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Zeit für … eine Ausfahrt

Elektromobilität – Die Stadt der Zukunft, ein gefährlicher Ort der Stille

Bei richtigen Kerlen gibt es etwas, womit man sich im Frühling zum Vollhorst macht: Statt der großen Maschine -mindestens Chapter-fähig, im Idealfall für Mugello geeignet- den Roller aus der Remise zu holen. Kleine Räder, kurzer Auspuff, den Rest kann man sich denken.
Vor allem den Lärm. Was nicht schon von weitem brabbelt, heult oder faucht, ist der Rede nicht wert. Der Doppler-Effekt will schließlich jedes Mal aufs Neue demonstriert werden, auch wenn der so angesprochene Kentaur unterm Helm hervor presst: „Jou, dangge. Korn.“

Lärm im Verkehr als Spaßfaktor ist natürlich Geschmackssache. Man frage nach bei frisch Verliebten, deren Wohnungsnachbarn und bei allen zusammen noch einmal nach 10 Jahren Miete an einer Hauptverkehrsstraße. Kilometerlange Schallschutzwälle und –wände oder die en gros verbauten Isolierfenster sind stumme wie weithin sichtbare Zeugen des Unvermeidlichen: Irgendwann reicht’s.

Dass das jetzt und hier sein soll, dämmert freilich nur allmählich und das widerwillig. Denn obwohl in und um den verkehrstechnischen Härtefall Rom von der Tageszeitung Il Fatto Quotidiano ein Renault ZOE oder von der Süddeutschen Zeitung zu München der E-Golf klaglos in Einsatz gebracht wurden: Die unzweifelhafte Alltagstauglichkeit von rein elektrisch angetriebenen PKW bis zu 190 km/Ladung wird mit beständigem Stirnrunzeln begleitet.

Da sind nicht nur die noch generell hohen Anschaffungskosten oder zusätzlich die monatliche Miete der Batterie bei Renault. Oder noch genereller, dass Lenker nun zu veritablen Disponenten der eigenen Fahrbereitschaft werden, was mit gesteigerter zerebraler Tätigkeit einhergehen müsste. Sondern es ist vor allem das Ende vom Anfang.

Als das Automobil per Verbrennungsmotor ab Juli 1886 rollen und husten lernte, war ein ganz neuer Ton in der Welt, der sich nicht mehr abstellen ließ. Das Knattern, das Pferde scheu machte, war der Takt aus einer Neuen Welt, dann die Symphonie der Fließbänder und endet 130 Jahre später als Sound-Tuning. Wem heute das Understatement eines Audi-Kombi mit V-8 Zylindern und 305 km/h Spitze nicht reicht, drückt einen Krachmacherknopf. Und schon röhrt das Ding lauter als ein Hirsch in der Brunft – ideal für den Papi (warum sonst ein Kombi!?) in der Mid-Life-Crisis.

Nicht erst seit dem ist das Leise, die Stille ein Privileg einiger Weniger, dafür aber besonders auffällig. Nämlich neben dem der Verschwiegenheit von Chateaus zweifellos eines in ebenso isolierten Karossen, mit denen man nicht fährt, sondern es sich souverän dahin gleiten lässt.

Geradezu legendär das Selbstverständnis von Rolls-Royce aus den 1960ern, dass bei 100 km/h das lauteste Geräusch an Bord die elektrische Uhr war. Mit der Digitalisierung wurde sogar dieses Problem gelöst. Es waren Orte wie Zermatt, Wengen oder Saas-Fee in der sonst vielgescholtenen Schweiz, die die Familienfreundlichkeit per Verbannung des Ottomotors als Werbemittel entdeckt haben. An Exklusivität kaum zu überbieten, versteht sich.

„Geräuschlosigkeit eine Gefahr“ statt „Lärm macht krank“

Aber wollen wir das wirklich: Die Ruhe von Grün und Bergen, die nun mit jedermanns fahrbaren Untersatz in den Städten selbst Einzug hält? Denn aus der Not des permanenten Lärmterrors haben wir eine Tugend gemacht und kurzerhand aus dem PKW ein Lebewesen mit Existenzberechtigung, weil es säuft, raucht und gelegentlich bumst.

Für die Kleinsten schon ihr Bukephalos im Maßstab 1:40, sind es für die Jugend die ersten eigenen vier Wände zum Beweis, dass auch im kleinsten Fiat 500 Raum für ein glücklich liebend Paar ist. Und natürlich die Domina, wenn mit dem Tester von der SZ ein Mann in besten Jahren einen Jaguar besteigt. Oder eine Versuchung, auf die sich eine Holde vom SPIEGEL mit einem muskelbepackten 5-er BMW zur Probe einlässt. Soviel Fetisch hätte sich nicht einmal Karl Marx träumen lassen, höchstens noch Freud bei einer Erweiterung zum Thema Auto-Erotik.

Tatsächlich kommt die UN-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE) zu dem Ergebnis, dass derart konditioniert die Menschheit ohne den dazugehörigen Krach gar nicht leben kann. E-Mobile müssten mit künstlichen Geräuschen ausgestattet werden, fordern die Policy-Maker mit Sitz in Genf, weil sie sonst überhört würden und deswegen zur Gefahr.

Dabei droht Ungemach von ganz anderer Seite. Denn was wäre der vom Lärm nicht mehr allseitig beschäftigte und betäubte Gedanke, wenn er sich mitten im stummen Stau entfaltete: „Was zum Teufel mache ich in dieser Sardinenbüchse!“ Ohne den letzten Rest TÜV-genehmigten laustarken Protests per Gaspedal etwas, was sogar die Lebensplanung umfassen könnte. Und sich unsere urbanen Zentren, der omnipräsenten Geräuschkulisse beraubt, als von allem entleert erwiesen, was von Geschäftigkeit erfüllt schien. Die automobile Stadt, ein potemkinsches Dorf.

Vorstellen mag und kann sich das wirklich kaum jemand. Denn wer wollte nach 130 Jahren Sozialisierung per Motorseele und Hinterlassenschaften aus deren Mastdarm gleich das Rad neu erfinden. Noch geht’s ja, mal schnell anne Tanke. Und dann zur Bikerkneipe, zum GTI-Treff, zum Youngtimer-Gipfel. Der Rettungsdienst freut sich schon auf Kundschaft. e²m

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