theatrum mundi

Brettln, die die Welt bedeuten

Was von der Ski-Weltmeisterschaft in Schladming bleibt

Kaum ein Wort, das in der heute zu Ende gegangenen Ski-WM in Schladming häufiger gebraucht worden ist als: Knie. Denn wenn die Live-Kommentatoren des ORF und die ihnen beisitzenden ehemaligen Spitzensportler etwas zu den Athleten auf der Piste zu sagen wussten, dann waren es unweigerlich auch Zitate aus deren Krankengeschichte. Oder davon, dass ein Gutteil des Erfolges davon abhänge, ob jemand schmerzfrei den Hang bewältigt. Maria Höfl-Riesch mit ihrem Bonmot vom Kreuzband-Podium, das sie nach Gewinn der Bronzemedaille in der Abfahrt bestieg, hat es auf den Punkt gebracht.

Tatsächlich ist das etwas von antiken Gladiatoren, wenn Sportler wie Lindsey Vonn mit schweren Verletzungen aus der Skiarena der Planai transportiert werden, um sich unmittelbar der Frage zuzuwenden, wie lange das Comeback wohl auf sich warten lassen wird. Dafür stand dann wiederum die Österreicherin Marlies Schild, die gerade einmal 55 Tage nach einem Innenbandriss in der heimischen WM um eine Medaille gefahren ist.
Dem Publikum gefällt das, oder wie sonst ließen sich die über 21.000 likes und 6.000 Kommentare erklären, die Vonn mit dem Bild ihres frisch operierten Knies auf facebook gesammelt hat.

Das mag mit den hashtags #ugh oder #longskirtsthissummer ungefähr die Wirkung haben wie Comic-Sprache, in der Superhelden auch beständig mit thud, bang, pow traktiert werden. Nicht bekannt ist hingegen, dass diese mit übermenschlichen Fähigkeiten Ausgestatteten nur deswegen den aufrechten Gang verlernt hätten, weil ihr größtes Gelenk etwas abbekommen hat. Selbst Batman („The Dark Knight Rises“) war weniger vom Knorpeldefekt in den Knien versehrt als vom Trauma eines fehlgeschlagenen Lebensentwurfs. Und wenn der sein letztes Hemd gibt, wissen wir, dann sicher nicht des schnöden Mammons wegen.

Lindsey Vonn hat mit ihrer Veröffentlichung die ganz irdische Dimension der Dinge wieder hergestellt. Was ihr zugestoßen ist, ist nicht ein Berufsrisiko, das sich gelegentlich realisiert, sondern die Erhebung einer Ausnahme zum obersten Prinzip:  Zum Lebensunterhalt den sicher eintretenden Körperschaden in Kauf zu nehmen. Das ist so menschlich, wie es eine Wettbewerbsgesellschaft zulässt, die im Zweiten bereits den ersten der Verlierer sieht.
Und das ist systemkonform, da ein privatimes Subjekt wie die Fédération Internationale de Ski die Regeln in diesem Theatrum Mundi diktiert – Preise für die ersten, die anderen hatten die Ehre, für ihre Nation mitmachen zu dürfen, und die Gemeinschaft der Versicherten trägt die Kosten der Versehrungen.

Derweil eben diese Gemeinschaft sich mit den Produkten eines der Sponsoren abfüllen lässt, mit dessen Namen so sinnreiche „Themenabende“ wie „Zeig der Zilli deinen Willi“ oder „Schnecken Tschecken“ verbunden werden sollten. Die Distanzierung der Brauerei von diesen Sprüchen einer Eventfirma fand auf facebook freilich kaum 300 ziemlich durchwachsene Reaktionen. Von denen kaum jemand die Frage stellte, was Bier eigentlich mit Sport zu tun haben könnte, außer dass es für Athleten praktisch tabu ist.

Hier das panem et circenses zu zitieren, wäre also vergebliche Mühe. Es wird reichen zu sagen: Wir sehen uns wieder, in diesem Skizirkus, in einer anderen Arena. e2m

[Artikelbild: Carlos Estevez, „Theatrum Mundi“, 2008. Mixed media. 56″ x 96.5″ x 3″]

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