Jakob Augstein und sein ‚Autismus‘

Auf SPON schreibt Jakob Augstein die Kolumne ‚Im Zweifel links‚. In deren Rahmen nahm er sich kürzlich das aktuelle Buch von Herrn Schirrmacher vor. Ich glaube, es gefällt ihm nicht.

‚Im Spiel will jeder gewinnen. Das ist die Bedingung der Spieltheorie. (…) Wir alle sind Opfer einer Ideologie des Egoismus. Sie wurde für eine Welt des Krieges entwickelt und verheert heute den Frieden. Eine Ideologie der Kälte und des Autismus. Eine Ideologie von Psychopathen für Psychopathen.

Das ist die Idee des neuen Buchs von Frank Schirrmacher.‘

Soweit so schlecht. Was das Buch von Herrn Schirrmacher angeht, hat JA bestimmt Recht. Vollkommen daneben liegt er in der Wahl der Worte. Kritik dazu gab es in Blogs und Foren von Menschen mit Autismus:

‚Ich denke, Herr Augstein wollte an dieser Stelle eigentlich „Herzlosigkeit“ verwenden, aber da jene Menschen, die sich von seinem Text angesprochen fühlen sollten bei „Herzlosigkeit“ gleich geistig auf Bildschirmschoner schalten, musste der klangvolle Begriff Autismus herhalten.‘

Schreibt Mela, und wenn man „Autismus“ durch „Herzlosigkeit“ ersetzt, klingt der Text vielleicht weniger intellektuell, dafür stimmt die Aussage. Im Forum aspies.de veröffentlicht ein Nutzer seine Frage an Jakob Augstein:

‚Sehr geehrter Herr Augstein,
in Ihrer Kolumne schreiben sie: „Eine Ideologie der Kälte und des Autismus. Eine Ideologie von Psychopathen für Psychopathen“.
Wieder einmal wird der Begriff „Autismus“ als Schimpfwort und Synonym für asoziales Verhalten benutzt. Ich bin diagnostizierter Autist und alles andere als begeistert von dieser beleidigenden und diskriminierenden Wortwahl.
Bitte nehmen Sie zur Kenntnis daß wir weder gefühllose Egozentriker noch asoziale Psychopathen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Realname‘

Der antwortet auf seiner Facebook-Seite:

‚Liebe Realname, Autismus ist hier als Chiffre für selbstbezogenes Kommunikationsunfähigkeit gemeint – nicht als Beschreibung oder Diffamierung eines klinischen Symptoms. Manchmal bemächtigt sich der Sprachgebrauch eines Wortes und löst aus dem eigentlich zugehörigen Sinnzusammenhang heraus … Das ist hier der Fall. Es tut mir Leid, wenn Sie sich da sozusagen unter die verbalen Räder gekommen fühlen. Ihr JA‘

Im Forum heißt es dazu:

‚Wenn er das so sieht, warum beschimpft er dann nicht gleich seine Gegner als „Spasti“?‘

Für jemanden, der mit dem Schreiben von Texten seinen Lebensunterhalt bestreitet, ist die Antwort von JA ziemlich kaltschnäuzig. Nicht der Sprachgebrauch bemächtigt sich eines Wortes, sondern der die Sprache Gebrauchende. In diesem Fall JA. Im Übrigen stimmt die Grundannahme nicht. Menschen mit Autismus sind durchaus in der Lage zu kommunizieren, sie tun es jedoch auf andere Art. Einige Kinder mit Autismus schlagen zum Beispiel andere Kinder. Das ist oft keine Aggression, sondern ein Versuch der Kontaktaufnahme und damit Kommunikation. Das ist nur ein Beispiel von vielen, in dem Menschen mit Autismus und Menschen ohne Autismus Probleme haben, sich zu verstehen. Kommunikation ist etwas Wechselseitiges, ein Journalist und Chefredakteur sollte das wissen.

Von jemandem, der professionell schreibt, sollte man erwarten, dass er in der Lage ist, dieselbe Aussage mit verschiedenen Worten treffen zu können und sich nicht eines Begriffes zu bemächtigen und 1000en Menschen vor den Kopf zu stoßen, die keine Lobby haben (oder eine sehr kleine).

Von jemandem, der sich als ‚links‘ versteht, erwarte ich, die Perspektive wechseln zu können und zu versuchen, sich in die ‚Schwachen‘ der Gesellschaft hineinzuversetzen: Diejenigen, denen keine Zeitung gehört, diejenigen, denen nicht das Forum einer Spiegel-Online Kolumne zur Verfügung steht, diejenigen, die durch ihr „Anderssein“ weniger leicht durch den Tag kommen als JA und merdeister.

Um den Begriff ‚Autismus‘ mit etwas mehr Inhalt zu füllen, kann ich JA nur sagen, dass er die Probleme, die Perspektive zu wechseln, mit vielen Menschen mit Autismus teilt. Außer natürlich denen, die sich diese Fähigkeit hart erarbeitet haben, weil sie gemerkt haben, wie wichtig diese Fähigkeit ist – zur Kommunikation.

Zum weiterlese sei auch der Text auf gedankenträger.de empfohlen (mit Dank an mh für den Hinweis).

 

[Bildquelle]

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13 Gedanken zu “Jakob Augstein und sein ‚Autismus‘

  1. isses absicht, sich gegenüber blödmann augstein immer nur dort aufzuregen, wo`s nicht wirklich „aufreger“ gibt?
    immer schön dran vorbei …
    augsteins mitgrundlage: http://autismuskritik.twoday.net/stories/basis-zum-institutionellen-autismus-der-wirtschaftswissenschaften/
    und ja, jede/r gestempelte (mit welch diagnose auch immer) krallt sich ans stempelchen, asperger wird als diagnose nun eh schon wieder abgeschafft, tja, sagens die fachleuts, det jibbts nich mehr, denne jibbts did och nich mehr, also auch keine asperger-betroffene (mehrheit der kommunizierenden „autisten“ ), wär nett, wenns die fachleuts mit bl auch mal dahin brächten, aber dann gingen nunmehr wohl zwei fünftel aller als psychisch „krank“ diagnostizierten menschen auf die suche nach ner neuen…

    kurzer grippe-ärger ;-) … aber ganz ungrippig die frage real : warum keinerlei frontalkritik an diesem menschen und seinem tun, sondern immer knapp daneben ?

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    1. Hallo Jana,

      um die Antwort mal als These zu formulieren: Weil der Großteil des Publikums, für das JA schreibt, seinen idealistischen Standpunkt, von dem aus er der Welt die Temperatur mißt und lauter E-skalationen auf dem Thermometer feststellt, teilt.

      Indiz:
      Wenn Du Dir mal seine Kolumnen querlesend vornimmst, dann wirst Du finden, daß dahinter stets ein moralischer Imperativ lauert. Egal, ob’s um Israel, die Politik, die Ökonomie, Stuttgart 21, den Berliner Aerodromversuch, das Verlagsgewerbe oder was auch immer geht: JA ist als Advokat der Eigentlichkeit unterwegs. Für ihn sind die herrschenden Verhältnisse eben nicht der Wahnsinn mit Methode, die sie nunmal sind, sondern verklärtermaßen Abweichungen von einem Ideal, das die Sache eigentlich schon ganz rund laufen ließe, wenn sich nur alle so lauter, aufrichtig und untadelig benähmen wie er — was angesichts der fulminanten Geltungssucht von JA nun wirklich keinen mehr verwundern kann.

      Dazu paßt wie die Faust aufs Auge die vorgetragene Ent-rüstung der allerdings tatsächlich übel Gescholtenen: Psychopathen, das sind doch wohl nicht »wir«, sondern die andern — die Manager, die Politiker, die Egoisten, die WiWis und so weiter — weswegen wir uns solche Beschimpfung verbitten.

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      1. Schön, Dich zu lesen Josef. Ich gehe ein Stück weiter und unterstelle, dass derart gelesen sogar Staaten und ihren Handlungen „Moral“ engedichtet wird bzw. derlei Handeln erwünscht wird. Abgesehen davon, dass da möglicherweise ein lapsus zugrunde liegt, wonach es im französischen Rechte eine „personne morale“ gibt, die aber nichts mit Moralität zu tun hat, sondern nur das Kozept „juristische Person“ ausdrückt, verkennt derlei die Natur, die Staaten schon stets zugewiesen ist: Sie haben Interessen. Man muss nur noch erraten, wessen.

        Kurz zu Jana: Frontalkritik? Niemand hindert Dich daran.

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        1. frontalkritik an JA ?…
          wäre falsch, weils keinen adressaten JA gibt,
          die einen sind mittel-los, die andren zweck-los,
          ich bin grad nur „los“ und hab kein interesse an JA, andre anscheinend schon bzw an dem, woran er seine griffel legt…nur dann eben, jene eben dort ansetzen, wo sich was verhakt, wenn mensch nur nachhakt…

          das hier oben war ein ähnlicher einwurf wie der richtung grotes „schizophrenem wahn“ und falls du ein „später“,“draufhin“ nun die letzten wochen mal erspähen konntest, der grote durft sich bestätigt sehen , weil eben allgemein üblicher sprachgebrauch…naja, was ich dahingehend schon schrieb, auch hier ähnlich thema…

          lg

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          1. „durfte sich bestätigt sehen“: Nein. „weil eben allgemein üblicher sprachgebrauch“: du meinst oft verwendeter, bei dem mir übel wird.
            Punkt.

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      2. Wenn man eine Diagnose vergeben kann, herrscht in der Welt wieder ein bisschen mehr Ordnung…

        Edit: Und ebenfalls: schön Dich zu lesen.

        Edit II: Zu mehr bin ich heute nicht mehr in der Lage, beim Freitag gerate ich auch gerade unter die Räder ;)

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      3. was Ihr alle dem augstein für ansinnen und „bewegung“ bzw „bewegbarkeit“ unterstellt, ist mir schleierhaft…egal, was ich von ihm zu lesen bekomme, aber allerliebst natürlich in den schnellgeschossenenen (damit sicherlich ganz „selbstgeschriebenen“ ) kommentaren: dem typen gehts um nichts, nirgens, nie …oder anders: es gibt nur mittel und es geht immer nur um mittel…oder hat wer schonmal nen zweck er-/aufscheinen sehen in alledem, was in erscheinung tritt unter „JA“ ? …
        aber ja, ich les da nicht wirklich und mags auch nicht und sorry fürs „ablassen“ hier, …
        (merdeister? ich würd am liebsten den arzt, den ich dienstag aufgesucht hab wegen „grippe“ anzeigen, da, wie ich las, er mir mit irgendnem mittelchen die letzten drei tage und kommende in dem ausmaß mit ner spritze hätt abmildern können? erste 48stunden isses drin, danach nicht mehr? 1,5 min, dann hat er reißaus genommen und ich mir die erste krankschreibung von seinem drucker zerren dürfen, kein gespräch, keine untersuchung, nichts, nur krankschreibungsdruckeranweisung und weg war er und ich bin die tage halb gestorben grad…is das zeug so teuer-milderungsspritze?)

        lg matschbirne…

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