Stromausfall

Posted on 4. April 2013 von

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Stromausfall

Latürnich bin ich zivilisiert und gefügig     

Wenn ein Jahrhundertsturm eine Infrastruktur hinweg fegt, ist das ein Ereignis. Vor meinem Küchenfenster aber ist weder eine jener gefürchteten Wetterdepressionen sichtbar, noch sonst ein Grund: Dass der Strom fehlt.

Dabei habe ich Vorsorge getroffen: Die Überlandleitung, die meine Wohnstatt versorgt, hatte ich auf eigene (erhebliche) Kosten unterflur verlegen lassen, nachdem in einem einzigen Sommer drei Stürme Bäume umfallen ließen und diese die Nabelschnur durchtrennten. Die Vorräte in der Tiefkühle (einschl. der im Anfall von bukolischer Naturnähe gesammelten und konservierten Obstvorräte) waren ebenso futsch wie die Gemütsruhe – 18 Stunden ohne Strom und Unterhaltung sind furchtbar. Dafür habe ich sogar (eine echte Ausnahme) dem Stromversorger Abbuchung vom Konto gestattet; eine keineswegs selbstverständliche Vorleistung, weil das Ergebnis samt Saldo erst am Jahresende mitgeteilt wird.

Meine Energiequellen sind aber jetzt, in dem Augenblick, da ich schreibe, ausschließlich Akkus. Die meines Laptop (der Hersteller fabuliert davon, dass der die nächsten 14 Stunden reichen wird), meiner Uhr und Ende der Geschichte – keine Heizung (der Brenner im Keller braucht neben Öl auch Saft aus der Steckdose), kein TV oder Radio, nicht einmal das vom Stromkreis zeitweilig unabhängige Telefon. Denn zu allem Überfluss ist der prepaid-Chip im Handy, den ich ohnehin nur für Notfälle benutze, ebenfalls leer. Der Anruf bei meinem Energieversorger ist nur dank eines prall gefüllten auswärtigen Chip noch möglich. Was natürlich nicht gangbar wäre, wenn ich nicht a) viel mit Ausland zu tun hätte (warum sonst eine solche Ausweichmöglichkeit) und b) genau mit Blick dorthin Vorsorge treffen würde, das Konto des Gesprächsguthabens gut gefüllt zu halten.

Strom, das muss ich mir immer wieder eingestehen, ist etwas, ohne das es nicht geht. Sogar in Zeiten, da ich mich jenseits dessen aufhalte, was hierzulande als Zivilisation benannt wird, bin ich abhängig. Wenn nicht der kleine Stromerzeuger in den Weiten eines afrikanischen Landes wäre, das ich regelmäßig besuche und bei dem ich meinen Appetit stille, ich würde aus der Welt fallen: Keine News, keine soziale Interaktion, kein Network.

Wie mag sich -fällt mir in meiner Einsamkeit ein- das anfühlen, wenn derart sozialisiert ein Mensch abgeschnitten wird, nicht weil die Technik des Stromversorgers versagt, sondern weil er -der Mensch- nicht mehr in der Lage ist, die Rechnung zu zahlen? Fast will es so scheinen als würde ich (mit dem großen I) mit dem Nichthabenden nicht spätestens im Tod, sondern im Stromausfall endlich gleichgestellt.

Denn allen Ernstes: Es ist schon komisch, dass einer, der regelmäßig sich den Flug nach Afrika zu dem, der sich nicht das Tägliche auf dem Essentisch leisten kann, ein Verhältnis setzt. Aber es zeigt mir, dass Energie“hunger“ mehr ist als nur eine Metapher: Ein Grundbedürfnis. Aber damit auch ein Bedarf?

Nach 10 Minuten ist der Strom wieder da. Gott sei Dank, alles nur ein Hirngespinst und mein Stromversorger wirklich der Größte. Nur vor dem Küchenfenster ist es seit 30 Tagen grau in grau, aller Solartechnik zum Trotz. Haben am Ende doch die recht, die … mir dieses Posting überhaupt erlauben? e2m