Verschwörung statt Recherche

Vielleicht erinnert sich der/die eine oder andere noch daran; der Freitag hatte mal eine Wissenschaftsredakteurin. Der Vorteil einer Wissenschaftsredakteurin ist, dass sie eine Idee davon hat, wie Wissenschaft funktioniert. Eine Idee davon kann (!) natürlich auch eine Politikredakteur haben, mehr versteht er aber wahrscheinlich (und hoffentlich) von Politik.

Solange beide Bereiche getrennt betrachtet werden, wenn sie getrennt betrachtet werden müssen, ist das Fehlen einer Wissenschaftsredakteurin kein Problem. Wenn aber der Politikredakteur das Zurückziehen einer Studie allein aus der politischen Warte betrachtet, ohne, wie es sich liest, auch nur einmal den wissenschaftlichen Teil der Nachricht beleuchtet zu haben, kommen ein paar sehr peinliche Zeilen mit einem dummen Schluss dabei heraus.

Artikelfoto

So wie in der aktuellen Ausgabe. Da wird über die „fragwürdige“ Entscheidung geschrieben, die „Gentechnik kritische“ Studie von Herrn Seralini zurückzuziehen (auch wenn der Namen in der Meldung nicht genannt wird). Fragwürdig ist dabei nicht die Entscheidung, die Studie zurückzuziehen, fragwürdig war die Entscheidung, sie überhaupt erst anzunehmen. Das herauszufinden braucht es keinen großen Rechercheur, sondern nur einen Blick in die Blogosphäre.

Im September 2012 wurde die Studie zur „Unstatistik des Monats“ gekürt und das Discovery-Magazin berichtete über die Probleme mit der Studie. Kurz gesagt: Das Design der Studie macht ein aussagekräftiges Ergebnis unmöglich. Teile der Ergebnisse widersprechen der gemachten Aussage. Die Aussage war, das gentechnisch veränderter Mais bei Ratten Krebs auslöst. Dabei hatte die Gruppe von Ratten, die die höchste Dosis an genmanipuliertem Mais bekam am wenigsten Krebs. Das wäre natürlich ein tolles Ergebnis, dann würden „Gen-Mais“ vor Krebs schützen. Das Design der Studie lässt aber wie gesagt, keine Aussage zu.

Problematisch am Rückzug ist, dass Seralini keine bewusste Täuschung nachgewiesen wurde. Es wurden nur u.a. die weiter oben beschriebenen Mängel gefunden und die Aussage getroffen, die Studie hätte gar nicht erst veröffentlicht werden dürfen. Es gibt andere Studien, auf die Ähnliches zutrifft, die nicht zurückgezogen wurden. Was es bedeutet, dass im wissenschaftlichen Kanon Zombie-Paper ihr Unwesen treiben, kann ja erst mal jedeR selbst entscheiden.

Glücklicherweise arbeitet seit einigen Monaten ein Herr für die Zeitschrift in der das Paper veröffentlicht wurde, der bis zum Jahr 2004 auch für Monsanto gearbeitet hat. Monsanto! MONSANTO!

Offenbar ist damit die Diskussion für viele vorbei. Wer einmal für den Satan der dämonischen Firmen gearbeitet hat, kann nicht nur kein objektives Urteil mehr fällen, er muss auch alles dafür tun, seinem dunklen Herren weiter zu dienen. Also ist für alle Aluhut-TrägerInnen klar: Monsanto hat das Paper zurückgezogen. MONSANTO!

Dabei stellt sich scheinbar niemand die Frage, ob das Unternehmen tatsächlich so „offensichtlich“ hätte vorgehen müssen, wäre es sein Wunsch gewesen das Paper zurückzuziehen? Es gibt sicher deutlich diskretere Wege, Einfluss auf die Veröffentlichungspolitik eines Journals zu nehmen. Für die Behauptung, Monsanto habe seine Finger im Spiel benötigt man die Anwesenheit eines ehemaligen Mitarbeiter gar nicht. Aber sie passt so hübsch ins Bild.

Dabei hat Monsanto wahrscheinlich keinen Vorteil davon, dass das Paper zurückgezogen wurde. Zwei Hauptgründe sprechen dafür:

  1. Das Paper bekommt nun noch einmal viel Aufmerksamkeit und wer GMO für Teufelszeug hält, wird sich noch einmal bestätigt sehen. MONSANTO!
  2. Ob ein Paper zurückgezogen wurde oder nicht, interessiert Teilnehmer stark ideologisch geprägter politischer Debatten in der Regel ohnehin nicht. Impfgegner zerren bis heute eine komplett gefälschte Studie von Andrew Wakefield hervor und nutzen sie als Argument.

Als Leser des Freitag würde mich viel mehr interessieren, ob und wie wirtschaftliche Interessen Einfluss auf die Veröffentlichung von Studien nehmen. Mich würde interessieren, ob der Peer-Review-Prozess noch zeitgemäß ist und welche Diskussionen innerhalb der Wissenschafts-Gemeinschaft dazu stattfinden. Mich würde interessieren, ob Open-Access eine Lösung einiger der Probleme bietet und welche neuen Probleme damit einhergehen. Mich würde interessieren, wie ganz einfache menschliche Schwächen und Stärken Einfluss auf Veröffentlichungen nehmen und ob deren Einfluss größer oder kleiner ist, als der wirtschaftliche Druck.

Was mich als Leser nicht interessiert, sind verschwörungstheoretischer Blödsinn und wissenschaftlicher Analphabetismus.

Weiterlesen:
Hickhack um Rückzug von Genmais-Studie

Séralini-Studie zurückgezogen, natürlich eine Verschwörung

Die Kolumne von Frau Zinkant beim ND (Danke für den Hinweis an @metoeken

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2 Gedanken zu “Verschwörung statt Recherche

  1. Lieber merdeister,

    für diese Aufklärung bin ich dankbar, als jemand, der sich mit dieser Materie nicht befasst, war ich geneigt, dieser Meldung Glauben zu schenken.
    Dass wirtschaftliche Interessen vor allem in der Medizin Einfluss auf die Veröffentlichung von Studien nehmen ist ja unter dem Schlagwort “publication bias” bereits breiteren Kreisen bekannt, führt aber leider kaum zu einer kritischeren Prüfung neuerer, teuerer Medikamente, mit denen nur sehr begrenzte Erfahrungen bestehen.
    Mindestens ebenso problematisch und wenig beachtet ist aber das Problem des “reporting bias” (http://www.bmj.com/content/342/bmj.c7153), kurz: man kann auch negative Ergebnisse schönreden, das ist bei Medikamentenstudien die gängige Praxis. Dies ist aber keine Verschwörungstheorie, sondern seit Menschen Handel treiben, nimmt man es beim Verkauf oft mit der Wahrheit nicht so genau.

    Peer review hat sich als ein sehr für menschliche Schwächen und Eitelkeiten anfälliges Verfahren erwiesen, dessen Sinn ich persönlich nur darin sehen, Mängel und Schwächen aus einem anderen Blickwinkel zu erkennen. Über die Veröffentlichung muss letztlich ein integrer Chefredakteur entscheiden. Leider sind auch diese nur Menschen und als solche den üblichen Verlockungen durch Bestechung nicht grundsätzlich unzugänglich.
    Bei Fachzeitschriften, die sich durch hohen Aufwand und geringe Auflagen in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befinden, spielen auch andere unternehmerische Gesichtspunkte eine Rolle. In der Medizin bestellen beispielsweise Pharmafirmen als Gegenleistung für die Veröffentlichung einer (manchmal auch fragwürdigen) Medikamentenstudie tausende von Sonderdrucken zu beachtlichen Stückpreisen. Verständlich, dass eine wissenschaftliches Journal solche Studien nicht gerne zurückweisen mag.

    Von der Krebsgefahr einmal abgesehen ist die Verarmung an Saatgut-Sorten durch Konzerne wie Monsanto vielleicht das viel größere Problem. Die neuen Sorten sind resistent gegen Umwelteinflüsse aller Art, oft in beängstigendem Ausmass. Gemüse aus dem Supermarkt z. B. hält unglaublich lange, schmeckt aber höflich gesagt neutral.
    Was man von den Vorwürfen halten soll, dass Monsanto kleinere Hersteller von Saatgut mit fragwürdigen Methoden vom Markt verdrängt bzw. in den Ruin treibt, kann ich persönlich nicht beurteilen, mir fehlt die Zeit für eine Recherche auf diesem Gebiet.
    Vielleicht kann aber einer der Kommentatoren zu diesem Thema etwas fundiertes beitragen?
    Grundsätzlich aber halte ich monopolistische Tendenzen für gefährlich, ob sie nun Monsanto oder Helios/Rhön, Sana oder Asklepios heissen mögen.

    Dr. Peter Pommer

    1. Lieber Peter,

      danke für die Ergänzungen.

      Das in „der Wissenschaft“ einige im Argen liegt ist keine Frage. Aber schon die von Dir verlinkten Quellen zeigen, dass die Probleme nicht ignoriert, sondern diskutiert werden. Leider handelt es sich um ein komplexes Problem und dafür gibt es keine einfach Lösung.

      Verlust genetische Vielfalt stellte wahrscheinlich langfristig ein Problem dar, wenn so etwas passiert. Die Frage ist, ob z.B. Getreidesorten wirklich verschwinden oder einfach in Nischen überleben und nicht mehr im Supermarkt landen. Im zweiten Fall könnte man sie schnell reaktivieren. Die mangelnde Vielfalt würde auch erst zu einem Problem, wenn zum Beispiel ein neuer Krankheitserreger eine Sorte Getreide bedroht. Mit diesem Problem haben Bananenbauern ja gerade zu kämpfen. Aber all das sagt nichts (!) über den Nutzen oder den Schaden von genetisch modifizierten Pflanzen aus.

      Gleiches gilt für den Umgang mit Patenten. Wenn Unternehmen Monopolstellungen inne haben und diese zum Schaden anderer ausnutzen, ist das ein politisches Problem, kein wissenschaftliches. Leider wird beides in der Diskussion um GMO häufig vermischt.

      Bei aller Kritik an Monsanto, kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Unternehmen schlechter oder besser handelt als andere. Aber es hat sich als Projektionsfläche bewährt ;)

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