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Laufzettel Freitagtechnik – Boulevard

Communitykritik – Im voraufgegangenen Artikel zur Pay-Wall waren der Freitag und sein online-Pendant ausgenommen. Ihnen sind, völlig ironiefrei: ganz fest die Daumen zu drücken

Linker Boulevard war einmal und ist immer wieder eines der größeren Themen bei freitag.de. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass vielen Diskutanten sich so etwas wie politisch korrekte Trivia vorstellen.  Oder, ganz im Gegenteil, ein betreutes, vorzugsweise bibliophil- soziologisches Projekt mit pädagogischer Vorbildfunktion möglichst auf der Metaebene wünschen.

Also etwas ganz anderes als die ‚BILD‘.

Gregor Gysi hat das aber einmal so formuliert: „Ein bisschen träume ich davon, denn es gibt so viele Leute, die können nicht so viel lesen, die brauchen das übersetzt, einfach, schnell und visuell.“ Unter Boulevard versteht der nicht nur in der Hinsicht Bedarfte, „einen komplexen Sachverhalt auf drei Punkte zu reduzieren“. Andere seien dazu in der Lage: „Warum überlassen wir das alles der ‚Bild‘?

Das Dilemma skizzierte Tom Strohschneider treffend: „Ob es einen linken Boulevard überhaupt geben kann, ob die Widersprüche zwischen Vereinfachung, Skandalisierung, Personalisierung auf der einen und Aufklärung, Komplexität, Diskursivität auf der anderen gelöst werden können, bleibt eine offene Frage.“

Viele Artikel von Jakob Augstein bei der Freitag und in anderen Medien sind, als wollte er die Frage beantworten. Er, so lese ich es, liefert die Probe aufs Exempel. Was ist besser zur Vereinfachung geeignet als ein hingeworfenes cui bono, am besten noch in der Verantwortung zuweisenden Version des cui prodest? Was ist personalisierender und skandalsierender als ein weißer Mann, dessen Ende annonciert wird? Auch sein jüngstes Statement zum Netz, das alles untergräbt ist in der Verkürzung nicht zu unterbieten. All das ist, tout court, Anspruch auf Wirkung.

Sie lässt sich nicht nur an der dann pünktlich einsetzenden Flut an Kommentaren ablesen. Maß allen Widerhalls scheinen vielmehr zu sein die Kübel an Jauche, die dem Autor deswegen über den Kopf gestülpt wurden bzw. werden. Wiederholt und ausgerechnet von Wortführern, für die der ausgestreckte, vorzugsweise nackte Stinkefinger zum ureigenen Markenzeichen gehört wie die Eregierung zu St. Pauli.

Bei freitag.de/community hätten wir merken können, dass das mehr ist als die Libido der Provokation. Vieles an den Brodüren ist nur politischer Empörungszierrat, in der Sache geht es ums Revier – Links solle, bitteschön, weiterhin als moralische Instanz  und Bedenkenträger fungieren, während anderswo amtierend Taten wie Akzente gesetzt werden. Damit die Verleumder sich dann sogar darüber unangefochten saftig auslassen können, was alles nicht bedacht oder berücksichtigt worden, deswegen einseitig wie „anti-„ sei, ohnehin ohne Bezug zur wirklichen Wirklichkeit.(*)

Spätestens aber hätte der Schuss gehört werden müssen, als freitag.de /community im Gefolge jener Kampagne zur Jahreswende gänzlich ironiefrei von einem ARD-Redakteur (!) als „Sturmgeschütz der ‘Israel-Kritik‘“ bezeichnet wurde. Das war genau so wenig ein Wortspiel wie es nur biographische Komplettierung war, der Freitag weithin lesbar zu dem Namen „Streicher“ zu gesellen, wie es das Simon Wiesenthal Center (SWC) getan hat.

Denn damit wurde entlang der Kernthese von Franco Ruault agiert, dass jene in Nürnberg verurteilte Bestie zwar ein „Attraktor“ gewesen sei, seine Postille in all ihrer Unmenschlichkeit aber das Werk der Leser selbst, die dort zu Schreibern gemacht worden seien. Angeklagt wurde damit das gesamte Beteiligungsmodell des sog. Bürger-Journalismus, exekutiert am Beispiel des Meinungsmediums zu Berlin mit seiner Community.(**) Das ging schnell und einfach.

Keine Frage, Augstein hat zu recht viel Verteidigung erfahren, auch von Seiten derer, denen er mit seinem hiesigen Projekt ein Forum bietet. Aber darin gab es, soweit ich das ersehen kann, nur einen einzigen Beitrag,  in dem die Aufmerksamkeit auf den Umstand gelenkt wurde, dass die Akteure „im Netz“ von der Freitag selbst gemeint sind. Und dies, obwohl die Epitheta in eben diesem Medium „Netz“ ihren Ursprung gefunden haben und weiter verbreitet wurden.

Egal aus welchen Gründen geschwiegen wird, eines Eindrucks kann ich mich nicht erwehren: Dass es sich im Schatten breiter Schultern eines Verlegers nicht nur gut werkeln lässt, sondern sie im Bedarfsfall auch idealer Windfang sind, wenn es einmal stürmt.

Wie Alfred Grosser und Peter Scholl-Latour vor ihm ist Jakob Augstein gegen den Versuch der Denigration und Denunziation im Netzwerk der professionellen Publizistik aufgefangen worden. Das ist weder bündisch und erst recht nicht völkisch. Sondern ist Ausdruck vom demokratischen, vor allem europäisch-republikanischen Selbstverständnis, für das Peter Sloterdijk demnächst den Börne-Preis entgegen nehmen wird:  Die Öffentlichkeit in „intensive Zustände intellektueller Wachheit versetzt“ und mit seiner „ungewöhnlichen Sprachkraft konzentrierte Debatten im politischen Leben der Republik ausgelöst“ zu haben. Dass dafür ein Preis verliehen werden muss, besagt mehr über unsere Zustände aus als die Inhalte, die Sloterdijk, anfechtbar oder nicht, vermittelt.

Die Skepsis, mehr noch: die Enttäuschung Augsteins gegenüber „dem Netz“ ist so besehen also berechtigt: Wo wäre die Selbstverständlichkeit von freitag.de/community zum Prinzip der Debatte, nämlich deren Zulassung? Wie deren Vorgehen, sie  zu garantieren?

Dazu gehörte die auf Selbstverständnis beruhende Erkenntnis, dass „das Netz“ kein idealer Ort ist, sondern man sich wie bei jeder menschlichen Interaktion auch einmal selbst die Hände schmutzig machen muss. Derartige Berührungsängste hat man anderweitig jedenfalls nicht. Ist das trivial? Genau! Und ganz auf der Höhe der Zeit.

Jakob Augstein hat viel und Böses einstecken müssen alleine deswegen, weil er dem Demokratischen wie Republikanischen im Netz eine Form anbietet. An den UserInnen wäre es, unter Beweis zu stellen, dass sich das lohnt, nicht um des Verlegers oder seines Geldbeutels Willen oder weil ein linker Politiker noch Träume hat. Sondern aus eigenem Interesse: In drei Punkten, schnell und einfach. Anlässe gibt es immer, auch zu Preisverleihungen. Oder weil der nächste Kübel geflogen kommt.

Nennen wir es Boulevard. Und wenn wir es schaffen, das jenseits vom Leumund zu tun, vielleicht sogar irgendwie links.e2m

———————————————–

[(*) Exkurs: Der Perspektivwechsel ist nicht neu. Er traf schon Émile Zola, nachdem sein „J’accuse …“ veröffentlicht und am 14. Januar 1898 von George Clemenceau in l’Aurore eine öffentliche Unterstützerliste unter dem Titel „C’est la protestation des intellectuels“ nachgeschoben worden war. Am Abend des 15. meinte der damals einflussreiche Literaturkritiker Ferdinand Brunetière im privaten Salon: „Die Tatsache allein, dass man kürzlich dieses Wort von den Intellektuellen geprägt hat, als eine Art adlige Kaste von Leuten die in Laboren und Bibliotheken leben, alleine diese Tatsache zeigt eine der lächerlichsten Schwächen unserer Epoche an, will sagen die Selbstgefälligkeit, Schriftsteller, Gelehrte, Professoren, Philologen in den Rang von Übermenschen zu erheben.“ Woraus der Journalist und Rechtsnationalist Maurice Barrés einen Zeitungsartikel mit dem Schlagwort vom „öffentlichen Adressverzeichnis“ fabrizierte: „Diese vorgeblichen Intellektuellen sind der schicksalshafte Abfall aller gesellschaftlichen Anstrengungen, eine Elite zu bilden.“

Das ist nicht neu, vergegenwärtigt man sich Heinrich von Treitschke in „Unsere Aussichten“ von 1879, wo außer seinem abscheulichen, berüchtigten Satz auch eine andere Stoßrichtung erkennbar wird. Im „Gefühl der Unsicherheit“ des Volkes sei „die Nation des Gezänks ihrer Parlamente bis zum Ekel überdrüssig“. Neben der „Presse, die noch nie so wenig ein treues Spiegelbild der öffentlichen Meinung gewesen“ sei, machte Treitschke im Kontext auch diese Verantwortlichen aus: Liberale und deren Wunschzettel, Bildungsdünkel, Philanthropen und  Kosmopoliten. Dagegen kennt Treitschke nur eines: „Die unerbittlich strenge Majestät des Rechts in unseren Gesetzen“.

Das ist dann nicht neu, übersetzten wir die Verächtlichmachung von Philanthropie und Kosmopolitismus mit dem gleichen Zungenschlag in Richtung heutiger Verwendung von „Gutmenschen“ und schauten uns an, wo wer wie dies in welchem Zusammenhang auch so dem Publikum zur Degustation offeriert.

Das ist dann nicht neu, wenn ein im November 2011 abgelöster  italienischer Verteidigungsminister den Autor und Journalisten Ernesto Galli della Loggia wegen eines kritischen, ganz und gar nicht verkürzenden  Artikels als „Intellektuellen“ apostrophiert, der schreibt „als ob Fakten nicht existieren würden, aus einer praktisch sterilen Umgebung heraus, einzig in Gesellschaft seiner Lieblingsbücher und seiner höchstpersönlichen Geisteswindungen.“

Worauf in wunderbarer Umkehrung der Mittel all dieser Maulhelden Umberto Eco feststellte, sie tragen „in ihren Genen die Erinnerung an altertümliche Gewohnheiten der Polemik, jeden als (schmutzigen) Intellektuellen zu erachten, der anders denkt (und folglich denkt) als du.“ Eine Einsicht, die im Ergebnis auch ein anderer großer Europäer teilt, Alfred Grosser.

Weil ich nach dieser etwas anderen Reise durch die Geschichte der Epitheta und damit  beim Wort „schmutzig“ angekommen bin, Exkurs Ende]

[(**) Exkurs2: Die Rede ist von der Kernthese von Franco Ruault (in Tödliche Maskeraden: Julius Streicher und die „Lösung der Judenfrage“, 2009, S. 243): Das Geschäfts- wie das Modell praktizierter Ideologie des ab 1923 erscheinenden mörderischen Der Stürmer war das der Beteiligung der damals so bezeichneten Volksgemeinschaft am redaktionellen Inhalt. Die Postille habe, so Ruault, Streicher zitierend, einen Zugang zu den Menschen in der Masse gefunden, „wie es keinem Blatt seiner Art je beschieden war“. Die Unmengen an Zuschriften, Bildern, Dokumenten und selbst verfassten Kommentaren, die redaktionell nur leicht bearbeitet Eingang in die gedruckte Ausgabe fanden, belegten Ruault zufolge, dass das Hetzblatt „nicht ausschließlich als Machwerk Streichers begriffen werden soll, sondern nur durch sein Wirken als ‘Attraktor‘ für die Massen zustande gekommen war.“

Ruault konnte sich dabei auf die Erkenntnisse von Fred Jahn stützen (Hrsg., Lieber Stürmer. Leserbriefe an das NS-Kampfblatt 1924-1945, 1978), die ein damaliger Rezensent des Spiegel (Ausgabe 22/1978, Das ganz gewöhnliche Volksempfinden) folgendermaßen zusammengefasst hat: „Bei Durchsicht bislang unveröffentlichter Dokumente aus dem New Yorker Leo-Baeck-Institut stellte Hahn einen frappierend hohen Grad von Gemeinsamkeit zwischen der ‘Stürmer‘-Redaktion und der Leserschaft fest: die ‘Stürmer‘-Mentalität. Auf bezahlte Korrespondenten konnte die Schmier-Schrift aus diesem Grunde ebenso verzichten wie auf Agentur-Nachrichten. Denn die Leser selbst begriffen sich als ehrenamtliche ‘Stürmer‘-Mitarbeiter und lieferten getreulich antijüdische Greuel-Meldungen und Denunziationen frei Haus ans Wochenblatt“.

Wer noch Zweifel daran hegt, dass die Zurechnung gewollt ist, wird nicht umhin können, die Sätze im Zusammenhang zu lesen: „Mich wundert es schon, dass kaum ein deutscher Journalist die Texte von Jakob Augstein nicht früher angeprangert hat“ (Abraham Cooper, zitiert in stern.de am 31.01.2013); Er [Augstein] will das antisemitisch aufgeladene Massenbewusstsein, das in Israel den Welt-Brandstifter sieht, verstärken“ (Matthias Küntzel, Auffällige Emotionalität, 31.01.2013, der ebenda „Antisemitische Mentalitäten“ anspricht); „Die Redaktion [von der Freitag] legt großen Wert auf die Interaktion mit der Leserschaft, was in der Praxis bedeutet, dass jeder Psychopath das Wort erteilt bekommt“ (Henryk M. Broder, Wie der Herr, so das Gescherr, 19.09.2012).]

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