Eine weitere Stimme erloschen

Filmwelt – Zum Tod des italienischen Filmemachers Damiano Damiani

Damiano Damiani hat nie einen der wirklich großen Filmpreise gewonnen, dafür zielsicher den Lebensnerv einer Gesellschaft getroffen hat. Was sicher mit meiner frühen literarischen Liebe zu tun hat, mit Elsa Morante und ihrem prägnanten, einfühlsamen, brutalen und ungeheuer lebendigen Roman L’Isola di Arturo (Arturos Insel, 1957) über die Bewusstwerdung eines Jungen zum Mann. Und natürlich über eine Frau, die ein paar aus dem Ruder gelaufene Lebensläufe wieder zusammenfügt, im Mikrokosmos der kleinen Insel Procida im Golf von Neapel.

Daraus hat Damiani als Regisseur einen ebenso prägnanten, einfühlsamen, brutalen und ungeheuer lebendigen Film gemacht, der im Deutschen unter der unsäglichen Übersetzung Insel der verbotenen Liebe (1962) begrenzt bekannt geworden ist. In der Tat waren die Themen Promiskuität, Homosexualität, soziale Bindungslosigkeit etwas für obskure Gazetten, sowohl im katholischen Italien wie im bigott imprägnierten Deutschland des jeweiligen Wirtschaftswunders. Dem setzte Damiani in der Verfilmung eine lakonische Bildersprache entgegen, dass Dinge eben sind, wie sie sind; man kann versuchen, sie tot zu schweigen, sie zu unterdrücken. Aber Leben bricht sich immer Bahn, reift heran und generiert neues Leben, selbst auf einer gottverlassenen Insel. So einfach ist das, dass es weh tut.

Eine Lakonie, die Damiani in der anderen, diesmal international besetzten Romanverfilmung meiner zweiten großen literarischen Liebe, Leonardo Sciascia und dessen Giorno della Civetta (Tag der Eule, 1961) nicht wiederholt hat. In seinem schmalen, äußerst synthetisch erzählten Band hatte Sciascia Italien mit einer Mafia bekannt gemacht, deren Existenz teilweise noch bis in die 1980er Jahre in Abrede gestellt worden war: Das Bestehen bestimmter machtbildender Familien oder Clans, vor allem aber deren intime Verquickung mit staatlichen Stellen, Politik und Wirtschaft. Und damit eine faktische Konnivenz in die Morde, die das äußere Gerüst der Erzählung und der jüngeren Geschichte Italiens tragen.

Vielleicht benötigte Damiani die nun opulent gewachsene Bildersprache (kein Ausstattungsfilm, aber durchaus detailverliebt), um die Protagonisten in den ihnen kongenialen Kulissen erkennbar zu machen. Den Don Mariano Arena als omnipotenten Strippenzieher im sizilianischen Barock seines Hauses  (gespielt von einem unvergleichlich zynischen Lee J. Cobb), sein Widerpart von den Carabinieri, Capitano Bellodi, in der Sachlichkeit der Amtsstube (Franco Nero in einer seiner besten Rollen), die Frau Rosa Nicolosi, die zwischen alle Fronten gerät (eine superbe Claudia Cardinale) – der Versuch, das Legalitätsprinzip durchzusetzen, scheitert an dem, was in den beredten Bildern umzirkelt wird. Es ist die alles verdeckende omertà, das Gesetz des Schweigens, wo Reden (so Andrea Camilleri in einem seiner Montalbano-Romane) bereits die Andeutung eines Zuckens einer Augenbraue ist. Bellodi wird am Ende, obwohl und weil er die Eigengesetzlichkeit der Morde erkannt hat, woanders hin versetzt, bevor seine Arbeit ganz getan ist.

Das große Tabuthema Mafia machte Damiani schließlich mit dem breiten TV-Publikum auch international bekannt. Die Serie La Piovra (Allein gegen die Mafia, ab 1984) war in Italien wie in Deutschland zumindest in den Anfangsfolgen, bei denen Damiani Regie führte, ein Straßenfeger. Welche Effekte er in Italien hatte, möge man zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen in dem ausgezeichnet recherchierten und geschriebenen Artikel bei Wikipedia nachlesen.

Wie viel dieses Format mit der Geschichte des Landes zu tun hat, wird nicht nur an den Morden an dem Präfekten Carlo Alberto dalla Chiesa (1982) sowie den Ermittlern Paolo Borsellino und Giovanni Falcone (beide 1992) deutlich. Sondern in der Fortsetzung eines jungen Roberto Saviano, der mit Gomorra (Gomorrha) anschaulich gemacht hat, wie das organisierte Verbrechen mittlerweile an vielen Stellen nicht mehr mit Staatsrepräsentanten zusammen arbeitet, sondern den Staat selbst ersetzt hat.

Oder in den derzeit laufenden Prozessen gegen Politiker und Angehörige der Geheimdienste wegen der sogenannten „Übereinkünfte zwischen Staat und Cosa Nostra“: Erst vergangenen Freitag hat in Palermo die Staatsanwaltschaft im Schlussplädoyer u.a. gegen den General Mario Mori und die Politiker Nicola Mancino sowie Marcello dell‘Utri  langjährige Haftstrafen wegen Begünstigung einer kriminellen Vereinigung und wegen Nötigung von Verfassungsorganen gefordert.

So hartnäckig wie menschlich fehlbar Damiani seinen Commissario Corrado Cattani gezeichnet hat, so dass er schließlich als der redimensionierte Held unserer aller Tage gelten konnte, so wenig ist die darin im Kern aufscheinende Hoffnung des Guten im Menschen dreißig Jahre später Wirklichkeit geworden. Rückblickend könnte man sagen: Dieser Filmemacher hat über eine Fiktion, die sehr stark an die Wirklichkeit angelehnt war, zwar Tabus gebrochen, aber die Tragik perpetuiert. In Cattani hat sich der aufrechte Bürger wieder erkannt, aber nicht im Nachbarn identifiziert, der selbst Opfer einer Ungerechtigkeit geworden ist.

Welches Thema Damiani auch angepackt hat, er hat mir Zeit Lebens ein Italien erzählt, wie ich es kenne: Mit der Härte seiner Widersprüche, dem Lachen der am Leben Verzweifelnden und immer mit einer letzten Spur Optimismus. Ob er fehl am Platz ist, wird sich dieser Tage weisen. Diesen Geschichtenerzähler jedenfalls werde ich vermissen.

Damiano Damiani ist am vergangenen Donnerstag im Alter von 90 Jahren in Rom verstorben. e2m

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