Nicht auf meinem Teller

Posted on 13. März 2013 von

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GAU

Energiewende – Fukushima, Turin und Augsburg haben etwas Unappetitliches gemeinsam: Radioaktivität.  Gedenken allein bringt nicht weiter

Nichts ist so, wie es war und doch, so will mir scheinen, ist alles beim alten geblieben. Zwei Jahre nach dem katastrophalen Erdbeben mit anschließendem Tsunami im Nordosten Japans und den Super-GAUs in den Reaktorblöcken von Fukushima steht nach wie vor kaum ein Stein auf dem anderen. Die davor/danach/heute-Bilder, man besehe sich die Strecken etwa auf sueddeutsche.de oder fr-online.de, zeigen zwar, dass Flächen von Trümmern freigeräumt wurden.

Warum die Flächen aber nicht (schon wieder) besiedelt sind oder mehr noch, was die bislang größte Nuklearkatastrophe nach dem Abwurf von zwei A-Bomben in den Köpfen der Menschen angestellt hat, danach war beim ersten Jahrestag noch gefragt worden. Im nun angebrochenen Jahr Drei ist die Insistenz, bis auf wenige Ausnahmen, deutlich geringer geworden.

Ein immer stilleres Gedenken

Um Yuko Ichimura, die seinerzeit für die Süddeutsche das Lokale abdeckte („Tagebuch aus Tokio“) und ein letztes Mal im März 2012 etwas zu sagen hatte, ist es ebenso still geworden wie um Chikayo Morijiri – deren Blogbeiträge („Meine Heimat in der Katastrophe“) sind aus unerfindlichen Gründen sogar völlig aus dem online-Angebot der Wochenzeitung der Freitag verschwunden.

Authentisch geblieben sind dort lediglich drei „Briefe aus Japan“ vom März und ein weiterer vom Juni 2011. Das ist nicht nur deswegen interessant, weil sich hier zwei kluge Leute (mittelbar) unterhalten, sondern die Unaufgeregtheit besticht selbst im härtesten Urteil. Nur: Auch da fehlt mir die Fortsetzung. Wie verhält sich zwei Jahre später Professor Reinold Ophüls-Kashima, der bei der Freitag ebenfalls einen Blog-Account sein eigen nennt, zu den Ankündigungen von Japans Premier Shinzo Abe? JapanToday zitiert Abe in einem heutigen Artikel so:

„Abe also reiterated Tuesday his plans to resume reactors that are approved by regulators under new safety standards, expected to take effect in mid-July. Abe, however, has said he was scrapping the previous government’s plan to phase out nuclear by the 2030s. He said the government will compile Japan’s best energy mix within 10 years while putting on hold a decision on what to do with nuclear energy.“

Dafür werde, so das Blatt weiter, verstärkt auf die äußere Sicherheit der AKW Wert gelegt, vor allem in Bezug auf das hinlänglich plakatierte Szenario eines terroristischen Angriffs. Die Hoffnung Michael Jägers bezüglich einer „Kraft zum Umdenken“ in der japanischen Gesellschaft jedenfalls scheint 2 Jahre später nachhaltig zu schwinden.

Was geht mich Japan an?!

Dass Deutschland und die Deutschen unter Fukushima leiden würden, ist dagegen die neueste Masche eines weiterhin fossil/nuklear ausgerichteten Kampagnenjournalismus. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man den neuesten Focus aufschlägt, wo uns „die Toten je Billion Kilowattstunden“ vorgerechnet werden: Da wären es 100.000 bei Verstromung von Kohle, bei Atomkraft aber nur 90. Oder ob die Billionen-Ankündigung von Minister Altmaier einmal rechts gewendet (von dem bekennenden Marktliberalen und ehemaligen Ministerialen im Bundesforschungsministerium Günter Keil bei der Achse des Guten), einmal links gedreht (siehe die Zusammenfassung in Handelsblatt online vom 11. dM.) in den Boden gestampft wird – der Eindruck, dass es hier ausschließlich um das Geldbörsel braver deutscher Bürger geht, ist unentrinnbar. Fracking, Ölsande und Methanhydrat wiederum warten nebst den entsprechenden Interessensvertreter auf ihre Chance, getreu dem eigenen Motto: „a new era in abundant energy to build out a bigger and better world economy.“

Wäre da nicht die Jägerschaft, die einmal und ganz ausnahmsweise einen wertvollen Beitrag zu unser aller Erkenntnis leisten würde. Denn wenn es richtig ist, dass bei Augsburg unlängst 37 Wildschweine erlegt wurden, die ausgiebig mit Cäsium-137 verseucht waren, so ist das schon fast ein alter Hut. Denn stets wiederholen sich die Meldungen über diese Waldwühler, die mit Pilzen und Wurzeln auch den Niederschlag aus Tschernobyl von 1986 aufnehmen und speichern. Allerdings stehen Bayern und Deutschland nicht alleine da. Seit 3 Tagen ist bekannt, dass auch im Piemont zwischen 2012 und 2013 mindestens 27 erlegte Wildschweine eine ähnlich hohe Cäsium-137-Belastung aufweisen wie die Schwarzröcke nördlich der Alpen. Was angesichts der Verteilung der radioaktiven Wolke nicht weiter verwundert – auch die nördlichen Regionen Italiens waren von dem Fallout des Super-GAU in der Ukraine schwer betroffen.

Was wundert, ist die Höhe der Belastung. In Deutschland sollen die Messungen „Werte von über 10.000 Becquerel je Kilogramm“ ergeben haben, in Italien laut den Angaben des IZSTO (Institut für experimentelle zoologische Prophylaxe für Piemont, Ligurien und das Aostatal) bis zu 5.621 Bq/Kg. Die Unbedenklichkeitsschwelle liegt hier wie dort bei 600 Bq/Kg. Das widerspricht der eigentlichen Annahme über die Halbwertzeit von Cäsium-137 von rund 30 Jahren, so dass nur eine wesentlich höhere Ausgangskontamination als bisher angenommen plausibel erscheint.

Stromerzeuger vernetzen sich. Was ist mit deren Kontrolleuren?

Das italienische Institut hat angekündigt, „in drei Wochen darüber Bescheid zu wissen“, ob es sich dabei um ein lokal begrenztes Phänomen handelt oder „andere Gebiete betroffen sind“. Nicht bekannt ist, ob sich die Turiner mit den Augsburgern kurzschließen, um zu erfahren, dass es tatsächlich verschiedene Gebiete gibt, die kontaminiert sind. Noch weniger bekannt ist, ob und inwieweit in, sagen wir: polnischen, ungarischen, tschechischen Medien auch solche Randnotizen zur fortdauernden Kontamination aufscheinen – was nicht wenig mit den von dort gelieferten Viktualien und Pilzen zu tun hätte.

Nun kann man natürlich auf Wildschwein als Nahrungsgrundlage ebenso verzichten wie auf Pilze oder Kartoffeln. Wie wir aus der Presse wissen, gibt es in letzter Zeit immer mehr unterschiedslose Alternativen. Was mit anderen Worten bedeutet, dass irgendwann alles auf meinem Teller landet, ob als verseuchter Fisch, krankmachendes Gewächs, verdorbenes Wild oder umetikettiertes Etwas. Dem ist entgegen zu stellen, dass das Versteckspiel mit Unsichtbarem -gleich ob als radioaktives Isotop oder als bis zur Unkenntlichkeit Vermischtem- eines ist, das immer weniger Menschen gefällt.

Uns von Mitteln des Lebens so weit zu entfernen, dass wir sie nicht mehr erkennen, ist keine Sünde, aber wider jede Vernunft. Vielleicht helfen auf dem Weg der Erkenntnis Plattformen wie die von „Fukushima – Collection of Infos“, die regelmäßig u.a. von der deutschen Bloggerin Barbara Mürdter aka Popkontext aktualisiert wird. Zeitnahe Berichte zu dem, was ebenfalls einmal als eine „new era of energy“ angekündigt und –gepriesen wurde, sind dort nachzulesen. Aber tunlichst nicht zu Mahlzeiten, der Bissen könnte sonst im Hals stecken bleiben. e2m