Das Versprechen (02) – Eine Preisfrage

Fortsetzung Europäischer Gedanken von ganz weit weg

Irgendwann ist mir der Name aufgefallen. Rolland Garros, das ist das Tennisturnier, das jährlich den sportlich-juvenilen Nabel des ohnehin mondänen Zentrums Paris bildet. Und weil Garros ein französischer Held der Luftfahrt war, der auf La Réunion geboren wurde, heißt der Flughafen dort genauso. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, denke ich mir, während ein Paar, fröhlich kreolisch parlierend, auf dem Vorplatz das neueste Taxi-Modell mit dem Stern besteigt. Bei beiden sind die Eintrittstickets so heiß begehrt wie gesalzen. Zu Europa beträgt die Entrichtung bei sogenannten Schengen-Visa wenigstens 30.000 Euro -so hoch muss die Mindestdeckungssumme für eine nachgewiesene Krankenversicherung sein- sowie ein notfalls garantiertes Guthaben zur „Finanzierung der Lebenshaltungs- und Reisekosten“ während des Aufenthalts. Welchen Preis aber haben die Menschen jener „alten“ Kolonien Frankreichs gezahlt?

Garros02

„Mon peuple est là …“

Den der Freiheit, haben Spätere gemeint. Der Verzicht auf jene Liberté, für die der weithin und auch von Aimé Césaire und seinen Mitstreitern rezipierte Toussaint Louverture für Haiti Ende des 18. Jahrhunderts eingetreten war. Oder danach der zur antirassistischen und antikolonialistischen Ikone aufgestiegene Frantz Fanon (u.a. Peau Noire. Masques Blancs, 1952, online) für Algerien.
Einige kritische Stimmen hat der algerische Historiker und Autor Fatiha Boulafrad Mohamed Rafik Benaouda (in: Nègre je suis et nègre je resterai: la dernière confession d’un homme constaté et contesté, Synergies Algérie, n° 5 – 2009, S. 251-258, online) zusammengefasst. Mit teilweise erbitterter Härte wurde der Widerspruch angeprangert, der vor allem Césaire betreffen sollte. Wie konnte der gleiche Politiker, der als eminent politischer Autor nur 4 Jahre später im Discours sur le colonialisme Europa als „moralisch und geistig nicht verteidigbar“ brandmarken würde, mit vollem Ernst die Sache der Integration von Kolonien zu der europäischen Macht betreiben, die nach wie vor der Kolonisator war?
Boulafrad setzt dem den eindringlichen wie pathetisch anmutenden Satz Césaires entgegen: „Ich war Berichterstatter der Kommission [Anm.: für die überseeischen Gebiete]. Im Kopf hatte ich folgende Sache: mein Volk ist dort, es weint, es braucht Frieden, Nahrung, Kleidung usw. Kann ich da lange philosophieren? Nein.“

Er entstammt seiner letzten Veröffentlichung Négre je suis, négre je resterai (Paris 2005, siehe auch mit dem gleichen Titel das Feature von Deutschlandradio anlässlich seines Todes 2008, online), einer Sammlung von Interviews mit Françoise Vergès. Wesentlich handfester beschreibt Césaire die damalige Blickrichtung im Gespräch von 2006 (66éme anniversaire de la loi du 19 mars 1946, online) mit Paul Vergès: „Stellen sie sich Frankreich als großen Kuchen vor und dazu ein Messer, schneiden sie ihn in gleiche Stücke, das sind dann die Départements.“

Ohne Berücksichtigung der realen Situation der „alten“ Kolonien zum Zeitpunkt der Départementalisation hätte die Frage nach der Integration tatsächlich etwas „philosophisches“ und damit „brotloses“. Denn naturgemäß wird jener, der bereits teil hat an dem, was Menschen- oder Bürgerrechte genannt werden, ein anderes Verhältnis haben zu Autonomie einerseits und Assimilation andererseits als derjenige, der in eben dem System eingeschlossen ist, allerdings ohne Recht auf Teilhabe. Noch viel deutlicher wird das, wenn eine Insel nicht mehr in der Lage ist, die eigenen Leute zu ernähren. In diesem Sinne könnte die letzte Äußerung Césaires durchaus als feine Anspielung auf den Marie-Antoinette zugeschriebenen Satz verstanden werden, dass der, der kein Brot hat, Torte essen solle.

[wird fortgesetzt]

Teil 1 – Das Versprechen

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