Labyrinthe

Wer ohne ‚Navi‘ lebt braucht gute Karten

Eine Frau mittleren Alters blickt entrückt in die Kamera und mischt mit ihren beringten Fingern einen Stapel Karten…
*Chapchapchapchapchap*
„Wir sind in der Blitzrunde, ruft schnell an! Wer ist in der Leitung?“

Wem der Gedanke einleuchtet, die Konstellationen von vor Jahrhunderten willkürlich in eine relative Position zur Sonne gesetzten, Lichtjahre entfernten gigantischen heißen Gaskugeln während unserer Geburt, hätten Einfluss auf unser Leben, der kann sich vielleicht auch an der Vorhersagekraft bedruckter Zellulose erfreuen. Offensichtlich machen das genug Menschen, um mit dieser Art des Esotainments einen Fernsehsender betreiben zu können.

*Chapchapchapchapchap*
„Stellt den Karten Eure Fragen!“

Nachweislich im Jahr 1781 mit esoterischer und spiritueller Bedeutung aufgeladene, jedoch seit deutlich längerer Zeit in Benutzung befindliche Spielkarten dienten als Grundlage für das Tarot. Wie in esoterischen Kreisen üblich, findet jeder seine eigene Wahrheit, daher gibt es so viele verschiedene Kartendecks wie Engel und andere Wesen mit denen man channeln kann.

*Chapchapchapchapchap*
„Hallo?“
„Ja Hallo, wer ist denn da?“

Die Anzahl von 78 Karten ist kein Zufall. 78 ist die Summe der Zahlen von 1-12 und zwölf steht für Vollständigkeit: Zwölf Monate, zwölf Sternzeichen, zwölf Apostel, das dreckige Dutzend, „auf die Zwölf!“. Natürlich kann es kein Zufall sein, dass die Bedeutung des Tarots im Jahr 1781 ‚entdeckt‘ wurde. Spezialisten der esoterischen Geistesgeschichte haben schon früh erkannt, dass die Entdeckung des Tarots für die Esoterik ähnlich bedeutend war, wie die Kritik der reinen Vernunft Kants für die Philosophie (ebenfalls 1781, kann das Zufall sein?).

Do what thou wilt shall be whole of the law

Eines der bekanntesten Kartensets hat Aleister Crowly designt und hübsch ägyptisiert. Passend zur Legende, weise Herren eines ägyptischen Großreichs hätten vor mehreren 1000 Jahren (darunter machen es Esoteriker nicht) alles wichtige Wissen der damaligen Zeit auf 78 Karten verteilt, um es vor dem Vergessen zu bewahren. Das Reich, so die Legende, war vom Untergang bedroht. Wie das so ist mit den großen spirituellen Reichen: immer überlegen, immer dem Untergang geweiht, aber jederzeit bereit wieder aufzuerstehen. Und das gesammelte Wissen passt auf 78 Spielkarten. Die Tantiemen für dieses ägyptisierte Deck an Karten finanzieren bis heute einen Ableger des von Crowley gegründeten Ordo Templi Orientis (OTO). Wer also Menschen unterstützen möchte, die (u.a.) kostümiert in dunklen Räumen onanieren, halte hiernach Ausschau.

Chapchapchapchapchap
„Der Peter. Bin ich auf Sendung?“
„Ja, Du bist in der Blitzrunde…was ist Deine Frage?“

Als Spezialisten für eines der dutzenden Kartensets, deren Vorhersagekraft Vertreter der einzelnen Schulen wohl als „phänomenal“ beschreiben würden, bevölkern sie Esoterikmessen, gut beheizte Wohnzimmer im ganzen Bundesgebiet und dem Rest der Welt. Die Karten extrahieren nicht nur Informationen aus der Vergangenheit und der Zukunft, sondern auch aus dem Seelenleben der fragenden Person. Das ist schon faszinierend für eine bedrucktes Stück Baumleiche. Vielleicht gibt es noch genug Lebenskraft in den Karten um morphogenetische Felder anzuzapfen? Herr Sheldrake sollte sich dem einmal annehmen.

*Chapchapchapchapchap*
„Ach ich bin durchgekommen?“
„Ja! Deine Frage! Welcher Bereich interessiert Dich?“

Die harmlose Art der Kartenlegerei ist vermutlich eine Art organisiertes Selbstgespräch. Eine Bestandsaufnahme und ein Blick in „die Zukunft“. Wobei die Karten dafür sorgen, dass die Lebensbereiche einzeln abgearbeitet werden und helfen, Gedanken zu strukturieren. Gerade in Situation in den man von Gedanken überflutet wird, könnten die kleinen bunten Bildchen nutzen. Aber die Profis der Schamanengilde versprechen mehr: höheres Wissen. Und wie so oft im esoterischen Bereich nimmt das ganze totalitäre Züge an.

*Chapchapchapchapchap*
„…Geld und Karriere!“
*Flap!*
„Also ich habe hier den Turm, Du hast wirklich gute Aussichten…“

Die vom Tarot versprochene Kontrolle erstreckt sich nicht nur auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart der fragenden Person, sondern auch auf Menschen an denen diese interessiert ist. Die Karten helfen, herauszufinden, was eine andere Person, denkt, fühlt, was sie motiviert und wie sie sich verhalten wird. Der feuchte Traum von Diktatoren. Damit bietet das Tarot Menschen etwas an, was in der Vergangenheit nur Göttern zur Verfügung stand: Allwissenheit. Allwissenheit gibt die Kontrolle über das eigene Leben (zurück?), Allwissenheit beruhigt die vom Unbill des Alltags aufgewühlte Seele. Tarot als spirituelles Neuroleptikum.

*Flap!*
„…und die Hecke, Du steckst also Dein Feld ab…“

Das Gefühl von Kontrolle ist beruhigend. Die Tragik beim Tarot liegt, wie bei vielen anderen esoterischen „Methoden“ in der Illusion, das Problem in der Abgrenzung. Wer der Ansicht ist, die Kontrolle zu haben, bereits alles zu wissen, der muss seine Entscheidungen nicht mehr hinterfragen, sie sind ja bereits getroffen, vorherbestimmt. Die Karten haben es gezeigt. Mit Glück hat der Plastikschamane die Signale seiner Kunden richtig gedeutet und geweissagt, was sie ohnehin gemachten hätten. Mit Pech verlieren sie ein Stück Autonomie an das Stück Pappe und die Figur die es hält.

*Flap!*
„…in der Mitte das Schaf, Deine Kunden kaufen Dir alles ab…oder Dein Geschäftspartner ist ein maskierter Wolf…“

Auf kritische Nachfragen wäre die Antwort wahrscheinlich, nicht die Karten seien das Geheimnis, sondern die Fähigkeiten der gereinigten, offenen und sehenden Seele, deren grobstoffliche Hülle jene in Händen hält. Die Frage, was Tarotkarten von Glaskugeln, Hühnerknochen, Teeblättern und den Sternen unterscheidet und ob die Vorhersagekraft zwischen diesen Methoden variiert, wird von den den „Gelehrten“ nicht gestellt.

*Flap!*
„…und der Sack, da kommt also eine größer Menge Geld auf Dich zu….“
„Ach ja danke…“
„Ja bitte, Tschüss und ALLES LIEBE!!!“

Dabei wäre eine Antwort so einfach. Während das, was in einer Sitzung so aus dem Sprachzentrum hervorqillt das Resultat von Cold Reading und die Treffer durch den Barnum-Effekt zu erklären sind, ergeben Anbieter und Kunde sich ihrer Folie à deux.

*Chapchapchapchapchap*
„Wer ist in der Leitung…?“

Weiterlesen?
Another psychic scammer arrested in Florida: Here’s a bit of advice…

Crystal Marks pleads guilty to the standard psychic scam.

Weiterhören?
Ross and Carry meet Mark:
Ross und Carry treffen Mark Edward. Mark hat über Jahre als „Psychic“ gearbeitet und unter anderem Menschen „die Karten gelegt“. Ein faszinierender Einblick in eine Parallelwelt.

[Bildquelle]

Im Auftrag von KSH

Ein Gedanke zu “Wer ohne ‚Navi‘ lebt braucht gute Karten

  1. Lieber Merdeister,

    Sie haben sehr amüsant geschrieben, der Artikel hat hohen Unterhaltungswert – wenn man selbst in der Lage ist, sich Leute vom Leibe halten kann, die an so was glauben, wenn nicht, kann das Ganze unlustig bis tragisch werden.

    Ich komme aus Bayern, wo man an Marienwunder glaubt, auch an andere Wunder eines polytheistischen Weltbildes mit den vielen Abteilungsheiligen, die ebenfalls Wunder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen wirken, z. B. den Antonius, wenn man was verloren hat, wenn´s die Unschuld ist vielleicht auch die Maria Magdalena, in schweren Fällen wieder die Maria höchstselbst.
    Man betet rhythmische, sinnfreie Mantras (Rosenkränze) im Kollektiv, man kasteit sich selbst durch Barfuß-Wallfahrten (nur z. B. Sportler a. D., die es vielleicht nötig hätten und auch berufsbedingt gut zu Fuss sein sollten, sehen das leider nicht ein).
    Man betet Holzsplitter, Schweißtuchfetzen, Tränen in Gläschen an, manchmal mit Blut vermischt, Auserwählte bekommen Wundmale an Händen und Füßen, und wer die Existenz des Himmels ebenso wie des Teufels in Zweifel zieht, hat in Bayern schlechte Karten.

    Womit wir wieder beim Thema wären. Und wenn einer noch so viel Peilung hat – mit schlechten Karten kommt er – zumindest in Bayern – nicht weit.
    Wer also wird sich noch über Lappalien wie z. B. diese “Hochschule” in Traunstein wundern…

    Dr. Peter Pommer

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