Arbeitsurlaub – in guten Händen

Entspannt sitze ich im ICE auf dem Weg in einen kleinen Ort mitten in Bayern. Vor mir ist eine Mutter genervt vom Bewegungsdrang ihres etwa dreijährigen Kindes. Sie wird etwas grob. Ich breche mein Credo

verurteile nie andere Eltern, wenn sie anders reagieren, als Du es tun würdest, dann musst Du Dich nicht verurteilen, wenn Du anderes reagierst, als Du willst

wie so oft schon davor. Ich kann es mir noch so oft vornehmen und doch tue ich es immer wieder.
Das vermeidlich tröstliche an meinem Credofrevel ist die mir bewusste Tatsache: ich werde auch verurteilt.

Von der Mutter, die ihrer Tochter auf dem Spielplatz verbietet, den Sand aus dem Sandkasten zu tragen, weil da sonst bald keiner mehr drin ist und mich dann erwartungsvoll ansieht, wenn meine Kröte das gleiche tut. Ich schweige und gucke nur zu. Ich faule Mutti.

Vom Kitavater, der mich für zu lax hält, weil ich immer erst erkläre und der Kröte ohnehin zu viel durchgehen lasse. Aber das ist ein ganz eigenes Kapitel der Elternschaft.
Ich denke jedenfalls: Man! Dann steh halt auf und lauf mit dem Kind durch den Zug. Wofür reist Du denn mit ihm?!
Ich habe aber auch leicht reden. Die Kröte macht mit Papa ein paar Männertage zu Hause, während ich arbeite. Drei Tage weg von zu Hause. Arbeiten. Ausschlafen. In Ruhe Frühstücken. Kein Mama! Bomm! Wohzazimmer! Noch bevor der erste Kaffee leer ist. Morgens eine halbe Stunde im Bad. Nur für mich! Nichts aufräumen. Niemanden wegbringen. Nicht kochen. Keine Organisationsgespräche am Morgen. Kein Resümee am Abend.
Ein richtiger Arbeitsurlaub.
Und dann (wie sooft im Leben) erlebe ich ein Klischee: Wie alt ist denn Dein Kind?…uiii…und wie ist das für Dich es allein zu lassen?

?!

Mein Kind ist nicht alleine! Es ist zu Hause, mit seinem Vater. Der ist ja schließlich nicht irgendwer.
Mein Kollege hat auch ein zweijähriges Kind. Er wird nicht nach dessen Verbleib oder seinen Gefühlen gefragt. Implizit wird ja an mein Gewissen appelliert. Er braucht keins haben. Sein Kind ist ja schließlich (offensichtlich) bei der Mutter. In guten Händen.
Auch bekommt er ein anerkennendes Nicken wenn er erzählt, dass er ein halbes Jahr in Elternzeit war.
Ähnlich wie nach meinem letzten Arbeitsurlaub. Ich kam Sonntag nachmittags nach Hause und traf mich mit meiner Familie und einem Freund meines Partners im Kleingarten. Dieser fragte dann ungläubig: und Du warst jetzt das ganze Wochenende allein mit dem Kleinen? Wow….mega anstrengend, oder?
Sein Glück, dass die Kröte dabei war und ich nur sagte: die Kröte ist nicht anstrengend. Innerlich habe ich gebrodelt.

Naja. Alles in allem waren es drei arbeitsreiche Tage mit herrlich entspannten Momenten. Traurig war ich dann, als ich in Ingolstadt meinen Anschluss verpasste, weil das bedeutete, dass ich nicht zum Abendbrot zu Hause sein könnte und die Kröte schon schlafen würde, wenn ich nach Hause käme.
Umsomehr freute ich mich, als sie aufwachte und nach Wasser verlangte. Ich bin rein, fragte: Hast Du Durst?
Mama! Wieda DAAAAA!!! Ja, Dasser hamen! Mama Bett
!
Also legte ich ich auf die Matratze neben dem Kröten Bett und kuschelte die Kröte in den Schlaf.
Übrigens: Wenn man in Bayern eine Weißweinschorle bestellt, bekommt man nicht, wie erwartet ein Gläschen. Nein. Es wird ein halber Liter serviert. Vermutlich habe deshalb so tief geschlafen.

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Ein Gedanke zu “Arbeitsurlaub – in guten Händen

  1. Viele scheinen der Meinung zu sein, Väter schaffen es gerade mal mit Mühe und Not, den Nachwuchs an einem halben Nachmittag nicht verhungern, verdursten, sich von einem Spielgerüst hinab in den Tod stürzen, an Erkältung, Masern, Wespenstichen usw. sterben zu lassen und die Gören gleichzeitig mit Eis, Schokolade, Cola, Chips, Fernsehen, Computerspielen usw. gnadenlos zu verwöhnen und für die ganze nächste Woche alltagsunfähig zu machen.

    Da muss schon die Mutter bei, die sagenumwobene Deutsche Mutter™ (das ist die, deren Daseinszweck und höchstes Glück die restlose Selbstaufopferung für ihre Familie ist), sonst fährt der Karren an die Wand…

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