Beziehung 2_1282052494

Partnerschaft trägt Elternschaft – wackelige Beine

Im Geburtsvorbereitungskurs sagte die Hebamme: Eins hat die Erfahrung gezeigt – Partnerschaft trägt Elternschaft. So schwanger-verliebt passt sich dieser Satz ganz nahtlos in die romantische Vorstellung vom Elternsein ein. Dass es aber ein ewiger Aushandlungsprozess ist, dieses Elternsein, hat einem niemand gesagt. Oder doch: Hört bloß nicht auf miteinander zu reden hat sie auch gesagt.
Witzig, wie soll man denn ausgiebige Gespräche führen, wenn diese immer wieder durch Meldung des Nachwuchses unterbrochen werden?
Unser erster Streit nach der Geburt hat drei Tage gedauert. Nicht, dass wir drei Tage gestritten hätten, nein, nein, der Alltag lief. Aber wir haben zwei Abende und ein Frühstück benötigt, um die streitigen Punkten zu klären. Zu klären gibt es immer irgendwas. Pitje, wie mein Partner ab jetzt online heißt, hat irgendwann in den zweieinhalb Monaten in denen ich meine Magisterarbeit durchgekloppt habe, einen Drehwurm bekommen. Er hatte das Gefühl, dass sich alles nur noch um die Magisterarbeit drehte: schnell nach Hause, damit Luzieh an den Schreibtisch kann. Am Wochenende nur Kind sonst nichts, damit ich die Zeit nutzen kann. Dann musste er eine von drei(!) Fortbildungen absagen, weil ich nicht eingesehen habe, dass ich noch ein Wochenende verliere.
Nach dem Clash waren wir uns einig, dass wir ab Januar in Freizeitverhandlungen treten.
Ansprüche – die eigenen und die des anderen – erkennen und aushandeln ist anstrengend.
Am Ende steht aber immer die Erkenntnis, dass es als Eltern einfach nicht mehr ist wie vorher. Alles ist anders und ich für meinen Teil habe mich damit schneller arrangiert als er. Aber ich hatte ja auch Zeit mich damit auseinanderzusetzen, während er zu Arbeit tigerte. Wie war das?: naja, Dein Alltag ist vielleicht etwas dehnbarer, was Du jetzt nicht machst, machst Du in ner halben Stunde… Der Mann meiner Schwester drückte es ihr gegenüber so aus: Dein Leben will ich haben, Frühstücken hier, Kaffeetrinken da…. Ja, ist klar
Ich bin ein Klassiker! Ein wandelndes Klischee (und dabei habe ich Schuhe und Taschen schon rigoros ausgemistet)! Nicht unbedingt, weil ich die Dinge tue, die ich tue, sondern, weil wir – Pitje und ich – die gleichen Konflikte haben, wie alle anderen Eltern, die ich bisher kennen gelernt habe auch. Weil ich mich über den gleichen Quatsch ärgere, von dem ich früher tollkühn behauptete, es sein doch nicht schlimm, man müsse nur über alles reden, bei mir würde alles anders. Tja, und dann steckt man plötzlich im ganz normal-verrückten Alltag und muss sich an sich selbst erinnern.
Manchmal erwische ich mich sogar beim mystifizieren der Mutterrolle.
Ja, ich Luzieh. Feministin und inoffizielle Gleichstellungsbeauftragte der Familie bleibe hinter meinem politischen Anspruch zurück. Nicht nur, dass ich seit einer Ewigkeit nicht mehr aktiv Politik gemacht habe. Nein, ich habe stattdessen den Haushalt geschmissen und die Windeln gewechselt. Außerdem dachte ich nicht nur einmal: naja, das Kind gehört ja auch zu mir, was soll’s.
Hier könnt ihr Euch die Musik aus der Duschszene in Psycho vorstellen.
Wo wollte ich hin? Achja, die wackeligen Beine. Meine wackeln, weil Schlafmangel und ewiges herumschleppen, die zu einem gefühlten Pudding gemacht haben. Seine wackeln, weil er vom Sport so angestrengt ist, oder nen Kater vom Wochenende hat.
Nein, aber im Ernst: die Hebamme hatte tatsächlich recht: wenn die Partnerschaft nicht läuft, wird auch das Elternsein anstrengend. Mit Partnerschaft ist dann aber nicht unbedingt, also nicht nur, das Paarsein im klassischen Sinn gemeint, sondern, dass sich alle Beteiligten immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass sie ein Team sind. Ohne den anderen steht die Abwehr nicht. Oder: ein Stuhl mit drei Beinen ist mindestens wackelig und eine Partnerschaft ist kein Flamingo.
Es haben sich also neue Perspektiven auf die einst so theoretischen Fragen für mich ergeben, seit ich die Praxis lebe.
Nur wenn wir als Partner mit beiden Beinen fest im Leben stehen, können wir das auch unserem Kind ermöglichen. Deshalb lernt Pitje das Sprechen und ich das Darüber-hinweg-sehen. Natürlich ohne dabei den Überblick zu verlieren.

Wir haben übrigens einen wunderbaren Urlaub hinter uns: Pitje hatte nämlich im März noch einen Monat Elternzeit und wir waren zwei Wochen lang mit dem Bus unterwegs. Göttingen-Florenz. Einziger Anspruch an den Campingplatz: Stromanschluss, damit der Heizlüfter läuft. Pitje tut mir manchmal auch ein bisschen leid. Gerade jetzt. Ich bin nämlich dabei die letzten drei Monate, bis die Krippenzeit losgeht, richtig zu genießen und bin ganz wehmütig mit romantisch verklärtem Blick. Bald ist ein Jahr um und ich konnte es komplett mit der Kröte verbringen. Und dann ist Pitje am Wochenende plötzlich erstaunt, dass die Kröte rückwärts krabbelt, wenn ich sie dazu auffordere. Oder – wie heute morgen – als er mich ob des ausgeräumten Bücherregals mit großen Augen ansah und zur Kröte sagte: „Mensch, jetzt muss die Mama alles wieder aufräumen“ und dann ganz erstaunt war, dass ich sagte, dass es jetzt bis zum Morgenschläfchen so liegen bleibt, weil ich sonst nichts anderes mache, als Dinge aufheben.
„Deine Ruhe will haben…und Deinen Alltag

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