Das greise Familienoberhaupt

Posted on 6. September 2013 von

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A nun passes an election poster of Austro-Canadian businessman and billionaire Stronach in the western Austrian city of Innsbruck

Österreich – Frank Stronach setzt auf bedingungslose, nämlich seine Autorität und jetzt auf die Todesstrafe; Betrachtungen zu einem „Team“, das einen ganz besonderen Geist verkörpert

Großfamilie unter einem Dach, das werden sich in Österreich im Laufe der Jahre viele Politiker gesagt haben. Denn Berührungsängste hat man bei unseren Nachbarn eher wenig. Gleich ob mit den jungen Wilden des Lebensmenschen Haider oder mit einem von Anfang an in der Wolle gefärbten Strache: Jeder hat mit jedem schon irgendwie auf irgendeine Weise das Zusammenleben versucht vor allem unter der Devise, gebt der Jugend eine Chance.

Nun also am anderen Ende der Lebensskala ein gewesener Großindustrieller, der heute 81 Jahre alt geworden ist und über den seit ein paar Jahren viel geschrieben und gesendet wird. Denn der mit 22 Jahren als Franz Strohsack aus der Steiermark nach Kanada Ausgewanderte ist im gleichen Maß, wie er seine industriellen Tätigkeiten zurück gefahren hat, vom Heimweh gepackt worden. Und zwar derart, dass er seiner Heimat neben der Beglückung mit Glücksspiel die ganze Summe seiner Lebenserfahrung zukommen lassen will. Unter dem Dach des Hohen Hauses, wie das Parlament in Österreich auch genannt wird. Deswegen tritt er an, als Spitzenkandidat für eine Partei, die außer der Bezeichnung „Team“ vor allem eines trägt: Den Namen Stronach.

Dass es alleine schon schwierig ist, mit dem Mann zu reden, davon durfte sich das österreichische Publikum inzwischen mehrfach überzeugen. Legendär bereits seine Auftritte bei der ZIB2 (bei youTube hier, hier und hier verewigt), der zentralen Journal-Sendung zum tagesaktuellen Geschehen im österreichischen Fernsehen (ORF). Denn obwohl Anchorleute wie Lou Lorenz-Dittlbacher oder Armin Wolf sonst nicht auf den Mund gefallen sind, gegen die stur monologisierende Flut stronach’scher Phrasen hätten sie nur noch die Alternative gehabt, die Interviews abzubrechen. Und wären damit in die von Stronach aufgestellte Bärenfalle getappt, der ORF  sei  ein “Part des Systems, wo verhindert wird, dass die Menschen die Wahrheit erfahren.“

Sture Phrasen, Ideologien fern von Ort und Zeit

Wie sich also mit einem Mann inhaltlich auseinandersetzen, der nie einen Zweifel daran gelassen hat, dass er Österreich in die Zeit seiner Kindheit zurück führen möchte? Denn Klärungsbedarf besteht nicht erst, seitdem der „Magna“t die Neutralität Österreichs abschaffen will oder er keinen Zweifel daran lässt, zum Schilling zurückkehren zu wollen. Stronach also erkennbar einen streng nationalistischen Kurs fährt, als ob es Europa nie gegeben hätte. Sondern besonderen Anlass bietet seine unverblümte Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe.

Hier von einem Tabubruch zu sprechen wäre geschmeichelt. Denn Österreich benötigte seit Wiedereinführung der standrechtlichen Todesstrafe am 10.11.1933 unter Engelbert Dollfuß und deren systematische Ausweitung 35 Jahre, bis Justizminister Christian Broda (SPÖ) am 7.2.1968 die Worte sprechen konnte: „Wenn durch die heutigen Gesetzesbeschlüsse jede Möglichkeit der zukünftigen Verhängung der Todesstrafe verfassungsgesetzlich ausgeschlossen wird …, wenn das überflüssig gewordene Wort „Todesstrafe“ aus unserer Verfassung und Rechtsordnung entfernt wird, ist das wohl ein Augenblick für innere Einkehr.“ Seither lautet Art. 85 der österreichischen Verfassung schlicht: „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“ Nicht, dass das in Deutschland recht viel schöner wäre: In Bayern dauerte es bis zum 20. 2.1998, dass Art. 47 der Freistaat-Verfassung nicht mehr den Satz enthielt, der „Vollzug der Todesstrafe bedarf der Bestätigung der Staatsregierung“.

Einen Moment der inneren Einkehr hätte Stronach haben können, als ihm seine eigenen Worte um die Ohren geflogen sind. Denn nicht nur hat die Aussage, getroffen im Wahlformat des ORF „Die Wahlfahrt“ und samt Transskript verbreitet, für allgemeine Empörung gesorgt. Sondern sogar für ausdrückliche Distanzierungen aus seinem „Team“. Die Landesparteichefs in Niederösterreich, Kärnten und Salzburg wiesen umgehend die Forderung ihres Nestors zurück.

Im Gegenteil setzte Stronach in einer weiteren Aussendung nach, indem er über „Auftragsmorde“ hinaus bei „Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Gefährdung des Rechtsstaates und seiner Institutionen durch verbrecherische Organisationen“ eine Rechtfertigung für die Tötung von Menschen sieht. Dafür wird, so nun die Sprachregelung der Partei, die am 29. September in das Wiener Bundesparlament einziehen will, dieses als „persönliche Meinung“ bewertet, die das „Team nicht in das Parteiprogramm“ aufnehmen wird. Im Gegenzug wurde ein anderer Schuldiger gefunden: „ORF greift manipulativ in den Wahlkampf ein“ lautet der einschlägige gestrige Tweet.

Das Geschäftsmodell Stronach bröckelt schon nach wenigen Monaten

Dass die gesamte Mannschaft beratungsresistent ist, zeigt sich allerdings an einer besonders prominenten Personalie. Die ehemalige ORF-Chefin Monika Lindner, die am 12.8. ihre Kandidatur auf einem Spitzenplatz der Partei bekannt gegeben hatte, zog sich bereits nach 3 Tagen wieder zurück. „Stronach-Team“-Klubobmann Robert Lugar hatte laut verkündet, sie sei u.a. die „Speerspitze gegen das System ORF“. Eine solche Aussage decke sich nicht mit ihren Intentionen, meinte Lindner in einem ungewöhnlich knappen Kommuniqué.

Auch in der Praxis hat sich das Modell „Stronach“ nicht bewährt. Nach nur wenigen Monaten in der Verantwortung zeigt die Landespartei in Salzburg, wo sie seit Mai mitregiert, schwerste Erosionserscheinungen, wie die Salzburger Nachrichten berichten. Darin ist die Rede von „Angst vor Repressalien“, die daran hinderten, zum Personalkarussell Stellung zu nehmen, das in wenigen Monaten die gesamte Parteispitze und die Administration erfasst hat. Tatsächlich gebe es noch kaum demokratische Strukturen in der Partei, wird Parteichef Hans Mayr von der Zeitung zitiert.

Mit der Glaubwürdigkeit der eigenen Kandidaten hat die Partei, die in ihren Anfängen ohnehin als Resterampe nicht mehr so ganz aussichtsreicher Politiker wahrgenommen wurde, offenkundig keine Probleme. Wenn sie sich heute mit Spitzenkandidaten schmückt, deren Sachverstand als Anwalt oder Primar hervorgehoben wird, dann stehen die Personen nunmehr dezidiert unter dem Vorbehalt, was ihr Vordenker als staatstragend ansieht.

Oder seine „rechte und linke Hand“ wie die Nummer 2 der Liste, Kathrin Nachbaur in österreichischen Medien genannt wird. Schon vor Zeiten beschrieb die Tageszeitung die Presse „die Frau, der Frank Stronach vertraut“ als jemanden, der die Kunst beherrsche, „den alten Herren bei seiner Entscheidungsfindung diskret zu lenken.“ In vielfacher Weise mit dem Imperium Stronachs verbandelt  war sie es auch, die auf der Rückbank des Mercedes beim Interview der „Wahlfahrt“ saß und nun zur Denkaufgabe nötigt: Ob das alles mit dem alten Herrn abgesprochen war –immerhin: auch schlechte Publicity bleibt eine solche. Oder er nur kurzfristig ihrer Kontrolle entwischt ist.

Die rechte und die linke Hand, des Patriarchen

Auf den ersten beiden Plätzen der Stronach-Liste zu den Parlamentswahlen finden sich also zwei Generationen zusammen. Das Bild der jungen Frau, die dem Großvater zur Seite steht, ändert sich. Denn diese geistige Familie ist weit mehr, als jenes Law & Order, dem sich ohnehin Parteien wie FPÖ und BZÖ oder der rechte Flügel der ÖVP ergeben haben. Sie stehen vielmehr für die Vollendung eines menschenfeindlichen Bildes, das unter Bemäntelung dessen, was staatsfeindlich sei, ohne weiteres bereit ist, menschliches Leben zu nehmen. Die Message hat die Zwischengeneration glatt übersprungen.

Im Hohen Haus zu Wien werden sich ab Oktober wieder die Szenen abspielen: Wer sich mit wem verbandelt, vielleicht sogar warum und im Zeichen einer Zukunft. Generationenfragen, kein Zweifel, die sich unter einem Dach abspielen werden. Vielleicht sogar mit einer Träne im Knopfloch, das der verloren geglaubte Sohn im 82sten Lebensjahr endlich heimgegangen ist. Seine Angehörigen dürfen sich jedenfalls heute schon erhöhter Aufmerksamkeit erfreuen. e2m