Forschung auf Pennälerniveau: Carstens-Stiftung

In der 7. Klasse haben wir im Chemieunterricht einmal versucht, wieviel Salz man in Wasser lösen kann und ob es eine Grenze gibt. Die gab es, irgendwann gab es eine gesättigte Lösung und es ließ sich kein Salz mehr auflösen. Das hätten wir auch in einem Lehrbuch nachlesen können, doch das Experiment diente dazu, einige Grundlagen der Chemie zu verdeutlichen.

Heute, ein paar Abschlüsse später, würde ich bei Fragen solch basaler Natur kein Experiment machen, sondern direkt das Lehrbuch aufschlagen, das spart Zeit und Nerven. Der Carstens-Stiftung, deren Aufgabe es ist, pseudomedizinische Verfahren (hausintern: ‚Komplementärmedizin‘) zu fördern und zu erforschen, scheint dieser Weg nicht gangbar. Entweder man misstraut den forschenden KollegInnen der letzten 200 Jahre oder man erwartet bahnbrechende Erkenntnisse, wenn man es selbst macht. Oder beides. Und so begab es sich, dass die WissenschaftsdarstellerInnen der Carstens-Stiftung die Grundlage der Isopathie zu überprüfen gedachten (im Sinne von ‚erforschen und fördern‘ eher „zu belegen“).

Vorhandene Berichte über erfolgreiche Entgiftungen mit hochverdünnten Arzneimitteln nach den Prinzipien der Isopathie haben eine neue, verblindete Studie in der Grundlagenforschung stimuliert.

In der Isopathie geht man davon aus, der eine Krankheit oder ein Symptom auslösende Stoff könne diese Krankheit, dieses Symptom, in potenzierter Form, heilen. Das hört sich an wie das Simile-Prinzip, ist aber ein etwas anderes Konzept. Beim Simile-Prinzip werden die im Rahmen einer Arzneimittelprüfung beim Gesunden hervorgerufenen Symptome erfasst und als Grundlage der Verschreibung eines möglichst ähnlichen Mittels genutzt. Während bei der Isopathie das kausale Agens potenziert gegeben wird, wird beim Simile-Prinzip eines gegeben, welches ähnliche Symptome hervorruft. Ein kleiner, aber feiner Unterschied in der fantastischen Welt der Homöopathie.

Die Isopathie funktioniert ihrer Logik nach auch umgekehrt: Ein wünschenswerter Effekt wird durch das potenzierte, ihn verursachende Agens verhindert. Die Carstens-Stiftung versuchte, den Effekt des Pflanzenwachstumshormons Gibberellinsäure durch potenzierte Gibberellinsäure (D30) zu verhindern. Das (bis zum Nichtvorhandensein) potenzierte Hormon hatte jedoch keinen Effekt. Der Versuch misslang… oder gelang, je nachdem, aus welcher Warte man das betrachtet. Der Bericht über den Versuch schließt:

Die postulierte isopathische Entgiftung konnte also mit diesem Modell nicht bestätigt werden.

Irgendjemand dachte jedoch offenbar, es bedürfe noch einer ‚Einschätzung‘ des Ergebnisses, nämlich:

Die Ergebnisse bestätigen die bekannte, wachstumsfördernde Wirkung mikromolarer Konzentrationen des Pflanzenhormons Gibberellinsäure.

Das ist so wie in der Schule, wenn man herausfinden will, ob sich Salz in endloser Menge in Wasser lösen lässt, einem dann das Salz im Versuch ausgeht und man feststellt:

Die Ergebnisse bestätigen die bekannte, durstfördernde Wirkung molarer NaCl-Lösung

Sechs ! Setzen.

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Ein Gedanke zu “Forschung auf Pennälerniveau: Carstens-Stiftung

  1. Homöopathie ist wie ein Irrgarten: steckt man drin, ist umsichtige Hilfe schwer, und man kann froh sein, wenn man unbeschadet wieder rauskommt, unbeschadet, wenn man im wirklichen Leben einstweilen nichts Wichtiges zu tun versäumt hat. Mancher findet leider lebenslänglich nicht mehr heraus. Wie man hier lesen kann hat die Komplementärmedizin zumindest einen hohen Unterhaltungswert – so lange man nicht ernsthaft krank ist.

    Dr. Peter Pommer

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