Was nicht wirkt, fliegt raus. Dass es einigen alternativen Methoden hier leichter gemacht wird, gibt Frau Steffens ohne zögern zu:

„An diesem Maßstab (Anm.: Evidenzbasierte Medizin) muss sich derzeit auch die Homöopathie messen lassen, auch wenn der Gesetzgeber der Homöopathie etwas entgegen gekommen ist.“

Das ist ‚etwas‘ beschönigend ausgedrückt.

„Wenn Ursachen für Erkrankungen wieder mehr in den Blick rücken und die Symptombehebung als Teil eines Gesamtprozesses gesehen wird, wenn wir statt einzelner medizinischer Leistungen den Menschen in seinem Gesamtzustand zum Maß einer erfolgreichen Therapie machen, kann Medizin effizienter und im Ergebnis besser werden.“

Mir scheint, hier vermischt Frau Steffens einige Dinge. Zum einen möchte sie die Ursachen für Erkrankungen in den Blick rücken, das nennt man Prävention und die hat mit Homöopathie wenig zu tun, denn Homöopathie greift ein, wenn die Lebenskraft bereits durcheinander ist, wenn also Prävention versagt hat*. Um zu wissen, auf welche Faktoren bei der Prävention Einfluss genommen werden muss, hat die Homöopathie nicht die Instrumente, sie ist symptomorientiert und behauptet, das Symptom weise auf die Grundursache hin, welche die Lebenskraft aus dem Gleichgewicht gebracht hat (mit der Ursünde als Wurzel).

Was sie im Kontext des Interviews mit der Symptombehebung als Teil eines Gesamtprozesses meint, kann ich mir nicht vorstellen. Was soll die „Symptombehebung“ anderes sein als Teil des „Gesamtprozesses“? Der Gesamtprozess hat ganz sicher Probleme, zum Teil tiefgreifende, was ihm nicht fehlt sind Wasser und Zucker.

Was den DZVhÄ natürlich besonders interessiert ist die Frage nach der Kostenerstattung durch die Krankenkassen über die der gemeinsame Bundesausschuss entscheidet:

„Bei der Beurteilung von neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden hat der Gemeinsame Bundesausschuss neben der Frage der Wirtschaftlichkeit auch den jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der jeweiligen Therapierichtung zu beachten. Hieran wird sich in der nächsten Zeit vermutlich nichts ändern.“

Welche Maßstäbe sollte man denn sonst nehmen? Vielleicht der Vorlieben der Gesundheitsministerin im Amt? Eine Art föderaler ‚Methodenpluralismus‘? In NRW kriegen alle Globuli, in Bayern wird alles per Herzkatheter behandelt und in Thüringen bekommt jeder Chemotherapie. Wer heilt, hat dann Recht und wer geheilt wird, Glück. Und wieso „nächste Zeit“ und „vermutlich„? Warum steht da nicht „nie“ und „sicherlich“?

„Wir brauchen für die Homöopathie ein anderes, akzeptiertes Verfahren zum Wirksamkeitsnachweis**, um die Frage der Kostenerstattung zu öffnen.“

Weil die Ministerin so gute Erfahrungen mit Homöopathie hat, benötigt man ein Verfahren, welches, im Gegensatz zu den bisher genutzten, zeigt, dass die informierte Ministerin sich nicht geirrt hat? Das liest sich, als sei es von Kreationisten abgeschaut. Das Ergebnis steht fest, wir müssen nur noch den richtigen Beleg finden (und ignorieren alles was gegen das Ergebnis spricht).

Barbara Steffens wünscht sich, in der medizinischen Behandlung möge der Mensch im Mittelpunkt stehen. Das sagt sich schön dahin, ist jedoch eine Phrase. Wie mag die informierte Ministerin sich eine solche medizinische Behandlung wohl vorstellen?

Am 24.05.2007 hielt Frau Steffens, damals noch als Landtagsabgeordnete, eine Rede zum Thema Impfungen. Dabei vertrat sie eine kritische Meinung gegenüber Impfungen, insbesondere der gegen Masern. Auf welcher Weltanschauung ihre Ideen zu Masern beruhen, wäre Thema eines eigenen Beitrags. Sie war in jedem Fall für ein ‚differenziertes‘ Vorgehen:

„Aber es gibt auch Mediziner, die behaupten: Selbst wenn man die erste Impfung durchführt, muss man die zweite Impfung nicht automatisch auch durchführen, sondern kann nach drei Monaten eine Antikörperbestimmung machen lassen. Diese Antikörperbestimmung kann man wiederholen, um zu prüfen, ob die Impfung gegriffen hat und erfolgreich war. Man muss nicht pauschal jedes Kind direkt mehrfach impfen.“

Klingt fast sinnvoll oder? Wenn man ignoriert, dass Kindern auf diese Weise garantiert mehr Stress, Schmerzen und Komplikationen und uns allen unnötige Kosten entstehen, ist das auch eine hervorragende Möglichkeit vorzugehen. Konkret sehe das so aus. Spätestens wenn die zweite Impfung ansteht, wird dem Kind beim Arzt bei einem ersten Besuch Blut abgenommen, um die Antikörperkonzentration zu messen. Eine Blutentnahme ist oft schmerzhafter als eine Impfung, dauert länger und viele Kinder müssen von mehreren Personen festgehalten werden. Dann steht auf jeden Fall der Mensch im Mittelpunkt. Wenn der Besuch überstanden ist, warten 1000de Familien auf den Anruf vom Arzt, ob eine zweite Impfung notwendig ist oder nicht, die Rechnung für die Tests der Antikörper flattern den Kassen ins Haus. Für diejenigen bei denen die Antikörper nicht ausreichen, steht dann der zweite Besuch beim Kinderarzt an. Der kleine Piek ist zwar der weniger Schlimme aber die Erinnerung an das letzte Mal, macht wieder eine unterstützende Hand notwendig. Das ist ganzheitliche Medizin, da haben alle was davon.

Und dieses ganze Brimborium nur, weil es irrationale Ängste gegenüber Impfungen gibt und Masern zu einer Arten positivem, fundamentalem Entwicklungsschritt hochgejubelt werden. Mal ganz abgesehen davon, dass Masern, Mumps und Röteln gemeinsam geimpft werden, was den ganzen Vorschlag noch unsinniger macht. Aber vielleicht musste Frau Steffens das noch nicht wissen, immerhin war sie damals lediglich einfache Abgeordnete und keine informierte Ministerin.

*Ausnahme wäre der Fall einer Epidemie (im homöopathischen Sinne).

**Ohne Wirkungsnachweis der Globuli ergibt ein Wirksamkeitsnachweis (gerne im Rahmen der ‚Versorgungsforschung‘) keinen Sinn.

[Bildquelle]